
- Pädagogische Autorität - Amazon
Roland Reichenbach riskiert etwas. Schon lange nicht mehr hat sich ein Erziehungswissenschaftler so grundsätzlich mit einem umstrittenen Begriff beschäftigt. Seit Bernhard Bueb, der ehemalige Leiter des Internats "Salem", mit seinem "Lob der Disziplin" einen öffentlichen Aufreger verfasst hatte, schien das Thema nur polemisch diskutiert werden zu können. Um es gleich vorwegzunehmen: Reichenbach gelingt es mit soziologischen, psychologischen, psychoanalytischen, literarischen und eben auch erziehungswissenschaftlichen Zugängen völlig ohne Polemik auszukommen. Er schafft es dank sachlicher, wissenschaftlicher Betrachtungsweise, Inhalt und Bedeutung pädagogischer Autorität kenntnisreich und anschaulich zu vermitteln.
Die Krise der Autorität und die Krise der Autoritätskrise
Nach einem einleitenden Überblick erläutert er zunächst den Ursprung der Autorität. Unter Bezug auf die lateinische Wurzel des Wortes verweist er darauf, dass es eigentlich Ratschlag und Empfehlung bedeutet habe und nicht Befehl oder Machtgebrauch. Zugrunde lag, so Reichenbach, insofern eher das Modell des Rat gebenden und lebenserfahrenen Vaters. Allerdings habe man sich heute an den negativen Klang des Wortes gewöhnt und verstehe es meist als Gegensatz zu Freiheit, Autonomie und Demokratie. Reichenbach bezieht sich dabei auch auf Hannah Arendt, die unmissverständlich festgestellt hatte, dass Autorität vor allem eines nicht sei: Gewalt. Wo Gewalt gebraucht werde, so Arendt, habe Autorität immer schon versagt. Schon wegen des Verständnisses von Aufklärung als einer Geschichte der Emanzipation gegenüber Autoritäten sei der Begriff erheblich in die Krise geraten. Doch schon im folgenden Kapitel konstatiert der Autor, auch Krisen könnten in die Krise geraten. So sei die Krise der Autorität zwar ein wichtiges Thema der modernen Pädagogik, insofern Autonomie und Moral sich gerade durch Emanzipation von Autoritäten entwickelten, wie beispielsweise im Generationenkonflikt. Doch sei die Auseinandersetzung zwischen Alt und Jung heute nahezu unbedeutend. Grund: Jugendliches Autonomiestreben treffe zumeist nur auf verständnisvolle Unsicherheit bei den Eltern. Problematisch, so Reichenbach, sei aus seiner Sicht deshalb nicht so sehr die Krise der Autorität, sondern eher die Tatsache, dass es diese Krise nicht mehr gebe. Sie selbst, die Autoritätskrise also, stecke in der Krise.
Zur Psychologie von Befehl und Gehorsam
Das dritte Kapitel widmet sich dem Zusammenhang von Befehl und Gehorsam sowie Freiheit und Ungehorsam. Reichenbach beleuchtet ihn aus entwicklungspsychologischer wie psychoanalytischer Perspektive und bezieht sich auf Studien und Aussagen von René Spitz und Erich Fromm. So lerne das Kind laut Spitz sich zunehmend als Ich seinen Triebwünschen entgegenzustellen, indem es sich mit dem "Nein" seiner Eltern identifiziere. Im weiteren Verlauf jedoch vollziehe sich eine fortschreitende Emanzipation des Jugendlichen. Ungehorsam werde zu Befreiung und notwendigem Tabubruch. Auch Erich Fromm sieht das so: Tatsächlich, so zitiert er Fromm, seien Freiheit und die Fähigkeit zum Ungehorsam nicht voneinander zu trennen. Deshalb könne auch kein gesellschaftliches, politisches oder religiöses System, das Freiheit proklamiere und Ungehorsam verteufle, die Wahrheit sprechen. Weitere Aspekte dieser hochinteressanten und klugen Überlegungen liefert Reichenbach unter Bezug auf Arno Gruen, für den Gehorsam immer pathologischer Gehorsam ist, sowie Hannah Arendt und ihrer Aussage„ Niemand hat das Recht zu gehorchen“, die sie nach der Beobachtung des Adolf – Eichmann – Prozesses formuliert hatte. Reichenbachs Fazit allerdings: Trotz allem könne man aus Arendts Betrachtungen nicht folgern, sich niemals fremder Leitung unterwerfen zu dürfen.
Autorität in der Literatur und in pädagogischen Debatten
Waren die ersten Kapitel eher abstrakter Natur, folgt im Anschluss eine gut lesbare „anschauliche Wende“. Reichenbach hat Romane oder Schriften von Autoren und Autorinnen gelesen, die allesamt den schwierigen Ablösungsprozess Jugendlicher von der Herrschaft starker Autoritätspersonen thematisieren. Von Gavino Leddas "Padre Padrone" bis Albert Camus' "Der erste Mensch" erfährt der Leser Aufschlussreiches über unterschiedliche Möglichkeiten der Befreiung. Es geht spannend weiter. Der Autor widmet sich anschließend der Frage der Autorität in den pädagogischen Debatten und beginnt mit Tolstoj, der nicht nur als Romanschriftsteller, sondern als Begründer einer sogenannten Bauernschule auch als praktischer Pädagoge tätig war. Natürlich dürfen bei einem solchen Parforceritt durch die Autoritätsdebatten vom 19.Jahrhundert bis heute die Namen Alexander Neill (Summerhill) und Bernhard Bueb nicht fehlen. Reichenbach deutet die kontroverse und emotionale Rezeption in der deutschen Öffentlichkeit über Buebs "Lob der Disziplin" als Unfähigkeit, überhaupt eine halbwegs entspannte Debatte um Autorität und Disziplin führen zu können.
Autorität im pädagogischen Bereich darf nicht nur negativ beurteilt werden
Nachdem der Autor in den folgenden Kapiteln den Autoritätsbegriff auch unter Verweis auf die allseits bekannten Erziehungsstilforschungen hinsichtlich seiner empirischen Dimension erörtert und zu Recht auf die damit verbundenen Schwierigkeiten verweist (u.a. eine kaum vorhandene praktische Relevanz), liefert er anschließend weitere Argumente aus entwicklungspsychologischer Perspektive, die den Wandel von Autorität und Gehorsam im Laufe des Wachstumsprozesses eines Kindes in den Mittelpunkt rücken. Sein Hauptanliegen: Er will die Debatte um Autorität auf ihren zentralen pädagogischen Kern zurückführen und wendet sich gegen eine einseitige politische oder ideologische Betrachtungsweise. So folgert er am Schluss: Pädagogische Autorität sei Eigenschaft einer Beziehung und eben nicht Merkmal einer Person. Ihre Basis sei Vertrauen, das Kinder ihren Eltern und in geringerem Maße Schüler ihren Lehrern entgegenbrächten. Eltern wie Lehrer trügen also ein hohes Maß an Verantwortung.
Ein insgesamt sehr lesenswertes und aufschlussreiches Buch.
Roland Reichenbach, Pädagogische Autorität, W.Kohlhammer - Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-17-020530-7, 24,90 Euro
