Die Lektionen ist ein Sommerbuch, das man an irgend einem Strand lesen, sich in einer flirrend heissen Stadt reinziehen oder in drei kühlen Sommernächten genießen kann. Der frische Roman von Naomi Alderman kommt in sommerlicher Unterwasser-Verpackung daher, verweist jedoch schon mit dem Buchcover auf einen Inhalt mit viel Tiefgang. Die Autorin, selbst Absolventin der Oxford Universität, schreibt neben Romanen auch Kurzgeschichten und Online-Spiele. Mit ihrem neuen Roman legt sie ein abgrundtiefes Werk vor.

Romanheld James Stieff erkämpfte sich ein Studium der Physik an der Eliteuniversität Oxford. Durch einen Unfall läuft es für ihn jedoch leider nicht wie geplant - sein Werdegang ist fortan durch Aufstieg und Fall gekennzeichnet. Die ehrgeizige Musik-Studentin Jess verliebt sich in ihn, führt ihn in die Clique um den charismatischen Mark ein. Keiner der Studenten kann dem Angebot widerstehen, mit ihm zusammen in den alten Familiensitz zu ziehen. Als dekadente Wohngemeinschaft mit opulenten Festen und ausschweifenden Liebschaften verstricken sich die Freunde in immer stärker werdende Abhängigkeit von Mark. Im Verlauf der Geschichte läßt Romanautorin Alderman ihren Helden James stellvertretend für alle anderen Figuren den harten Weg durch die Instanzen an der ruhmreichen Universität Oxford bis zum Point of No Return durchleben. Das Verhängnis ist bereits vorgezeichnet.

Hinter historischen Mauern

Diesem Appetizer kann sich niemand entziehen: Überall im Garten lagen Lebensmittel herum, der Pool war voll davon. Überall im Haus - verstreute Klamotten – weiter vorne: halbnackte Leiber. Stefano, Bruno und Magdalena und Mark, quer über sein Bett ausgestreckt. Am folgenden Morgen heult sich Mark bei James aus: „Du weisst noch, wie ich früher war, kennst mich wirklich. Für die anderen bin ich doch nur „der dumme Engländer, der zu viel Kohle hat und zu viel Drogen einwirft. Ich will Daisy wieder haben.“

Mit Einschüben von Blicken in die Zukunft, wie es mit James ausgehen wird, verwebt Autorin Naomi Alderman geschickt Gegenwart und Zukunft: Hier in Oxford war er nun nicht mehr der Beste, war nur noch Mittelklasse. „Dranbleiben“, hatte Dr. Strong ihn aufgefordert. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als James auf glattem Eis ausrutscht und sich schwer am Knie verletzt. Im Gespräch mit seinem Studienvater Dr. Boykott läßt sich nichts klären, im Gegenteil. In folgenden Vorlesungen läßt der Dozent seinen Studenten auflaufen, einen anderen Studenten brillieren und profitiert selbst vom Gelächter des versammelten Auditoriums. Unaufhaltsam gerät James tiefer und tiefer in einen Negativ-Strudel. Als Studienkollege Kendall Oxford verläßt, deutet sich eine Wende an: „Schönheit ist eine Lüge, aber man fällt eben leicht darauf herein.“

Tiefgründige Verknüpfungen

Marks Mutter rief an, sie wolle am Freitag auf Besuch kommen, James solle diese Mitteilung unbedingt weiter geben. „Ich ging in sein Zimmer, um einen Zettel neben die Theologiebücher zu legen. Als Mark den Zettel fand, verletzte er sich selbst. Jess versorgte ihn, wie das ein guter Mensch eben tut“. In der darauf folgenden Schilderung eines kleinen Jungen, der in einem Baum herum klettert und der kunstvollen Natur-Betrachtung, verwebt Alderman Realität mit Lyrik: „Wenig ist so schön, wie der Himmel durch die Blätter eines Baumes betrachtet – So vieles, was wir in der Kunst erschaffen, ist der simplen Schönheit eines Baumes nachempfunden. Ich mußte an die Decke der Kathedrale von Christ Church denken.“ Mit solcher Art Weisheiten läßt die Autorin ihren Helden brillieren und zugleich eine erneute Wende aufflackern: Als der kleine Leo abstürzt, sind alle ratlos. Mark rettet den Jungen aus dem Fluten.

