Büdingen ist eine mittelalterliche Stadt wie im Bilderbuch

Jerusalemer Tor - Christa Kaddar
Jerusalemer Tor - Christa Kaddar
Büdingens Altstadt zählt zu den schönsten und am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtanlagen Europas.

Die hessische Stadt an der „Grenze“ von Wetterau und Vogelsberg ist stolz auf ein Lob von Albert Einstein, das er bei einem Besuch in Büdingen 1952 ausgesprochen haben soll: „Ein Stück Mittelalter – gezeigt von seiner attraktivsten Seite.“ Dass Bürger und Gäste eine solch beeindruckende Kulisse noch im 20. und 21. Jahrhundert – ohne die mittelalterlichen „Zutaten“ von Armut, Entbehrung, Pest und Hexenprozessen – genießen können, ist wahrhaftig eine Attraktion.

Ernst Casimir I. Graf zu Ysenburg und Büdingen erließ 1712 ein Toleranzedikt

Wie Nachforschungen gezeigt haben, war es weniger die Obrigkeit, die diese Hexenprozesse vorantrieb, sondern vielmehr das „Volk“ selbst. Vehement setzte Ernst Casimir I. Graf zu Ysenburg und Büdingen zu Beginn des 18. Jahrhunderts der brutalen Hexenverfolgung ebenso ein Ende wie auch der Diskriminierung von Juden und anderen Minderheiten. 1712 erließ er ein Toleranzedikt und erlaubte religiös verfolgten Minderheiten, sich in Büdingen anzusiedeln. Ja, er warb sogar darum, denn Büdingens Bevölkerung war nach dem 30-jährigen Krieg stark geschrumpft. Gerade von aktiven Angehörigen religiöser Minderheiten, die anderswo geflohen waren, um ihr Leben zu retten, versprach er sich die wirtschaftliche Schubkraft, die Büdingen zu jener Zeit dringend brauchte.

Nach dem Toleranzedikt siedelten sich vor dem Untertor verfolgte religiöse Minderheiten an

Damals erhielt auch das heutige Wahrzeichen Büdingens seinen Namen „Jerusalemer Tor“. Vor dem Untertor in der Stadtmauer durften sich die Neubürger in neuen Fachwerkhäusern ansiedeln, was den bis dahin religiös verfolgten Menschen – unter anderem Hugenotten, Waldensern, Pietisten und Wiedertäufern – wie ein himmlisches Jerusalem auf Erden erschien. Dieses 1503 vollendete Tor ist das imposanteste Bauwerk der Wehranlage, die den Altstadtkern umgibt. Es ist das einzige noch erhaltene Tor der Büdinger Stadtbefestigung, nachdem zwei weitere Tore dem Verkehr im 19. Jahrhundert geopfert wurden. Außer dem Jerusalemer Tor weist die Stadtfestung noch 17 Bollwerke, Rondelle oder Halbtürme auf. Der mittelalterliche Charme Büdingens wird wesentlich von diesen sandsteinroten Türmen und Mauern bestimmt. Zu der Anlage zählen das Große Bollwerk und der Hexenturm, die bei einer Stadtführung besichtigt werden können. Von der Plattform aus bietet sich ein herrlicher Blick über Alt- und Neustadt.

Innerhalb des alten Stadtkerns führen schmale Straßen und verwinkelte Gassen zu Fachwerkhäusern mit malerischen Giebeln, Türmen und Erkern, die über Jahrhunderte in ihrer Grundsubstanz unzerstört geblieben sind und durch Restaurierungsmaßnahmen gerettet werden konnten. Häuser aus Gotik und Renaissance, das Rathaus, die Marienkirche, das „Steinerne Haus“, der Oberhof und nicht zuletzt das Schloss prägen das historische Stadtbild.

Schloss Büdingen hat seinen Ursprung in einer Wasserburg aus dem 12. Jahrdundert

Das heute noch bewohnte Schloss Büdingen hat seinen Ursprung in einer im 12. Jahrhundert begründeten Wasserburg. Die nachfolgenden Fürsten und Grafen passten das von der Burg zum Schloss gewordene Bauwerk in immer neuen Anbauten dem Stil ihrer Zeit an. Schlosshof und Schlosspark sind frei zugänglich, das Schlossmuseum kann nach Vereinbarung besichtigt werden. Schloss Büdingen beherbergt ein Schlosshotel mit 26 Zimmern und Suiten, außerdem das Restaurant-Café „Bacchus im Schloss“, das täglich, außer montags, geöffnet ist.

Büdingen ist ein Gesamtkunstwerk, doch zu viele geparkte Autos stören die Idylle

Viele weitere kleine und große Lokale in der Stadt laden zum Schlemmen und Rasten ein. In alten Fachwerkhäusern sind ansprechende Läden untergebracht, die zum Schauen, Stöbern und Kaufen verführen. Ein Störfaktor in dieser Bilderbuchstadt sind die im Übermaß geparkten Autos überall in der Innenstadt. Das legt den Verdacht nahe, dass die verantwortlichen Stadtpolitiker noch nicht ganz begriffen haben, welch sehens- und schützenswertes Kleinod sie eigentlich zu verwalten haben. „Büdingen ist ein Gesamtkunstwerk“, soll der Kunsthistoriker Richard Hamann vor 80 Jahren gesagt haben. Damals fehlten die geparkten Blechkarossen noch in der mittelalterlichen Idylle.

Dennoch ist ein Spaziergang durch Büdingen ein besonderer Genuss. Wer tiefer in die Geschichte eintauchen will, dem stehen entsprechende Führungen und fünf Museen Auswahl. Eins davon ist das Heuson-Museum, das im historischen Rathaus aus dem 15. Jahrhundert untergebracht ist. Träger des Museums ist der Geschichtsverein Büdingen, der in sorgfältig zusammengetragenen Ausstellungen auf drei Stockwerken die Geschichte der Stadt von der Jungsteinzeit bis heute belegt.

Stadt- und Erlebnisführungen vermitteln Besuchern einen lebendigen Einblick in die Geschichte

Die Büdinger Tourist-Information bietet eine Vielzahl von Erlebnisführungen an, dazu auch Rad- und Wandertouren ins grüne Umland und öffentliche Stadtführungen. Die nächsten öffentlichen „Nachtwächterführungen“ finden am 23. April und am 22. Mai 2010 statt.

Quelle: Büdinger Stadtgeschichte, vermittelt bei Stadtführungen, aufgezeichnet im Informationsmaterial der Stadt Büdingen und der Büdingen Tourismus und Marketing GmbH.

Christa Kaddar, Christa Kaddar

Christa Kaddar - Christa Kaddar ist freie Journalistin und Fotoreporterin. Als freie Mitarbeiterin der Redaktion des Rheingau Echos und der Gesellschaft ...

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