Bekannt wurde "Sommer in Lesmona" wohl vor allem durch die Verfilmung, die ursprünglich als Vorabendserie in der ARD lief und später als Filmfassung gesendet wurde. Doch so gut der Film auch gemacht ist, das Leseerlebnis ist ungleich größer.
Authentische Briefe eines Mädchens aus dem hanseatischen Großbürgertum Ende des 19. Jahrhunderts nehmen uns mit in eine lange versunkene Welt. Vor unseren Augen entfaltet sich ein humorvoll und fein gezeichnetes Bild der (gehobenen) Gesellschaft. Das Selbstbild dieser Gesellschaftsschicht ist geprägt von Selbstbewusstsein und Stolz. Matti, wie die Heldin genannt wird, ist nicht nur eine glänzende Erzählerin, sondern vor allem eine hervorragende Beobachterin, die in mancher Hinsicht geradezu hellsichtig zu sein scheint. Im Leben ihrer Familie spielen viele Reisen und gesellschaftliche Ereignisse eine große Rolle, doch zugleich ist sie fest verwurzelt in der Heimat.
Liebe und Verzicht
Das junge Mädchen erlebt seine erste große Liebe und ergibt sich ganz diesem Rausch. Einen Sommer lang wird sie und mit ihr der Leser verzaubert durch Romantik, verwirrende Gefühle und schließlich das ganz große Glück. Doch mit dem Herbst kehrt auch die gesellschaftliche Realität zurück: Percy - obzwar selbst aus guter Familie - kommt als Bräutigam nicht in Frage. Matti versinkt in düsterer Verzweiflung. Die Liebenden suchen vergeblich nach einer Lösung und kommen doch nicht voneinander los: Nach vielen Höhen und Tiefen steht am Ende der Verzicht.
All dies wird der besten Freundin Bertha geschildert, die stets als gute Seele und engste Vertraute seit der Kindheit Mattis Leben und Werden begleitet. Aus dem Kontrast zwischen der lebenslustigen und spontanen Matti und der ruhigen und freundlichen Bertha ergibt sich ein tiefgehender Gedankenaustausch.
Große Literatur
Besonders faszinierend ist der Aufbau des Buches. Bereits in den ersten Briefen finden sich subtile Hinweise auf das spätere Schicksal der Heldin, wie sie ein gestaltender Autor nicht besser hätte einfügen können. Die Figuren der Handlung werden mit leichter Hand vorgestellt und in die Handlung eingebracht - auch dies mutet wie das Werk eines literarischen Meisters an. Darüber könnte der Leser schnell vergessen, dass es sich tatsächlich um echte Briefe handelt, die ein Fenster in die Seele eines jungen Mädchens und in die hanseatische Gesellschaft öffnen.
Berührend und authentisch
Die Authentizität der Geschichte macht dieses Buch zu etwas ganz Besonderem. Matti berührt den Leser. Auf den ersten Blick robust und lebenstüchtig, erweist sie sich doch als äußerst sensibel und zeigt auch persönliche Schwäche. Bei allem, was ihr widerfährt, bleibt sie stets natürlich und glaubwürdig. Ihr Schicksal wird niemanden kalt lassen. Trotz aller Tragik schlägt man das Buch nur ungern zu, denn der Leser verlässt eine Freundin, die ihm ans Herz gewachsen ist.
Mein Fazit: Unbedingt lesen!
Marga Berck, Sommer in Lesmona, rororo 1975, ISBN 3499118181, 7,95 Euro
