
- Tannöd - Nautilus Verlag
"Vorsicht, hier ist etwas Schreckliches passiert", scheint das verfallene Hofgebäude auf dem grünstichigen Titelbild dem Betrachter mitzuteilen. Das düster anmutende Foto, das ein Haus an einem Wintermorgen zeigt, verweist auf eine spannungsgeladene Atmosphäre, in der alle möglichen Dinge passieren können.
Wer dann im Klappentext liest, erfährt, dass die komplette Familie Danner, Vater, Mutter, zwei Kinder und die Magd, die auf einem einsam gelegenen Hof wohnten, eines nachts mit der Spitzhacke erschlagen wurden. Spätestens nach dieser Information läuft selbst dem routinierten Krimileser ein kalter Schauer den Rücken herunter.
Warum wurde dieses Buch geschrieben?
Wenn der Krimibegeisterte sich ein Herz fasst und das Buch aufblättert, erfährt er, wie das Buch entstand: Die Autorin verbrachte als Kind den ersten Sommer nach Kriegsende, in dem kleinen Dorf Tannöd. Damals empfand sie den Ort als ruhig und beschaulich, ja als Insel des Friedens, nach turbulenten Ereignissen. Jahre später las sie in der Zeitung von dem Mord in "ihrem" Dorf und interessierte sich für die näheren Umstände. Mit gemischten Gefühlen fuhr sie an den Ort des Geschehens. Die Einwohner erleichterten ihr Herz, indem sie ihr, der ehemals Vertrauten, von dem Geschehenen erzählten.
Das eigentliche Buch beginnt etwas ungewöhnlich
Die ganze düstere, beklemmende Atmosphäre eines abgelegenen Dorfes kommt durch den Abdruck der "Litanei zum Troste der armen Seelen zum Privatgebrauch", entnommen aus dem "Myrtenkranz! Ein geistlicher Brautführer und Andachtsfrau für die christliche Frau",1922, erschienen in Kevelaer, zum Tragen.
Der Reiz der Erzählweise liegt darin, dass die Autorin die Einwohner von ihrem Leben mit der Familie, in der Umgangssprache sprechen lässt. Fast hört man den Dialekt heraus, in dem die Worte in der Realität, wahrscheinlich gesprochen wurden. Die achtjährige Betty, die 86jährige Beamtenwitwe Babette Kirchmeier, Traudl Krieger, die Schwester der Magd Marie, den Lehrer, den Postschaffner, einen jungen Monteur.
Eine Art das Leben zu beschreiben, wie bei Hemingway
Andrea Maria Schenkel lässt die Dorfbewohner ihre Wahrnehmungen schildern. Gebannt erfährt der Leser, im Kurzformat, wie Marianne, das Schulmädchen, in die Welt kam, aufwuchs und mit ihrer Freundin spielte. Spekulationen lassen dem Leser genug Raum, sich eigene Gedanken zu machen, Erfahrungen mit dem Gelesenen zu verknüpfen. Die Art, Abläufe des täglichen Lebens sehr konzentriert zu beschreiben, erinnert an das Buch: Der alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway.
Der Lesende kann jeden Schritt des Mörders verfolgen, ihn bei seinen alltäglichen Verrichtungen beobachten, ohne ihn zu kennen. Selbst wenn das Mosaik vollkommen ist, verlässt den Leser die spannende Unruhe nicht. Die Perspektive des Täters,die von der Autorin treffend beschrieben wird, ist nur eine der möglichen Sehweisen. Bedauernd legt mancher Leser, nach der Lektüre, das Buch aus der Hand, erleichtert,dass so etwas bei uns natürlich nicht vorkommen kann.
Keine leichte Lektüre
Die eigene Welt erscheint einem anschließend sozial, sauber und rein, Unrat und Gesetzlosigkeit sind im Buch verbannt, jederzeit bereit es noch einmal aufzuklappen und die Begebenheiten, rund um die schauerliche Tat ,noch einmal nachzuvollziehen.
Dieser Roman lässt seinen Leser nicht unberührt. Er wird zeitweise dazu angereizt, das Buch angeekelt, mit Abscheu vor einer brillant beschriebenen Wirklichkeit, weit von sich zu weisen, um es dann, von Neugier gepackt, weiter zu verschlingen. Der Blick in Nachkriegswelten lässt schaudern. Ja, so war das damals, nicken ältere Mitbürger, in Erinnerung an Einquartierungen und französische und polnische Fremdarbeiter auf dem Lande.
Andrea Maria Schenkel legt mit ihrem Debüt nicht nur einen dramatischen, literarisch reizvollen Kriminalroman vor. Sie zeichnet schonungslos und eindrücklich das Porträt einer bigotten und ganz und gar nicht idyllischen dörflichen Gemeinschaft mit einem traumatischen Beziehungsgeflecht, das schließlich zum Mord führt.
Eine Rezension des Buches von Julia Hoffmann
Eine Rezension des Films, von Brigitte Grahl
