
- Bauarbeiten am One World Trade Center - Rainer Sturm
Eigentlich ist Friedrich von Borries von Beruf Architekt und Kurator zeitgenössischer Kunst und außerdem Professor für Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Zusätzlich ist er Autor - von sehr sozial- und gesellschaftskritischen Büchern. Sein aktuellstes Werk, das im August erschienen ist, ist ein weiteres Zeugnis seiner literarischen Gratwanderungen, bei denen Fiktion und Wirklichkeit gerne einmal verschwimmen.
Inhalt: Verstrickungen im Netz der Überwachung um Ground Zero
Wir befinden uns in New York im Jahr 2011 - 10 Jahre nach den Anschlägen des 11. September. 10 Jahre nach der Zerstörung des World Trade Centers. Normalität ist eingekehrt. Ein neues World Trade Center wird gebaut: das One World Trade Center, 1WTC.
Vier junge Menschen bilden die Eckpfeiler der Erzählung: Mikael ist ein Künstler aus Berlin mit einem Film-Projekt über die allgegenwärtige Überwachung der Stadt New York. Syana ist eine Hackerin und Programmiererin in Diensten des Militärs. Tom ist ehemaliger Mitarbeiter des US-Militärgeheimdienstes und nun Architekt am Fundament des 1WTC. Jennifer ist Galeristin und Kunsthistorikerin.
Die Ereignisse entwickeln sich zwischen dem Handeln dieser vier Menschen - zunächst gibt es scheinbar keine Überschneidungspunkte. Doch nach und nach verdichtet sich die Handlung: die Wege der vier Protagonisten kreuzen sich immer mehr, verlaufen zum Teil sogar zusammen. Und treffen sich in einem Netz aus Virtualität, Fiktion und Realität. Gesponnen aus der Allgegenwart der Überwachung.
Fazit: Eine Frage nach Realität oder Fiktion - und der Wirklichkeit von Freiheit
Der Roman „1WTC" von Friedrich von Borries zeichnet ein faszinierendes und zugleich beängstigendes Bild unserer gegenwärtigen Welt. Eine Mischung aus Idealismus und der Suche nach der Wahrheit. Aus Machtgier und Korruption. Aus Paranoia und Überwachung. Über allem schwebt dabei die Frage nach Realität oder Fiktion - und den Möglichkeiten und Grenzen von Virtualität. Friedrich von Borries selbst bezeichnet dies auch als „Anfang vom Ende unserer Freiheit".
Die Protagonisten werden an den Rand ihrer Vorstellungsmöglichkeiten geführt. An den Rand dessen, was sie als Wirklichkeit annehmen können. Ist alles wirklich? Oder ist alles ein großes Spiel?
Genauso wie die Grenzen im Buch selbst verschwimmen, so verwirrend wird es auch für den Leser: Basiert die Erzählung auf wahren Begebenheiten oder ist sie reine Fiktion? Oder gibt es vielleicht einen ständigen Wechsel zwischen wahren Elementen und vorstellbaren und rein fiktionalen? Schließlich schreibt der Autor im Vorwort, dass das Folgende ein Bericht sei, der auf Gesprächen mit einem der Protagonisten beruht und er selbst zudem dessen Aussagen so gut wie möglich überprüft habe...
Das Buch schafft eines definitiv: Es regt an, zum Nachdenken über unsere gegenwärtige Welt.
Friedrich von Borries: 1WTC. Suhrkamp Verlag 2011, 204 S., ISBN: 978-3-518-46274-4, EUR 13,95.
