Buchpreis Nominierung Sibylle Lewitscharoffs "Blumenberg"

Sibylle Lewitscharoff porträtiert den Philosphieprofessor Blumenberg in ihrem gleichnamigen Roman. Dabei spielt ein Löwe eine entscheidende Rolle...

Lewitscharoff fühlt sich in in ihrem Roman in einen kurzen Abschnitt aus Blumenbergs Leben ein. Der Philosoph ist in dieser Zeit bereits eine anerkannte Größe. Studenten gehen in seine Vorlesungen, um die berühmte Persönlichkeit zu erleben und sie werden von ihm eingefangen. Dabei stellt Lewitscharoff ihn nicht gerade als einen philantropisch veranlagten Charakter dar. Seine Studenten nimmt er kaum wahr und ist froh, wenn sie ihn nach der Veranstaltung nicht mit dummen Fragen oder Verehrungsbekundungen belästigen. Leere Coladosen, die sie stehen gelassen haben, sei es unabsichtlich oder um ihn zu ärgern, verunsichern ihn zutiefst. Mit spitzen Fingern wirft er sie in den Abfall, sehr zur Belustigung seiner Zuhörer. Doch die ist von kurzer Dauer. Nach wenigen Minuten schon sind sie fasziniert von Blumenbergs Vorlesung, die er frei hält. Seine Worte sind präzise und er schafft es ebenso anekdotenhaft wie tiefsinnig zu sprechen.

Der Löwe

Lewitscharof schildert dieses Phänomen in zwei Erzählsträngen. Sie beginnt mit einer seltsamen Begegnung. Als er eines Tages in sein Arbeitszimmer kommt, trifft Blumenberg dort auf einen alten aber nichtsdestotrotz äußerst majestätischen Löwen. Er ist sich gleich sicher, dass dieser Löwe da ist, um ihn zu begleiten. Er scheint ebenfalls zu wissen, dass er wahr ist und trotzdem nicht unbedingt materiell. Als der Löwe in der Vorlesung auftaucht, wird er nur von Blumenberg selbst bemerkt. An einem anderen Tag begegnet er jedoch einer Nonne, die ihn sogleich auf den Löwen an seiner Seite anspricht. Der Löwe wird zum Mittelpunkt von Blumenbergs Gedanken. Er beschäftigt sich theoretisch mit dem Motiv des Löwen und erkennt, dass er für ihn persönlich zum unverzichtbaren Trostspender wird. Doch auch der Löwe erreicht nicht, dass Blumenberg sich traut mehr an der Außenwelt teilzunehmen und einmal wieder mit seinen Studenten zu diskutieren zum Beispiel. Dabei habe er das früher doch gern gemacht.

Die Autorin deutet auch diesen frühen Blumenberg an. Er kümmerte sich nachts um die Sorgen seiner Kinder. Er ging mit Freunden aus und suchte fröhlich die philosophische Auseinandersetzung. In dieser Zeit muss er auch seine Frau kennen gelernt haben. Doch die Menschen aus dieser Zeit sind in Lewitscharoffs Erzählung nur noch Geister der Vergangenheit, die lediglich in seinen Erinnerungen leben. Als handelnde Figur kommt nur noch Blumenbergs Frau, die ihn am End tot in seinem Arbeitszimmer auffindet.

Vier Studenten

Dafür lässt die Autorin ihre Leser in einem zweiten Erzählstrang am Leben von vier seiner Studenten teilhaben. Da ist die fleißige und völlig überspannte Isa. Sie hat sich auf tragische Weise in Blumenberg verliebt. Der Professor kennt nicht einmal ihren Namen. Als das theatralische Mädchen sich selbst in einem weißen Kleid von einer Autobahnbrücke stürtzt, kann er diesen Vorfall nicht einmal mit der Studentin in Verbindung bringen, die immer in der ersten Reihe saß. Isas Freund Gerhard geht zunächst nur ihretwegen in Blumenbergs Vorlesungen, kann dessen mitreißender Rede aber auch nicht widerstehen. Er ist der einzige, der Blumenberg auffällt, da er sich traut zur Besprechung einer Abschlussarbeit in dessen Sprechstunde zu gehen. Gerhard hat eine akademische Karriere als beliebter junger Dozent vor sich, der leider einen Herzschlag erleidet bevor er eine Professur antreten kann. Hansi ist dagegen ein hoffnungsloser Einzelgänger. Er wird später eine philosophische Praxis zu Ehren Blumenbergs eröffnen und schließlich mangels Erfolg als Straßenprediger enden. Richard scheitert an einer Doktorarbeit über Blumenberg und findet auf einer Reise nach Südamerika sein jähes Ende. Am Schluss des Romans treffen sich alle in einer platonesken Höhle wieder, Blumenberg, die Nonne, Isa, Gerhard, Hansi und Richard und natürlich der Löwe, der seinen Philosophen jedoch bald in höhere Gefilde und von den Augen des Lesers wegführt.

Literarische Überspannten trifft Philosophie

Lewitscharoffs Roman ist engagiert. Sie nähert sich einem großen Philosophen mit literarischen Mitteln. Dabei wirkt ihr Tonfall oft überspannt und geradezu kitschig. Die Passagen über Blumenberg versuchen wohl, seine Art zu reden einzufangen, doch, wie die Autorin selbst bemerkt, echte Blumnberg-Zitate sind nicht zu finden. Vielleicht hätte der Philosoph sich das ein oder andere Mal etwas weniger blumig ausgedrückt. Die Kapitel, die von den philosophischen Schülern berichten, sind dagegen eine willkommene Abwechslung. Hier wird Lewitscharoffs Stil leichter und schnörkelloser. Es gelingt ihr weit besser die Lebensart dieser jungen Menschen einzufangen als die ihres weltfremden Lehrers. Befremdlich sind auch die Sprünge auf die Metaebene. Lewitscharoff führt einen fiktiven Erzähler ein, der ausgelassene Phasen zusammen fasst oder sich für die Häufung früher Todesfälle entschuldigt. Trotz dieser Eigenarten und so mancher Länge ist Lewischaroffs Roman durchaus lesenswert. Er entfaltet eine subtile Komik, die mit starker Empathie für die Figuren einher geht. Ist der Anfang noch etwas zäh, so kann der Leser sich schon bald nicht mehr ihrem Charme entziehen. So oder so ähnlich mag es einem vielleicht auch in den Vorlesungen des großen Philosophen ergangen sein. Zu Gunsten dieser Sogwirkung seien ihr einige Ungereimtheiten großzügig verziehen.

Lewitscharoff, Sibylle: Blumenberg; Suhrkamp; 2011; gebundene Ausgabe; 216 Seiten; 978-3-518-42244-1; 21,90 Euro

zum Weiterlesen über Blumenberg sei empfohlen:

Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos; Suhrkamp; 1979; 699 Seiten; kartonierte Ausgabe; 978-3-518-29405-5; 20,00Euro

Höckendorff, Mareike: Vom Suchen und Finden der Liebe; GRIN; 2011; 26 Seiten; kartonierte Ausgabe; 978-3-65601915-2; 12,99 Euro

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Mareike Höckendorff - Ich bin gelernte Buchhändler und habe viele Jahre im Buchhandel gearbeitet. Meine Schwerpunktgebiete waren Kinder- und ...

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