
- Relief in Lorsch - Inspiration für Buchmaler? - Foto: Eva Bambach
Die Bibliothek des Klosters Lorsch barg im Mittelalter bedeutende Schätze der Buchkunst, unter denen an erster Stelle sicher das berühmte „Lorscher Evangeliar“ zu nennen ist, dessen Teile sich heute unter anderem in der Vatikanischen Bibliothek und in der rumänischen Nationalbibliothek befinden. Berühmt war auch das Lorscher Skriptorium, wo wichtige Bücher von Hand kopiert wurden. Wie es in Lorsch aber um die Buchmalerei bestellt war, mit der besonders wertvolle Bücher ausgeschmückt wurden, ist bislang kaum erforscht.
Dr. Matthias Exner, Mitarbeiter beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, hat die illuminierten Handschriften untersucht, die aufgrund ihrer Schriftmerkmale mit dem Lorscher Skriptorium in Verbindung gebracht werden können.
Schwierigkeiten bei der Zuordnung der Buchmalerei
Da naturwissenschaftliche Untersuchungen der in Frage kommenden Handschriften nicht vorliegen, musste die Zuordnung allein aufgrund des Vergleichs von Stil- und Motivmerkmalen erfolgen. Eine Schwierigkeit bestand auch darin, dass ein Dokument mit typisch Lorscher „Handschrift“ nicht zwingend auch in Lorsch entstanden sein muss – es ist schließlich denkbar, dass ein in Lorsch ausgebildeter Schreiber später in einem anderen Kloster tätig wurde. Umgekehrt ist auch bezeugt, dass auswärtige Buchmaler sich vorübergehend in Lorsch aufgehalten haben.
Zwar lässt sich in Lorsch bislang keine durchgehende Entwicklung in der Buchmalerei nachweisen, wohl aber können vereinzelte Phasen angenommen werden. Nach den von angelsächsischer Buchmalerei geprägten Anfängen, in denen die von außen kommenden Vorbilder mit mehr oder weniger Geschick nachempfunden wurden, lassen sich zwei Phasen erkennen, die von in der Lorscher Bibliothek verwahrten Hauptwerken der mittelalterlichen Buchmalerei maßgeblich beeinflusst wurden. Die erste Phase ab etwa dem zweiten Viertel des 9. Jahrhunderts steht in Zusammenhang mit dem Erwerb des „Lorscher Evangeliars“, einer an der Hofschule Karls des Großen in Aachen entstandenen, luxuriös mit ganzseitigen Malereien und aufwändigen Initialen verzierten Sammlung der vier Evangelien. Sechs heute noch nachweisbare Evangelienbücher entstanden in Lorsch nach dem kostbaren Vorbild – davon fünf mit Illuminationen. Alle beziehen sich eindeutig auf das Vorbild, jedoch in jeweils sehr unterschiedlicher Weise und ohne an das kostbare Vorbild heranzureichen.
Vorlage für die Buchmaler waren auch Wandmalereien
Nicht nur das „Lorscher Evangeliar“ kann jedoch als Vorlage und Inspirationsquelle für die Lorscher Buchmalerei angenommen werden, sondern auch zum Beispiel heute verlorene Wandmalereien des Klosters – davon zeugen zum Beispiel noch als Fragmente erhaltene Federzeichnungen. Zu einem in sich schlüssigen Komplex können diese jedoch nicht zusammengefasst werden.
Nach einem Rückgang der Produktion kam es im Ausgang des 10. Jahrhunderts zu einer neuen Blüte der Lorscher Buchmalerei unter dem kunstsinnigen Abt Saleman, der unter anderem ein kostbares Sakramentar bei dem Meister des Registrum Gregorii für das Lorscher Kloster bestellte. Das von diesem herausragenden Meister geschaffene Werk zählt zu den Höhepunkten ottonischer Buchkunst und sein Vorbild prägte das Schaffen der Lorscher Buchmaler in den nächsten Jahrzehnten. Eine Gruppe von fünf Handschriften, die mit dem Namen des Uodalricus in Verbindung stehen – er war zunächst Leiter des Lorscher Skriptoriums und später Abt - zeugt von dieser sehr erfindungsreichen Phase Lorscher Buchmalerei.
Quelle:
Matthias Exner, "Buchmalerei im Kloster Lorsch, in: Katalog „Vom Reichskloster Karls des Großen zum Weltkulturerbe der Menschheit“, Petersberg 2011
