
- Philippe Grimbert: EIn Geheimnis - Suhrkamp Verlag
"Als Einzelkind hatte ich lange Zeit einen Bruder." Mit diesem starken ersten Satz beginnt der Roman, den der 1948 in Paris geborene Philippe Grimbert geschrieben hat. Fast 50 Jahre nach den Ereignissen hat sich der französische Autor und Psychoanalytiker an die bewegende Geschichte seiner eigenen Familie gesetzt und diese als Roman aufgeschrieben. Nicht umsonst stand das Buch monatelang auf den französischen Bestsellerlisten und verhalf dem Autor zu seinem Durchbruch. Die Geschichte nimmt den Leser gefangen und lässt ihn nicht mehr los.
Das Buch selbst ist voller Geheimnisse, die der Leser erst nach und nach bemerkt
Tatsächlich empfiehlt es sich, die knapp 160 Seiten der deutschen Ausgabe ein zweites Mal zu lesen, denn nicht nur die Geschichte erzählt ein Geheimnis, auch der Autor streut Bemerkungen oder Beobachtungen ein, deren Bedeutung sich erst im Laufe der weiteren Ereignisse zeigen. So liest man Sätze, die zwar wie in Stein gemeißelt dastehen "...die später den Bund fürs Lebens schlossen, um mich zu zeugen, mich zu lieben und mich zu belügen." - doch man versteht sie noch nicht. Man will sie zwar wissen, aber auch "unwissend" liest man weiter, lässt sich von dem Schicksal des Ich-Erzählers, dem viel zu kleinen, mageren und unsportlichen Jungen durch das Leben mit seinen schönen und sportlichen Eltern führen. Man spürt die Liebe der Familie, aber auch etwas untergründig Rumorendes, etwas für das es noch keine Worte gibt. "...eine unsichtbare Schranke sorgte für eine gewisse Distanz zwischen ihnen und mir, die keine Fragen zuließ und jede Vertraulichkeit ausschloss. Wie in einem Geheimbund, der durch eine unmögliche Trauer zusammengehalten wurde." Er sucht sich Louise, eine Masseurin, als Vertraute und Freundin außerhalb seiner Familie.
Der Ich-Erzähler beginnt seine eigentliche Vergangenheit zu entdecken
Philippe Grimbert, der die Geschichte ja kennt, schafft es hervorragend, den Leser genau in dem richtigen Tempo mit seiner Ich-Person an das Geheimnis heranzuführen. Während dieser sich eine "ideale Familie zusammenträumte", den Beginn der Liebesgeschichte seiner Eltern und seine Zeugung fern einer traumatischen, jüdischen Geschichte herbeidichtet, zeigt sich in der Realität eine andere Entwicklung. Der Ich-Erzähler entdeckt in der Abstellkammer – sehr zum Leidwesen seiner Eltern – einen kleinen Plüschhund, nimmt diesen mit und erfindet ab diesem Zeitpunkt einen älteren Bruder. Und er reagiert auf einen in der Schule gezeigten Dokumentarfilm über die Judenverfolgung und die Judenvernichtung. Das erste Mal in seinem Leben prügelt er sich, der körperlich stets Unterlegene, mit einem Mitschüler. Dies ist wie ein Zeichen für Louise, ihm im Nachhinein seine wahre Vergangenheit zu erzählen, die auch zum Teil ihre Vergangenheit war. Erstmals wird dem Ich-Erzähler bewusst, dass er selbst Jude ist.
Die wahre Vergangenheit ist nicht idyllisch sondern tragisch
Philippe, der Ich-Erzähler, ist fünfzehn, als er von der Verfolgung seiner Familie erfährt und auch davon, dass er tatsächlich einen Bruder hatte. Es ist ein unbewusstes Wissen, das ihn ein Leben lang verfolgt hatte. Sein realer Bruder, Simon, der Sohn der ersten Frau seines Vater, ist mit seiner Mutter deportiert und vergast worden. Seine für ihn bis dahin perfekten Eltern mit ihren perfekten sportlichen Körpern, waren nicht ganz unschuldig an diesem Unglück, doch trotzdem ist das nun nicht mehr verborgene sondern ins Licht geholte Wissen um diese Vergangenheit befreiend für den Ich-Erzähler. Er lässt seinen Bruder, der bis dahin nie begraben war, in ein Buch über die französischen deportierten Kinder eintragen. "Dieses Buch würde sein Grab sein."
Philippe Grimbert schafft Figuren, die man nicht so schnell vergisst
Manche Geschichten müssen erst viele Jahre reifen, bis sie erzählt werden können. Es sind meist solche Geschichten von großem Schmerz. Während dem Nationalsozialismus gab es viele davon, die erst Generationen später ohne Vorwürfe oder Pathos erzählt werden konnten. Philippe Grimbert ist das mit Bravour gelungen und er holt daher nicht nur eine heute unvorstellbare Zeit wieder ins Gedächtnis zurück, er macht auch das Schicksal einer jüdischen Familie transparent. Indem er die Personen als Menschen beim Leser wieder auferstehen lässt - mit ihrer eigenen Schuld und normalem menschlichem Versagen auch in einer Zeit, in dem diese Personen eigentlich Opfer waren. Doch Opfer werden auch zu Tätern, wenn nicht direkt, dann doch durch das eigene Schweigen, das "Verschweigen". Durch "Ein Geheimnis" wurde etwas wieder ans Licht gebracht. Der Leser wird diese Familie und deren Schicksal nicht so schnell vergessen.
Philippe Grimbert: Ein Geheimnis, Suhrkamp Verlag. 2006. 155 Seiten, gebunden, Euro 17.80. Auch als Taschenbuch lieferbar.