„Ich ließ Jess alleine üben. Ein anderer Geiger, Randolph, gesellte sich zu ihr. Sie übte ohne Unterlass, fing an, in ihrem Terminkalender Termine für mich zu reservieren." Und Mark erklärte mir: „Du hast von Liebe keine Ahnung.“ In der Nacht dann torkelten James und Mark betrunken ins Haus. „Jess saß am Küchentisch und ich wurde meinem Gefühl gewahr, wie sehr ich sie liebte: Wie apfelgrüne Gänseblümchen, wie Kälber im Mondschein, wie Schneekugeln mit Kirchturm und Raumschiffe mit Energiekristallen.“ Dann das Drama: Im Suff verletzt James ihr die Hand. Am Morgen erschien sie mit einer blauen Schiene am Arm – entfernt sich – er trauert alleine in seinem Bett. Dennoch wurde Jess` Solokonzert ein Riesenerfolg – nur die Liebe verlagert sich.

Weg – Wende – Weg. Der rote Faden der Geschichte

„Weiss sie, dass er schwul ist? Weiss er es selber?“ Mark hatte sechs Karten für den Abschlußball besorgt und Nicola eingeladen, die den ganzen Abend mit ihm tanzte. Über das Jahr hinweg finden Nicola und Mark zusammen, Jess und James eine gemeinsame Wohnung, trennen sich Simon und Franny. Dann verliebte sich James in Mark. „Diese Sextreffen dauerten ein Jahr. Mehr: ein Jahr und drei, vier Monate. Dann das: „Nicola ist schwanger“, sagte Mark. „In meinen Träumen ist dies die Nahtstelle, ist das der Dreh-und Angelpunkt meines Lebens.“

Das Verhältnis zwischen James und Mark führt zur Trennung des Ehepaares Mark & Nicola: „Er hat eine Affaire – nur eine?“ Beim folgenden Treffen zwischen beiden Männern findet ein Kampf statt. „Ich werde es Nicola sagen, dass nur du es bist, sie wird das verstehen, mir nicht das Kind weg nehmen“, erklärt Mark seinem Liebhaber James. „Nein! Dann werde ich alles erklären, was bei dir los war, los ist, du wirst es ihr nicht erzählen.“ Ihm wird klar: käme es dazu, stürzte sein sorgfältig gebautes Lügengebilde zusammen, verlöre er beide - Mark und Jess. Gegen Ende wohnt Mark bei James und Jess: „Er braucht dich jetzt mehr als ich, bleib bei ihm, auch die Nacht über“, sagte Jess mit einem unerklärlichen Blick – wir reden morgen darüber.“

Auflösung

Der Kreis schließt sich, als James mit Mark nach San Certino geht. Und doch beginnt James, wieder zu unterrichten. “Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich am Ende meines Lebens angekommen“, läßt Alderman ihren Helden sagen. Als dieser seine Studienliebe Jess wiedertrifft, entwickelt sich die Geschichte rückwärts. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr fährt James den Berg hoch: “Es ist aus – ich werde gehen.“ „Nein, das wirst du nicht tun, du bist ein Hündchen, das immer einem anderen hinterher läuft“, entgegnet Mark. James packt bis zum Morgengrauen. „Ich nahm nichts mit, was ihm gehörte, nur meine alten, aus London mitgebrachten Sachen. Jeans. Shirts. Mein erspartes Geld aus den Unterrichtsstunden. Mit dem Morgenzug verläßt er in Richtung Rom den Ort. „Ich ließ das Meer, die Landschaft an mir vorbei ziehen. Schloß die Augen, holte tief Luft. Und als ich sie wieder ausstieß, spürte ich: nichts."

Quelle: Berlin Verlag