
- Bücher im Regal - Gerhard Ott
In europäischen Sprachen wird in von links nach rechts gelesen. Wer in einem Bücherregal ein Buch sucht, neigt den Kopf meist nach links, um den Text auf dem Buchrücken lesen zu können. Ob nur rechtshändige Menschen so verfahren oder linkshändige Personen anders herum, ist wohl noch nicht untersucht. Es ist immer dasselbe. In Bücherregalen, gleich ob privat oder in öffentlichen Büchereien oder Bibliotheken oder im Buchladen, manche Bücher stehen Kopf.
Bücher im Regal
Werden Bücher in europäischen Sprachen in Regale eingereiht, so ist der Titel rechts und das Buchende links. Auf dem Rückentitel, der Schmalseite des Buches, stehen meist auch Namen von Autoren und der Titel. Diese sind dann bei einigen Büchern von unten nach oben, bei anderen Büchern jedoch von oben nach unten zu lesen. Die erste Version entspricht den Lesegewohnheiten, die zweite Version nicht. Deshalb schwankt mancher suchende Leser mit dem Kopf von links nach rechts und wieder zurück. Für Sprachen, die von Kopf-nach-links-Neigern von links nach rechts gelesen werden, können natürlich einige Bücher auf dem Kopf herum ins Regal einsortiert werden. Das ist nicht so praktisch, wenn man es halb herauszieht, um auf dem Titel zu sehen, ob es das gesuchte Buch ist.
Man könnte den Buchrückentext auch einfach vertikal, also die Buchstaben von oben nach unten untereinander, setzen. Das erhöht die Lesbarkeit allerdings nicht. Bei Büchern, die auf einem Tisch liegen, ist das Thema damit auch noch nicht vom Tisch.
Bücher auf dem Tisch
Liegen Bücher nämlich im Stapel auf einem Tisch, so liegen die Cover-Vorderseiten meist oben. Dann ist es praktisch, entsprechend der Leserichtung von links nach rechts, wenn der Buchrückentitel ebenso bedruckt ist. Einige Bücher widersetzen sich dieser pragmatischen Lösung und verlangen mit dem Fronttitel nach unten auf den Tisch oder in den Stapel eingereiht zu werden.
Leserichtungen anderer Sprachen
In anderen Sprachen gibt es andere Leserichtungen. Bei sinojapanischen Sprachen, die von oben nach unten gelesen werden, passt die Leserichtung optimal zu Büchern, die im Regal eingereiht stehen. Bei sinojapanischen Publikationen ist bisher noch niemand auf die Idee gekommen, den Rückentitel von unten nach unten zu drucken. Damit laufen bei allen sinojapanischen Büchern, die mit dem Fronttitel irgendwo liegen die Titel immer gleichmäßig von oben nach unten. Sprachen, wie das Arabische, werden von rechts nach links gelesen. Damit werden arabische Bücher – zumindest für das lateinische Buchstaben gewohnte Auge – von hinten nach vorne gelesen. Das Verhältnis, wie herum ein Buchrücken passend fürs Regel oder einen Stapel bedruckt werden soll, kehrt sich damit um.
Bücher und andere Medien
Nicht genug, dass nicht klar ist, wie herum Bücher ins Regal eingeräumt oder gestapelt werden sollen: Das Thema setzt sich bei CDs, DVDs, Hörbüchern fort und betrifft auch die Sammler von Schallplatten (LP, LPs).
Keine Norm
Angeblich seien im angelsächsischen Sprachraum die Buchrücken von oben nach unten beschriftet und die gegenteilige Methode in vielen Ländern Europas wie Frankreich, Spanien, Italien, aber auch Russland verbreitet. Ein Blick ins – internationale – Bücherregal zeigt, dass das auch nicht stimmt. Gibt es denn dafür tatsächlich keine Norm?
Das Deutsche Institut für Normung (DIN) befasste sich vor fünfzig Jahren erstmalig mit dem Thema Buchrücken. Es wurde kein Standard gesetzt. Die Empfehlung 1959 lautete, Buchrücken von unten nach oben zu beschriften. Nicht ganz zwanzig Jahre später, im Jahre 1977, wurde die Empfehlung umgekehrt, um internationalen Gepflogenheiten näher zu kommen. 1985 empfahl das Internationale Normungsinstitut (ISO), die Schrift auf den Buchrücken solle von oben nach unten gedruckt werden. Keine der Lösungen befriedigt wirklich, wie ein Blick ins eigene Bücherregal zeigen dürfte.
