
- Erebos von U. Poznanski - www.loewe-verlag.de
In einer Londoner Schule wird unter der Hand ein Spiel von Schüler zu Schüler weiter gegeben. Atemberaubend spannend ist Erebos, sodass Schüler schwänzen, mit hängenden Augenlidern die Schulstunden absitzen und sich sozial isolieren. Auch Nick möchte Erebos kennenlernen, aber es ist nicht so einfach. Denn nicht er wählt Erebos. Das Spiel wählt ihn. Und dafür muss die Zeit erst reif sein.
Erebos – ein Spiel will töten
Erebos ist kein Computerspiel wie jedes andere. Wer es spielen darf, hat nur eine Chance. Entweder er erweist sich als würdig in den Kreis der Vier aufgenommen zu werden oder aber er wird aussortiert. Nur die Besten kommen weiter. Versager werden „entsorgt“. Was auf gut Deutsch heißt: Das Leben ist verspielt, es gibt keine Chance mehr.
Erebos – ein Spiel mit glasklaren und unerbittlichen Regeln
Erebos wählt seine Spieler. Und diese müssen die Regeln beachten. Das Spiel darf nur allein gespielt werden. Mit niemand kann der Spieler darüber sprechen. Die Aufgaben, die dem Spieler gestellt werden, müssen gelöst werden. Und dies sind auch konkrete Aufgaben in der realen Welt, denn gerade das macht den Reiz des Spiels aus. Es kennt seine Spieler.
Die zu lösenden Aufgaben staffeln sich nach Schwierigkeitsgrad, aber auch nach Gefährlichkeit. Ein Rendez-vous mit einem Mädchen ist kaum der Rede wert. Verbotene Fotos zu machen, Handbremsen zu manipulieren oder unbekannte Gegenstände zu transportieren – all das lässt das Adrenalin höher steigen.
Als Nick sich weigert, seinen Lehrer zu vergiften, fliegt er aus dem Spiel. Dann gibt es auch für ihn kein Zurück mehr. Wie jedem Spieler gibt Erebos auch ihm nur eine Chance. Die hat er vertan.
Nick – gefangen von Erebos
Als Spieler, aber auch als herausgeflogener, fühlt sich Nick beobachtet. Die Augen des Boten aus dem Spiel brennen sich in seinen Nacken. Nick glaubt sich verfolgt und bespitzelt – und das nicht zu Unrecht. Erebos ist überall.
Bald leiden Menschen unter der Macht Erebos und Nick erkennt, dass das Spiel nicht nur ein harmloser Zeitvertreib ist, sondern gefährlich. Spieler, sprich gewöhnliche Schüler verändern sich, mutieren zu Zombies, die bereit sind, für das Spiel und den Platz im Kreise der Vier buchstäblich über Leichen zu gehen. Wohlgemerkt nicht virtuelle Leichen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut.
Nick und Emily – ein Paar im Kampf gegen das Spiel
Nick ist in Emily verliebt, glaubt aber, dass sie ihn kaum bemerkt. Überhaupt steht sie Erebos skeptisch gegenüber und er meint nicht, dass er jemals ihr Vertrauen gewinnen kann.Nachdem Nick aus dem Spiel geflogen ist, tun Emily und er sich zusammen, um das Ziel des Spiels heraus zu bekommen. Warum sollen sie Aufgaben in der realen Welt erfüllen? Was bezweckt der Bote damit? Was ist sein Ziel?
Mit der gemeinsamen Aufgabe wächst auch die Sympathie und Emily und Nick werden ein Paar. Die Liebesgeschichte ist anrührend und feinfühlig erzählt.
Ursula Poznanski – ein Schreibtalent, welches den Leser die Welt um sich herum vergessen lässt.
Das Buch entführt den Leser in zwei Welten, die reale Jetztwelt, in der Nick lebt und mit Eltern und Freunden zusammen ist. Und in der er Erebos Aufgaben lösen muss. Die Szenen der realen Welt sind im Präteritum geschrieben.
Die virtuelle Welt – die Spielzeit – wird im Präsens geschildert. Dadurch baut die Autorin eine Illusion auf. Der Leser verschwindet in einer mythisch-fabelhaften Welt, voller fantastischer Wesen. Mehr und mehr verschieben sich die Welten und verschränken sich miteinander.
Ursula Poznanski schafft glaubwürdige Welten, entführt den Leser mit schlichten und präzisen Worten. Kein Wort ist zu viel. Sie erzeugt Stimmungen mit gezielten Stilmitteln und vermag Spannung aufzubauen, sodass der Leser das Buch nicht loslassen möchte; es mit in die Küche zum Kühlschrank nimmt, und dabei vergisst das Käsebrot zu essen; in der Badewanne das Wasser kalt wird und im Bett nicht mehr geschlafen wird. Bis auch er endlich aus der virtuellen Welt von Erebos entlassen wird.
Ursula Poznanski. Erebos. 2010 Loewe Verlag. 486 Seiten. €
