
- Ich schlage vor, dass wir uns küssen - Sabrina Sann
Jung. Verliebt. Elektriker-Lehrling. Herr W. fand sich weder sonderlich sonderlich noch sonderlich staatsfeindlich, während er dichtend und Liebesbriefe schreibend sein ganz normales Leben in der DDR führte. Zwar wollte er lieber Philosophie studieren und „Jahre schwänzend“ seine Geliebte aus der BRD küssen, doch was war daran schon „sozialistisch konterrevolutionär“?
Wie sich beim Blick in die Stasi-Akte herausstellte: Quasi alles.
Missverständnis? Erinnerungslücke? Identitätsverzerrung?
20 Jahre nach dem Mauerfall wird Herr W. verwunderlicherweise zu einer „Podiumsdiskussion unbekannter Untergrunddichter in der DDR“ eingeladen. Und obendrein soll er – bekannt als „von der Stasi beschatteter Staatsfeind" und „Anhänger der Gruppe 61“ – auch noch der wichtigste Redner der Veranstaltung sein. Handelte es sich um ein Missverständnis? Eine Erinnerungslücke? Vergangenheitsverdrängung? Er nimmt Einsicht in seine Stasi-Akte. Was er dort vorfindet, ist eine vollumfängliche Fehlinterpretation seiner abgefangenen und bespitzelten Briefe und Gedichte an Liane – „der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, nein: mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit schönsten Frau der Welt.“
Rayk Wieland erzählt, wie sich die Stasi selbst in den Wahnsinn trieb
Der Roman beschreibt, wie die Stasi lyrische Werke eines Postpubertierenden als vermeintliche Hinweise auf Staatsfeindlichkeit interpretiert und überinterpretiert – und lässt diese letztlich mit einem paranoiden (Staats-)Charakter im Rampenlicht stehen.
Auf humorvolle Weise erfährt der Leser die Wahrheit hinter den Missverständnissen um die Identität W.´s, um die „Gruppe 61“ und um W.´s „Republikfluchtpläne“. Dabei wird politik-geschichtliches Hintergrundwissen, vielmehr aber noch Wortspiel-Liebhaberei, vorausgesetzt.
Politik-Geschichte, Philosophie, Kunst, Literatur, Liebe und vor allem: Wortwitz
Der Roman umfasst tatsächlich nur knappe 200, jedoch gefühlt mindestens 500 Seiten. Und zwar nicht, weil er langwierig ist, sondern weil die Informationsdichte einzelner Kapitel kaum geringer ist als die Bevölkerungsdichte in Berlin. Politik-Geschichte, Philosophie, Kunst, Literatur und Liebe - alles in einem Buch, in einem Kapitel, in einem Satz.
Selbst auf den etwas langatmigeren Verbindungswegen von einem Thema zum nächsten hält der Autor den Leser eifrig mit einer assoziationsstarken Sprache und brüllendem – anfangs fast etwas zu sehr nach Aufmerksamkeit kreischendem – Wortwitz bei der Stange.
"Ich schlage vor, dass wir uns küssen": 20 Zeilen lange Sätze - und trotzdem ein gutes Buch
Verschiedene Wahrnehmungsebenen machen das Lesen zeitweise zum Rätselraten: Es gibt eine aktuelle Situation, doch der wesentliche Kern des Romans sind die Erinnerungen des Herrn W. Innerhalb dieser Erinnerungen gibt es Erinnerungen, Träume und detaillierte Wahrnehmungsbeschreibungen. Innerhalb der Wahrnehmungsbeschreibungen auch noch gedankliche Windungen: "nein, oder, ach ja, doch".
Gemessen an dieser Komplexität sind die verschachtelten Satzkonstruktionen geradezu ein Spaziergang im Park. Der längste Satz des Buches windet sich – ausgestattet mit 34 punktfremden Satzzeichen – über 20 Zeilen hinweg. Abgesehen natürlich von Aufzählungssätzen; die können schon mal eine ganze Seite füllen.
Schachtelsätze hin oder her: Insgesamt ist Rayk Wielands neuer Roman eine Fundgrube für Querdenker, Wortliebhaber und Sprachspitzler ... äh ... witzler und für alle, die sich deutscher Politik-Geschichte einmal auf lebhaftere Weise nähern wollen als durch die übliche Literatur.
Rayk Wieland - ein Gelegenheitskommunist
Der Autor, Rayk Wieland, wurde 1965 geboren, lernte Elektriker und studierte Philosophie. Er lebt in Hamburg, erforscht die Rauchentwicklung bei Cirgarren, schreibt für Funk und Fernsehen und bezeichnet sich als „Gelegenheitskommunist“. Gemeinsam mit Gerhard Henschel veranstaltet er einmal monatlich den „Toten Salon“ im Nachtasyl des Hamburger Thalia Theaters.
Rayk Wieland: Ich schlage vor, dass wir uns küssen. Verlag Antje Kunstmann 2009. Euro 17,90.
