
- Clarice Lispector, Wo warst du in der Nacht - Suhrkamp Verlag
Siebzehn Geschichten unterschiedlichen Umfangs handeln unter anderem von der Würde und von Pferden, von Dona Frozinas Kniffen und vom Wasser des Meeres, und doch handeln sie immer von der Unfassbarkeit der Dinge. Befremden und Verstörung sind die Folge, der die Autorin durch grenzgängerisch genaues Schreiben zu entkommen versucht. Der Leser gerät in den Sog labyrinthischer Gedankengänge. Das gelingt nicht zuletzt wegen der äußerst sensiblen Übersetzung von Sarita Brandt.
Die Frauen, das Altern, das Scheitern
Das tatsächlich und scheinbar Ausweglose, das Scheitern prägt die Prosa von Clarice Lispector, und meist sind es Frauen, die von ihrer Schöpferin an den Rand des Wahnsinns getrieben werden. Wie Frau Jorge B. Xavier, die keinen Ausweg aus dem Altern findet, obwohl sie innerlich wie feuchtes Zahnfleisch ist. Wie Angela Pralini, "sprudelnd wie Kohlensäure im Mineralwasser von Caxambu". Auf der Flucht vor ihrem nach innen lebenden intellektuellen Liebhaber, trifft sie im Zug auf eine 77-Jährige. "Ich konnte die Zeit nicht aufhalten, dachte Maria Rita Alvarenga Chagas Souza Melo. Ich bin gescheitert. Ich bin alt ... Ich bin ein unfreiwilliger Mensch." In inneren Monologen werden hier Seelen enttarnt.
Das Leben der Dinge
Das Wesentliche leben, der Wecker kann es. Anonym, gottähnlich ist der Wecker, und gibt man nicht Acht, ist er tödlich. Und er ist wie Pelé, sagt die Autorin auf der Suche nach dem, was sich hinter den Dingen verbirgt, hinter der Realität und zwischen deren dürren Knochen. Sein oder Nichtsein? Der Tod ist.
Das Ziel von Autor und Autorin
"Jenseits des Ohrs gibt es einen Ton, am äußersten Ende des Blickes einen Gesichtspunkt, an den Fingerspitzen einen Gegenstand – da komme ich hin." Visionen in Sprachspiralen, die mitreißen. Hinauf. Oder Hinunter. Selbst, wenn Clarice Lispector über das vielgesichtige Schweigen spricht, tut sie es fast verzweifelt beredt. Sie schreibt, um sich und mit etwas Glück auch anderen ein Phantom zu erklären. "Was sie empfand, ging stets zu Ende."
Auf der Suche nach Wahrheit
Clarice Lispector denkt und empfindet aufs Blatt. Sie verströmt sich beim Versuch, die Realität zu bezwingen. Mit klarem Blick träumt sie sich in der Titelgeschichte ins Jenseits. Sie sieht für den Leser mit, was der wegen Abwesenheit nicht mit eigenen Augen gesehen hat, und scheint dabei in dessen Auftrag zu handeln. "Wo warst du in der Nacht? Niemand weiß es ... Ich will die Antwort nicht wissen." Der Leser schon. Er sucht weiter, wenn er das Buch zugeschlagen hat.
Bedauerlicherweise ist dieses Kleinod dichterischer Prosa bei Suhrkamp bislang nicht mehr lieferbar. Daher unbedingt auf andere Adressen ausweichen. Es lohnt sich.
Clarice Lispector. Wo warst du in der Nacht. Erzählungen. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Sarita Brandt. Suhrkamp 1996. Gebunden, 118 Seiten. Gebraucht erhältlich.
