Bundespräsidentenwahl 2010 - Wer sind die Kandidaten?

Standarte Bundespräsident - gemeinfrei/public domain
Standarte Bundespräsident - gemeinfrei/public domain
Am 30. Juni 2010 wird ein neuer Bundespräsident gewählt. Hier werden die drei Kandidaten Christian Wulff, Joachim Gauck und Luc Jochimsen vorgestellt.

Durch den überraschenden Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler am 31. Mai 2010 wird am 30. Juni 2010 die Neuwahl des Staatsoberhauptes der Bundesrepublik Deutschland erforderlich. Zur Wahl treten drei Kandidaten an. Hier sollen sie vorgestellt werden:

Christian Wulff (nominiert durch CDU/CSU und FDP)

Christian Wulff wurde am 19. Juni 1959 in Osnabrück geboren. Er besuchte die Elisabethschule und das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium in Osnabrück, wo er sein Abitur machte. Danach studierte er an der Universität Osnabrück Rechtswissenschaften und war nach seinem zweiten Staatsexamen als Rechtsanwalt in einer Kanzlei tätig.

Wulff ist seit 1975 Mitglied der CDU und hat sich in Jugendtagen in der »Schüler Union« betätigt, deren Bundesvorsitzender er von 1978 bis 1980 war. Von 1979 bis 1983 gehörte er dem Bundesvorstand der »Jungen Union« an, ehe er den Vorsitz der »Jungen Union Niedersachsen« übernahm. 1984 wurde er in den Landesvorstand der CDU Niedersachsen gewählt und war von 1994 bis 2008 deren Vorsitzender. Seit 1998 ist Wulff stellvertretender Vorsitzender der Bundes-CDU.

Sein erstes öffentliches Amt nahm Wulff 1986 als Ratsherr der Stadt Osnabrück ein (bis 2001), von 1994 bis 2010 vertrat er als direkt gewählter Kandidat den Wahlkreis Osnabrück-West im niedersächsischen Landtag. Während er 1994 und 1998 bei der Wahl zum Ministerpräsidenten jeweils an Gerhard Schröder (SPD) scheiterte, konnte er 2003 die Mehrheit der Stimmen der Landtagsabgeordneten auf sich vereinigen (gegen Sigmar Gabriel).

Umstrittene Entscheidungen als Ministerpräsident

Während seiner Amtszeit hat Wulff in Niedersachsen eine konsequente Sparpolitik durchgesetzt (vor allem im Sozial- und Hochschulbereich), führte eine Schulreform (Abschaffung der Orientierungsstufe; Einführung des Zentralabiturs nach 12 Jahren; Abschaffung der Lehrmittelfreiheit) und eine Verwaltungsreform durch (Abschaffung der Bezirksregierungen). Wulff tritt für eine verlängerte Laufzeit der Atomkraftwerke und für einen verstärkten Zuzug von Migranten ein. Eine seiner letzten Maßnahmen war die Diätenerhöhung des Niedersächsischen Landtages in Höhe von 7,2 % im Juni 2010.

Wulffs Eltern haben sich scheiden lassen, als er zwei Jahre alt war. Als auch der Stiefvater die Familie verlässt, muss Wulff sich mit 16 Jahren vorübergehend um die Pflege seiner an Multipler Sklerose erkrankten Mutter sowie um die Erziehung seiner jüngeren Schwester kümmern. Christian Wulff ist katholisch, zum zweiten Male verheiratet und hat vier Kinder (zwei aus der ersten, eines aus der zweiten Ehe sowie ein Kind, das seine Frau Bettina in die Ehe mit eingebracht hat).

Joachim Gauck (nominiert durch SPD und Bündnis 90/Die Grünen)

Joachim Gauck (am 24. Januar 1940 in Rostock geboren) wuchs in Wustrow/Fischland und Rostock auf. Sein Vater, der auf der Neptun-Werft in Rostock arbeitete, wurde 1951 ohne Angaben von Gründen verhaftet, von einem sowjetischen Militärgericht wegen Spionage und »antisowjetischer Hetze« zu zwei Mal 25 Jahren Straflager verurteilt und nach Sibirien verbracht (Gaucks Vater kehrte 1955 schwer krank aus dem Straflager zurück).

Von 1955 bis zum Mauerbau 1961 reiste Gauck mehrfach in das westliche Ausland, kehrte aber stets nach Rostock zurück. Durch die kritische Haltung aller Familienmitglieder gegenüber der DDR konnte Gauck seinen Wunschberuf Journalist nicht ergreifen. Von 1958 bis 1965 studierte er Theologie, nicht nur aus Glaubensgründen, sondern auch, um sich philosophisch mit dem Marxismus-Leninismus auseinanderzusetzen.

