
- Das Buchmesse-Plakat mit dem Logo des Ehrengastes - Frankfurter Buchmesse
Der Name Argentinien lässt den Fußballfan sofort an Diego Armando Maradona denken und den Literaturliebhaber an Jorge Luis Borges. Maradona stand in Deutschland diesen Sommer als Trainer des deutschen Viertelfinalgegners im Mittelpunkt, Jorge Luis Borges gehört der Herbst, denn Argentinien ist vom 6. bis 10. Oktober Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Zum zweiten Mal in diesem Jahr schauen viele Deutsche also auf Argentinien, den zweitgrößten Staat Südamerikas, dessen Name vom lateinischen Wort für Silber, argentum, stammt, welches die spanischen Eroberer, die das Land bis zur vollständigen Unabhängigkeit 1816 zu ihren Kolonien zählten, dort zu finden glaubten. Doch so wie der argentinische Fußball im Schatten Maradonas noch weitere bedeutende Spieler zu bieten hat, bietet auch die Literatur Argentiniens noch weitere bemerkenswerte Schriftsteller.
Jorge Luis Borges: Erzählungen, Essays und Lyrik
Die Argentinier gelten nicht nur als absolut fußballbegeistert, sie lesen auch sehr viel, in der Hauptstadt Buenos Aires soll es ungefähr 350 Buchhandlungen geben. In Deutschland nehmen jedoch die meisten das Fußball-Land Argentinien in weit höherem Ausmaß wahr als das Leseland Argentinien. Nicht wenigen gilt Maradona sogar als der beste Fußballspieler des 20. Jahrhunderts, während seine kurze Laufbahn als Trainer der argentinischen Nationalelf weniger erfolgreich war, denn nach dem verlorenen Viertelfinale gegen Deutschland hatte er seinen Trainerposten nicht mehr lange. So bekannt wie Maradona ist Jorge Luis Borges, geboren 1899 in Buenos Aires, gestorben 1986 in Genf, in Deutschland nicht, vielen ist sein Name jedoch ein Begriff, denn er verfasste zahlreiche phantastische Erzählungen, Gedichte und Essays und gilt als einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Schriftsteller.
Während Maradona erst durch den Fußball den sozialen Aufstieg schaffte, wurde Borges in wohlhabende Verhältnisse geboren. Der Vater war Rechtsanwalt und Dozent für Philosophie und Psychologie, der nebenbei auch als Autor und Übersetzer hervortrat, die Mutter arbeitete als Übersetzerin, unter anderem der Werke Katherine Mansfields ins Spanische. So hatte der Autor schon viele Jahre intensiven Kontakt mit der Literatur, als er 1923 den ersten Gedichtband veröffentlichte, als Erzähler debütierte Borges 1935 mit dem phantastischen Erzählband Universalgeschichte der Niedertracht. Es folgten zahlreiche weitere Erzählungen, Essays und Gedichte, zudem schrieb er kriminalistische Prosa und gab gemeinsam mit anderen Autoren eine Krimireihe heraus, auch nach seiner Erblindung im Alter von etwa fünfzig Jahren arbeitete Borges weiter als Schriftsteller.
Julio Cortázar und weitere argentinische Autoren
Borges ist gewiss der bekannteste Name der argentinischen Literatur, doch der Lionel Messi der Literatur heißt Julio Cortázar, 1914 in Brüssel geboren und 1984, als mittlerweile französischer Staatsbürger, in Paris gestorben. Noch als Lehrer an verschiedenen Provinzschulen begann er mit dem Schreiben, der erste Gedichtband erschien 1938, die erste Erzählung wurde 1944 in einer Zeitschrift abgedruckt, 1951 verließ er Argentinien und ging nach Paris. Neben Gedichten und Erzählungen schrieb Cortázar auch Theaterstücke und Romane, sein bekanntester Roman, Rayuela, wurde 2010 als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag neu aufgelegt, auch Cortázars Werke haben eine stark phantastische Note. An die argentinische Tradition des phantastischen Erzählens erinnern sich auch einige zeitgenössische argentinische Schriftsteller, wie etwa die 1978 geborenen Samanta Schweblin, die in ihrem aktuellen Erzählband Die Wahrheit über die Zukunft ein junges Mädchen lebendige Vögel verspeisen lässt.
Auseinandersetzung mit der Militärdiktatur
Viele der heutigen Schriftsteller beschäftigen sich jedoch mit der Zeit der Diktatur, unter ihnen der 1976 geborene Félix Bruzzone, dessen Eltern zu den sogenannten Verschwundenen gehören, die während der Militärdiktatur verhaftet und nie mehr gefunden wurden. Bruzzone veröffentlichte 2007 den Erzählband 76 , dessen Besonderheit darin liegt, dass alle Erzählungen von Kindern von Verschwundenen handeln, 2010 erschien das Buch in deutscher Übersetzung im Berenberg Verlag. Auch Arturo Balz, Held in Carlos María Domínguez im August 2010 im Suhrkamp Verlag erschienenem Roman Die blinde Küste, ist von der Diktatur geprägt. Er trauert um seine große Liebe, die aus dem diktatorischen Uruguay in das ebenfalls diktatorisch regierte Nachbarland Argentinien floh, wo sie verschwand.
Auch wenn sich derzeit viele argentinische Schriftsteller mit der Militärdiktatur befassen, gibt es noch andere Themen. Claudia Piñeiros aktueller Roman Die Donnerstagswitwen beschreibt die privilegierte Welt der Oberschicht, die sich hinter Zäunen abschottet, Fabián Casas’ Erzählungen Lob der Trägheit und Die Panikveteranen widmen sich dem Leben in Boedo dem Arbeiterviertel von Buenos Aires. Rund 200 argentinische Verlage und etwa 45 Schriftsteller präsentiert das Gastland auf der Buchmesse, dank eines vom argentinischen Staat unterstützten Übersetzungsprogramms wurden zahlreiche Bücher ins Deutsche übersetzt. Doch auch in der vom Ehrgenast gestalteten Präsentation spielt Borges als Argentiniens bedeutendster Schriftsteller eine große Rolle. Mit dem Literaturnobelpreis wurde er übrigens nicht bedacht und viele vermuten, der Grund dafür liege in seiner politischen Haltung: Borges nämlich hatte eine positive Meinung über die Diktaturen in Südamerika und unterstütze auch den Militärputsch in Argentinien. Erst spät besann er sich eines besseren und wandte sich von der Diktatur ab.
