Rezension: Der Tag war blau

Ein behutsam erzählter Roman der Autorin Emmanuelle Pagano

Pagano: Der Tag war blau - Verlag Klaus Wagenbach
Pagano: Der Tag war blau - Verlag Klaus Wagenbach
Auf hohem Niveau unterwegs zwischen Kindheit und Erwachsenwerden, zwischen sexueller Orientierung und Transsexualität. Eine Suche nach Identität.

Die außergewöhnliche Lebensgeschichte der Schulbusfahrerin Adèle führt den Leser durch die karge Hochebene des Zentralmassivs, eine Vulkanlandschaft um die Wasserscheide von Atlantik und Mittelmeer, dorthin, wo die Loire entspringt. Emmanuelle Pagano hat diese Gegend mit Bedacht gewählt. Kaum eine andere wäre besser geeignet, um die Scheide zwischen Kind- und Erwachsensein zu verorten und zu bebildern. Je länger Adèles Fahrt dauert, desto mehr Farbe nehmen Fels und Wetter an, desto schärfer wird Riss von Spalt unterschieden, Nebel von Dunst, und die Menschen dieser Landschaft sind dem Leser schließlich so vertraut, als wäre er einer von ihnen.

Kindheit, Jugend und Erinnerung

Sylvain, Lise und Minuit heißen die Kinder, die Adèle seit zehn Jahren wortkarg befördert. Nadège, Sébastien, Joël, Julien, Marine und Marie, Thierry, Hugues und Nielle. Die Ich-Erzählerin teilt sie in die Großen und die Kleinen, nennt sie "meine Kinder", und bereits in diesen Namen liegt Männliches wie Weibliches, liegt Androgynes. Jede Veränderung nimmt Adèle an den Heranwachsenden wahr – das Original erschien 2007 unter dem Titel "Les Adolescents troglodytes" – und während sie deren Entwicklung beobachtet, gewinnt die Erinnerung an die eigene Raum. Selbst zurückgekehrtes Kind dieser Landschaft, sagt sie: "Ich spielte häufig sterben, als ich noch ein kleiner Junge war, ich wollte, dass man um mich weint."

Bruder, Schwester, Zwilling

Starke Motive findet Emmanuelle Pagano für die Suche nach Identität. Das Hin-und-hergerissen-, das Nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Sein, das Yin und Yang durchdringt Wörter, Begriffe, Geschicke. Da sind Sylvain und Nielle, zwei ungewöhnliche Jungen, "befreundet und zertrennlich". Minuit, "der klitzekleine, so goldene Bruder mit den langen Haaren", den dennoch keiner für ein Mädchen hält. Der weibliche Baum und Paule und Nil, die Zwillinge. "Jeden Tag tauschen sie einen Charakterzug, eine Pose untereinander aus, bis man sie nicht mehr auseinanderhalten kann. Sie sind falsche Zwillinge, die echter erscheinen als echte." Schließlich Axel, Adèles jüngerer, mit allen männlichen Attributen ausgestatteter Bruder, der seinen großen, zarten Bruder liebte, ihn aber als Schwester lange Zeit verneint. Und natürlich die Protagonistin auf ihrem schweren Weg vor und nach der Geschlechtsumwandlung. Ausgeschlossen fühlt sie sich von den Dingen, "ein wenig so, als hätte sie keinen Namen oder keine Stimme, keine Beine und keinen Bezug". Für all dies Dazwischensein findet die Autorin die richtigen Worte. Mit bezaubernd poetischer Sprache und Mut zu Wahrhaftigkeit webt sie Bilder voller Kraft und Farben.

Die Farben

"Kein wässriges Romanrosa", es ist das eher spröde, undurchdringliche Blau des Tages, das stille Grau, Schwarz, Weiß des Mondregenbogens, das diesen Roman leuchten lässt. Es ist das "sonnenzerfressene Lichtgrün der Birken" und das Blaugrau des Scheunentors, das der Vater Adèles aus Flugzeugteilen fertigte. Ein wenig erinnert dieser kühle Farbrausch an Margriet de Moor: Erst grau dann weiß dann blau. Nur wenige Sätze halten mit der Erzählung nicht Schritt, wenige Bilder hinken ihr nach, als wäre bei all der Fülle für sie keine Zeit geblieben. Kommentierende oder psychologisierende Sätze wie "Es ist mein erstes poeto-meteorologisches Phänomen" etwa, oder "Der Wind ist wieder da wie schallende Ohrfeigen ohne Kompass".

Meerjungfrau, Hexen und weiße Damen

Emmanuelle Pagano hat einen sensiblen, intelligenten Roman geschrieben. Für die Schwachstellen im Fels wie für die Brüchigkeit des eigenen Seins, für Fels- und Blutsturz, Totgeburten, Kälberzieher hat sie ein märchenhaftes Netz gespannt, das hoffentlich so legendär wird wie "die weißen Damen an den Straßenrändern". Wundern würde es nicht, bei einer Autorin, die so schlicht über große Themen schreibt: "Herrlich ist der Ort, an dem man lebt, es hängt allein davon ab, wie man aufsteht, wie man hinausschaut, es hängt davon ab, ob man schaut."

Emmanuelle Pagano: Der Tag war blau. Verlag Klaus Wagenbach 2008. Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger. Gebunden, 176 Seiten. Euro 17,90 Euro (D), 18,40 Euro (A), 31,70 sFR (CH).

Elke A. Sommer, Elke A. Sommer

Elke A. Sommer - Elke A. Sommer ist 1956 in Hochstadt am Main geboren. Nach dem Abitur im Jahr 1979 Studium der Germanistik und Geschichte in München, ...

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