Gauck arbeitete zunächst als Pastor in Lüssow, Landkreis Güstrow, ab 1971 in Rostock-Evershagen. Wegen seiner staatskritischen Einstellung wurde Gauck ab 1983 von der Staatssicherheit (Stasi) überwacht. 1985 drohte man ihm mit Verhaftung und bot ihm alternativ die Mitarbeit als »IM« (»Informeller Mitarbeiter«) an. Gauck lehnte ab, wurde aber dennoch nicht verhaftet. Auf dem Rostocker Kirchentag 1988 bot Gauck den DDR-Behörden den Dialog zwischen Kirche und Marxismus an, da sich durch die Politik Gorbatschows in der Sowjetunion ein Wandel abzeichnete.

Das Archiv der Stasi

Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung 1989 wurde Joachim Gauck Mitglied des »Neuen Forums«. Von März bis Anfang Oktober 1990 nahm er für seine Partei ein Mandat in der DDR-Volkskammer wahr. Bereits in dieser Zeit beschäftigte sich Gauck mit der Aufarbeitung der personenbezogenen Stasi-Unterlagen. Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland wurde Gauck durch Bundespräsident von Weizsäcker und Bundeskanzler Kohl in dieser Funktion bestätigt.

Von 1990 bis 2000 leitete Gauck das Archiv der Staatssicherheit, in das nun jeder Betroffene Akteneinsicht erhalten konnte. Schnell wurde die Bezeichnung »Gauck-Behörde« populär. Im September 2000 übernahm Marianne Birthler die Leitung des Archivs (»Birthler-Behörde«).

Gauck stand der Vereinigung von »Bündnis 90«, in der das »Neue Forum« aufgegangen war, mit den »Grünen« kritisch gegenüber. Er ist Vorsitzender des Vereins »Gegen Vergessen – Für Demokratie«, spricht sich für die Errichtung eines »Zentrums gegen Vertreibung« aus, kritisiert den Kapitalismus, ohne ihn abschaffen zu wollen, fordert einen »Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus« und bezeichnet sich als »linker, liberaler Konservativer«. Joachim Gauck ist Protestant, geschieden, hat vier Kinder und ist mit einer Nürnberger Journalistin liiert.

Lukrezia »Luc« Jochimsen (nominiert durch »Die Linke«)

Am 1. März 1936 in Nürnberg als Tochter eine Speditionskaufmannes geboren, wuchs Lukrezia Jochimsen in Frankfurt/Main auf, wo sie auch ihr Abitur machte. In Hamburg studierte sie Soziologie, Politikwissenschaften und Philosophie und arbeitete nach ihrer Promotion an der Uni Münster als freie Autorin (1961 bis 1975). Von 1975 bis 1985 war sie beim NDR in Hamburg und arbeitete für das Fernsehmagazin »Panorama«. 1988 ging sie für drei Jahre als ARD-Korrespondentin nach London, übernahm dann für weitere drei Jahre beim NDR die Abteilung Auslandsdokumentation, um dann noch einmal für zwei Jahre die ARD-Studios in London zu leiten. Von 1994 bis 2001 war sie Chefredakteurin beim Hessischen Rundfunk.

Für »Die Linke« im Bundestag

Bereits 2002 trat Jochimsen für die PDS (heute »Die Linke«) in Hessen im Bundestagswahlkampf an (die Partei scheiterte damals an der Fünf-Prozent-Hürde) und zog 2005 über die Landesliste Thüringen in den Bundestag ein. Das Mandat konnte sie bei der Bundestagswahl 2009 verteidigen.

Lukrezia Jochimsen vertritt weitestgehend die Politik ihrer Partei »Die Linke«. Sie ist für einen sofortigen Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan und tut dies auch plakativ kund: Als sie bei der Einweihung des »Ehrenmals der Bundeswehr« ein entsprechendes Transparent zeigte, wurde ihr der Zugang zu der Feier von Feldjägern verwehrt. Die DDR sieht Lukrezia Jochimsen als Diktatur, die »unverzeihliches Unrecht an ihren Bürgern begangen hat«, will die DDR aber nicht als »Unrechtsstaat« bezeichnet sehen. Lukrezia Jochimsen ist in zweiter Ehe verheiratet und hat einen Sohn.

Siegfried Dierker, Siegfried Dierker

Siegfried Dierker - Jahrgang 1958; gebürtiger Westfale, wohnhafter Niedersachse; nach Abitur und Bundeswehr Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann, ...

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