
- Buchteln - Shermin Arif
Der Süßspeisenkoch wird sich zurückziehen, wird sagen: “Ich gehe jetzt ans Buchteln“ und ist für Stunden nicht mehr auffindbar. Für den Koch stellt dieses “In-Sich-Gehen“ des Kollegen im Normalfall kein Problem dar, ihm ist die Kunstform des Zuckerbäckers quasi wurscht, Rezepturen zu Süßspeisen sind ihm zuwider, Wiegen und Messen der Zutaten verhasst. Man lässt dem Patissier seine Geschicklichkeit und es stört auch nicht; denn Buchteln zu fabrizieren die höchste aller Fähigkeiten, – sagt der Patissier. Jeder Windhauch, jedes noch so kleine Abweichen von der in Stein gemeißelten Rezeptur oder den Arbeitsschritten kann und wird den Erfolg in Frage stellen, – so der Patissier. Der Zuckerbäcker überhaupt ein Philosoph vor dem Herrn: “Warten erwünscht, der Teig muss rasten; die Germ – das Treibmittel – ihre Kraft entfalten, ungestört.“ Sind die Buchteln erst im Rohr, so darf die Ofentür keinesfalls geöffnet werden, auf die Sekunde wird gestoppt, die richtige Temperatur achtzehn Mal überprüft.
Buchteln: Rezeptsuche
Nun stellt sich der Koch, da der Kollege nicht bei der Hand, vor der Aufgabe: Das kann ich doch auch! Und – siehe oben – bis dato war das Herumbuchteln dem Küchenchef aber so was von wurscht und selbstverständlich ist keine Rezeptur bei der Hand. (Süßspeisenköche behandeln ihre Rezepte wie Schatzkisten, nur verstecken sie sie besser.)
Wie ein Koch Buchteln fabriziert
1. Schritt: Internet, man googelt “Buchtelrezeptur“, erhält auch 368 Einträge, findet alsbald ein einfach aussehendes Rezept und macht sich an die Arbeit.
2. Schritt: Man vermischt die Zutaten – Mehl, Eier, Zucker, Milch, zerlassene Butter und Germ, vielleicht ein wenig Rum – und ist überrascht, dass dieser Schritt kaum 3 (in Worten: drei) Minuten in Anspruch nimmt. Alsdann das Ganze zugedeckt gehen lassen.
3. Schritt: Man gönnt sich eine Zigarette und widmet sich danach wichtigeren Dingen, echtem Kochen zum Beispiel.
4. Schritt: Nach einer Stunde lässt man die wichtigen Dinge des Küchenalltags kurz beiseite und widmet sich wieder dem Teig, der mindestens ums Doppelte aufgegangen sein sollte. Man schlägt das chemische Wunder zusammen und widmet sich dem Formen der Buchteln, füllt mit der Marmelade (in Deutschland: Konfitüre) seiner Wahl, gebe die Buchteln in eine mit Butter oder Margarine vorgefettete Form und lasse die Buchteln noch einmal zehn Minuten gehen.
5. Schritt: Man bestreiche die Buchteln mit zerlassener Butter, kommt drauf, dass man vergessen hat, das Rohr auf die (laut Patissier) so wichtige Temperatur vorzuheizen – denkt sich, eh wurscht, und knallt das Blech in den Ofen.
Das Ergebnis
Nach einigen Minuten wird kontrolliert, noch nichts hat sich getan (logisch, man hat ja nicht vorgeheizt), und wenn Sie jetzt den Zuckerbäcker Ihres Vertrauens fragen, wären spätestens mit dem vorzeitigen Öffnen des Ofens die Buchteln beim Teufel. Aber, weit gefehlt, nach weiteren zehn Minuten holt man goldige Kunstwerke aus dem Herd. Fertig.
Nun rechnet der Koch nach: Zeit insgesamt: knapp 2 Stunden, davon Arbeitszeit vielleicht 12 Minuten. Und der Koch stellt sich folgende Fragen:
1.) was macht der Patissier, der grundsätzlich 3 Stunden benötigt mit 2 Stunden und 48 Minuten Freizeit?; 2.) was ist so schwer am “Buchtel fabrizieren“? und 3.) wie rechtfertige ich die Entlassung meines Patissiers vor dem Arbeitsgericht?
Zutaten für Buchteln
Bitte nicht wiegen oder messen (Profis – und das sind Sie schließlich – machen das aus dem Handgelenk):
Mehl, Eier, Milch, zerlassene Butter, Zucker, Germ, etwas Rum, eine Prise Salz; Butter zum Bestreichen und Einfetten der Form, zusätzlich Mehl zum Formen, Marmelade (Konfitüre)
A.P. Schlöglmeier ist im wirklichen Leben Küchenchef in den österreichischen Alpen.
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