Die Dämmerung setzt ein. Pünktlich um 21 Uhr bringen junge Menschen in rot-braunen Uniformen Fackeln heran. Eine Blaskapelle spielt. Alles ist auf die Minute genau inszeniert. Um 22 Uhr spricht der Gauleiter Berlins, der Kopf der nationalsozialistischen Propaganda: Joseph Goebbels. Er hasspredigt gegen den „jüdischen Intellektualismus“.
Dann tobt sich die „spontane Wut“ der Studenten an dem aus, was sie unter „jüdischem Intellektualismus“ verstehen. Allein aus der Bücherei des Instituts für Sexualwissenschaft werfen sie 25 000 Bücher auf eine große Sammelstelle. Dazu halten die Studentenführer Brandreden: „Ich übergebe dem Feuer die Schriften von…“.
Die zentrale Kundgebung findet am 10. Mai 1933 in Berlin statt. Gleichzeitig gibt es ähnliche Veranstaltungen in anderen deutschen Universitätsstädten, die meisten am gleichen Tag. In anderen Städten kommt es zu Verspätungen. In Mainz galten zum Beispiel viele Bücher als unauffindbar, ein pfiffiger Bibliothekar soll sie versteckt haben.
"Volkszersetzend" oder jüdisch
Die Nazis verbrennen die Bücher von Karl Marx und anderen sozialistischen Autoren. Psychologische Werke wie die von Sigmund Freud fallen den Flammen ebenso zum Opfer wie Schriften, die aus Sicht der Nazis die Soldaten des Ersten Weltkriegs diffamiert. Und schließlich landen Bücher im Feuer, die als „volkszersetzend“ gelten oder einfach nur von jüdischen Autoren stammen.
Welche Bücher nicht mit der Ideologie der Nationalsozialisten vereinbar sind, hat der nationalsozialistische Bibliothekar Wolfgang Herrmann entschieden. Hinter den Kulissen gab es darum Machtkämpfe. Denn Herrmann hat einzelne Werke verschont, die von sonst verfemten Autoren wie Friedrich Engels oder Alfred Döblin stammen.
"Verbrennt mich!"
Einige Autoren wiederum fallen bei den Verantwortlichen der Diktatur in generelle Ungnade. Dazu zählen Kurt Tucholsky, Lion Feuchtwanger, Erich Maria Remarque, Heinrich Mann oder Arnold Zweig. Andere Autoren drehen den Spieß um. Oskar Maria Graf verfasst die Polemik „Verbrennt mich!“, in der er moniert, nicht zu den verfemten Autoren zu zählen.
Bert Brecht schreibt später ein Gedicht über diese Protesthaltung. Doch geschieht das aus der Sicherheit des Exils. In Ungnade gefallenen Autoren sind in Hitler-Deutschland mit dem Leben bedroht. Nicht wenige sterben in Konzentrationslagern.
Zu Tode gefolterter Ossietzky
Das bekannteste Schicksal erleidet wohl Carl von Ossietzky. Als ehemaliger Mitarbeiter der Deutschen Friedensgesellschaft und Chefredakteur der Weltbühne gehörte er zu den größten Gegnern der Nazis. Sie verhafteten ihn schon zwei Monate nach ihrer „Machtergreifung“. Das Nobelpreiskomitee verlieh ihm 1935 den Nobelpreis, doch das System verbot ihm, nach Oslo zu reisen und den Preis anzunehmen. 1938 starb er schließlich an den Folgen der Folter, die ihm die Nazi-Schergen angetan haben.
Aber auch in Ungnade gefallene Autoren, die mit dem Leben davon kamen, hatten einen schweren Stand. Zum Beispiel Erich Kästner. Der Autor des Fliegenden Klassenzimmers wurde aus der Deutschen Reichsschriftkammer ausgeschlossen. Das kam einem Berufsverbot gleich. Er musste sich unter Synonymen durchschlagen, schrieb unter anderem das Drehbuch für den Baron Münchhausen Film.
Keine eigene Literatur hervor gebracht
Die Verantwortlichen um Propagandaminister Goebbels wussten davon. Doch sie waren auf Autoren wie Kästner angewiesen. Denn unter dem Terror der Nazis entstand keine eigene nennenswerte Literatur. Das Reich feierte einige Größen, die schon vor der Machtergreifung bekannt waren wie Ernst Jünger, Gottfried Benn und vor allem Gerhart Hauptmann.
Selbst auf den abgrundtief verhassten, gebürtigen Juden Heinrich Heine konnten sie nicht verzichten. Sie feierten sein Loreley-Gedicht, das laut ihrer Propaganda von einem anonymen Verfasser stammen sollte.
Thomas Mann verweigerte sich
Das Reich war sehr bemüht, Künstler für sich zu gewinnen, die Weltruhm genossen und aus ihrer Sicht nicht zu arg vorbelastet waren. So erhielt der Autor der Buddenbrooks, Thomas Mann mehrere Angebote aus seinem Exil in der Schweiz zu kommen und in Deutschland gefeiert zu werden. Der Träger des Literaturnobelpreises verweigerte sich, ging nach England und hielt von dort über die BBC Reden gegen Adolf Hitler, die in Deutschland - unter Strafen - empfangbar waren.
