Buchstaben perfekt in Szene gesetzt

Spot an: Längst vergessene Buchstaben leuchten im Buchstabenmuseum wieder hell - Foto: A. Stoeriko
Spot an: Längst vergessene Buchstaben leuchten im Buchstabenmuseum wieder hell - Foto: A. Stoeriko
Die 26 Protagonisten des Alphabets werden im Buchstabenmuseum Berlin in Szene gesetzt: von zwei jungen Innenarchitekten der Hochschule Coburg.

Buchstaben aus dem öffentlichen Raum schenken die Frauen und Männer vom gemeinnützigen Verein des Buchstabenmuseums ein zweites Leben. Das Leben ist Veränderung - und so kam es auch, dass Werbeschriften von Betrieben, Geschäften oder Cafés (fast) in der Tonne verschwanden, weil sie der Inhaber aufgab, weil der Betrieb schloss oder das Haus abgerissen wurde.

Retter der vergessenen Lettern

Ein neues Domizil bekommen all diese Buchstaben von einstigen Werbeschriften in einem Ex-Frisörsalon im Berlin-Karree - gleich gegenüber dem Fernsehturm am Alex. Seit 2005 retten im Verein engagierte Typografen, Grafikdesigner und Architekten im größeren Stile Buchstaben - und seit Sommer 2011 gibt es das passende Museum am Alex. Ausgestattet mit allen Raffinessen haben diese 180 Quadratmeter Ausstellungsfläche Marcus Hahn und Wolfram Schmeisser. Beide waren bis vor kurzem Kommilitonen an der Hochschule Coburg und sind nun frischgebackene Diplomingenieure für Innenarchitektur. Feuer gefangen hatten sie bei einem Workshop, und bald wurde das Thema "Szenografie im Raum" zur Diplomarbeit beider Studenten. Monatelanges Planen, Entwerfen und praktisches Arbeiten begann. Unter der Projektleitung dieser beiden halfen zwölf weitere Coburger Studenten, den Buchstaben den ihnen zustehenden Raum zu schaffen.

Studenten werkeln Tag und Nacht

"Zusammen kamen über 2500 Arbeitsstunden, eine Menge Schweiß, Stress, aber auch Leidenschaft und Kosten von 3000 Euro. In den letzten Tagen vor der Museumseröffnung hatten viele von uns oft nur zwei Stunden Schlaf. Aber es hat sich gelohnt", sagt der aus dem sächsischen Vogtland stammende Marcus Hahn. Die jungen Leute brachen Wände heraus, errichteten neue, sägten Gipskarton- und Spanplatten, beklebten das Schaufenster, malerten, bauten Regale zusammen, verlegten Teppiche und beleuchteten den Fundus - von A bis Z.

Reingezogen in den Sog der Leuchtreklame

Ein weißes Entrée mit ebensolcher Kassenbox soll den Besucher wie in einen Sog hineinziehen in die Buchstabenwelt. "Boden, Decken und Wände haben wir schwarz gestrichen, um den Raum aufzuheben, damit sich die Besucher darin verlieren und nur die Kraft der Buchstaben spüren", erklärt Marcus Hahn. Manche der Lettern haben Hahn und Schmeisser per Spot angeleuchtet, andere leuchten von selbst wie einst, als sie als Neonleuchtreklame ein Produkt an einer Häuserfront bewarben. Den Besucher leiten die Studenten über einen erhöhten Steg, wodurch sich diesem eine ganz eigene Perspektive auf die Ausstellungsexponate erschließt.

Das zweite Leben der Lettern

In einem blauen, roten und grünen Raum finden sich Lettern nebeneinander wieder, die sich in ihrem ersten Leben nie begegnet sind und nur deshalb beieinander stehen, weil Farbe und Ästhetik passen. Hier gehen beispielsweise der Schriftzug von "Karstadt" und "Rathauspassagen" die Ehe ein. Irritierend und auch wieder originell, wenn Schriftzüge verschiedener Städte, Zeitepochen und Schriftarten von ihrer Geschichte her in keinerlei Kontext stehen. Dabei hat jeder Buchstabe eine Menge zu erzählen - von der Zeit, in der er leuchtete und den Menschen, die er inspirierte. Das weiße "E" aus Bau-Schaum, geschrieben in Grotesk-Schrift, stammt aus dem Schriftzug "LE GAMAAR" - der Name eines Kinos, das in dem Quentin Tarantino-Film "Inglourious Basterds" explodierte. Jenes "E" flog also durch die Luft und wurde den Buchstabenfreunden von den Babelsberg-Filmstudios überlassen.

"Zierfische" - Objekt der Begierde

Die acht Lettern von "Robotron" rettete man bei der Schließung des Dresdener Werkes, "Hertie" wurde ursprünglich in der Spree versenkt und die "Zierfische" fast gestohlen. Die zierliche Schreibschrift an einem Aquaristikgeschäft gehörte 52 Jahre lang zum Stadtbild von Berlin-Friedrichshain, bis es 2009 schloss. Bekannte Marken, wie Osram, Miele oder AEG begegnen einem im Schaudepot wieder, ebenso wie der markante Sparkassen-Punkt oder das unvergessene Quelle-"Q". Einige der Lettern haben einen Teil verloren - so erinnert nur noch das "U" an den U-Bahnhof Frankfurter Tor, die Verbindung "HAUP" an "Hauptbahnhof" (heute Ostbahnhof), ein "L", "e" und "m" an ein Lebensmittelgeschäft in Wandlitz.

Museen sollen Spielwiese bleiben

"Alle Teile wurden von uns so geschaffen, dass sie einfach auseinander- und wieder zusammenbaubar sind" erklärt Marcus Hahn das Baukasten-Prinzip von Wänden, Steg und Installation. Dass ein Umzug bevorsteht, könnte 2012 sein. Das Berlin-Karree wird umgebaut. Vielleicht muss sich dann das Museum einen anderen Ort suchen - oder es erweitert sich an gleicher Stelle. Denn: Der Fundus wächst stetig. Buchstaben-Freaks stöbern immer neue Schätze auf und retten sie vor dem Vergessen. Die in Museen zur Schau gestellten Schätze besser zur Geltung zu bringen, also in Szene zu setzen, das würde Marcus Hahn auch künftig Spaß machen. Nun ist der junge Innenarchitekt auf Jobsuche. Vielleicht begibt sich ja das eine oder andere Museum bald in seine geschickten Hände. Mit über 6000 Museen in Deutschland dürfte die Spielwiese zum Ausprobieren wohl groß genug sein.

Öffnungszeiten Buchstabenmuseum: Donnerstag bis Samstag, 13 bis 15 Uhr

Eintritt: 2,50 Euro

C. Henze, Foto: privat

Cornelia Henze - Beruf: Journalistin Redakteurin bei Tageszeitung Interessen: Reisen, alles, was mit Italien zu tun hat (Städte, ...

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