
- Ausgebrannt und erschöpft - Gerd Altmann
Gemäß einer Studie des deutschen Gallup-Instituts fühlen sich 87 Prozent aller Mitarbeiter in ihren Unternehmen fremd. Rund 22 Prozent dieser Gruppe haben schon innerlich gekündigt – sie haben also keinerlei emotionale Bindung mehr an ihren Arbeitsplatz. Das persönliche Unbehagen betrifft die ganze Volkswirtschaft: Entfremdete leisten deutlich weniger und werden mehr als doppelt so häufig krank wie ihre zufriedenen Kollegen.
Diese Sätze sind der Einleitung des Buches „Burnout: Ausdruck der Entfremdung“ entnommen. Suite101 sprach mit der Autorin, Mag. Dr. Lisbeth Jerich, langjährige Human Resources Managerin und Gewinnerin des United Global Academy Wissenschaftspreises 2007 für besondere Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Wirtschaftswissenschaften.
Sind manche Menschen besonders anfällig für Burnout?
Suite101: Ein Burnout, also ein Erschöpfungs-Syndrom, wird von vielen Experten in Verbindung gebracht mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen wie Perfektionismus oder Aufopferungsbereitschaft. Sie sagen dagegen, es sei das gesellschaftliche Umfeld sowie die heutige Arbeitswelt, die immer mehr Menschen in ein Burnout treiben.
Dr. Lisbeth Jerich: Es ist das Hauptanliegen meiner Arbeit, Burnout in einen ganzheitlichen Kontext zu bringen. Gesellschaftliche Determinanten spielen bei der Entstehung von Burnout eine genauso große Rolle wie institutionelle und interpersonelle Ursachen. Menschen werden heute zu Dingen getrieben, die sie nicht wirklich wollen.
Suite101: Nun gibt es heute Menschen, die drei oder vier schlecht bezahlte Jobs haben, um irgendwie über die Runden zu kommen. Manche anderen würden keinen dieser Jobs annehmen und leben lieber auf Staatskosten. Wie sind solche Unterschiede zwischen den Menschen zu erklären?
Dr. Lisbeth Jerich: Ich glaube, dass die Masse der Leute frustriert ist. Sogar gut ausgebildete junge Leute müssen erkennen, dass die Arbeitswelt nicht auf sie gewartet hat. Und das, obwohl man ihnen etwas anderes glauben gemacht hat. Derzeit haben wir eine Umbruchstimmung. Es wird immer mehr Menschen geben, die unter den aktuellen Arbeitsbedingungen arbeitsunwillig sind. In meinem aktuellen Buch: „Aussteiger. Die Zukunft der Menschheit?“ haben mir sehr viele Interviewte diese Hypothese bestätigt.
Ist Burnout eine Krankheit?
Suite101: Sehen Sie Burnout als eine Krankheit an?
Dr. Lisbeth Jerich: Burnout ist keine Krankheit, sondern Ausdruck der Entfremdung. Menschen entfremden sich von den eigentlichen Zielen ihres Lebens, von ihren Ideologien und Träumen, nur um einer falschen Logik des Kapitals zu folgen. Ausgebrannte Mitarbeiter werden an den Rand der Gesellschaft und von Unternehmen gedrängt – mit dem Ziel, sie zu eliminieren. Menschen mit Burnout werden selbst in der Wissenschaft pathologisiert, weil es einfacher ist, die Schuld auf den Einzelnen zu schieben als das ganze System oder Unternehmen zu ändern. „Burnoutler“ sind in unserer Gesellschaft schlicht „bad“, oder schlecht. Man sagt, sie seien unangepasst und müssen sich darum kümmern, angepasster zu werden, sodass sie unter allen Bedingungen fröhlich arbeiten und leben können. Doch bedeutet dies nicht eine verkehrte Welt? Ist es nicht der ausgebrannte Mensch, der gesund reagiert auf kranke Verhältnisse? Leidend.
Suite101: Ein Kapitel in Ihrem Buch heißt „Das neue Gesicht des Kapitalismus“. Könnten Sie kurz skizzieren, was uns in diesem Kapitel erwartet?
Dr. Lisbeth Jerich: Der Kapitalismus – oder konkreter: die Verselbständigung des Kapitals – wird immer bedrohlicher und unfassbarer. Der Mensch rückt immer weiter in den Hintergrund und die Logik des Kapitals bekommt eine immer unheimlichere Eigendynamik. Es soll immer noch mehr Geld bzw. Gewinn erwirtschaftet werden, und wie man in der Finanzkrise gesehen hat, stecken nicht selten kolossale Luftblasen dahinter. Wenn die platzen, ist die Katastrophe da. Die Leidtragenden sind die Menschen.
Auch helfende Berufe sind vom Burnout bedroht
Suite101: Wie ist es denn aber mit den Non-profit-Organisationen wie etwa Seniorenheimen oder Kindertagesstätten? Hier geht es doch nicht um die Erwirtschaftung von Gewinn, trotzdem geraten auch hier Menschen ins Burnout. Können auch karitative Einrichtungen nicht anders, als ihre Arbeitskräfte auszubeuten?
Dr. Lisbeth Jerich: Ganz bestimmt ist es so. Der Systematik des Geldes bzw. des Marktes kann sich ja niemand entziehen. Alle Menschen in helfenden und versorgenden Berufen sind natürlich einem besonderen Stress ausgesetzt. Sie spüren, dass die menschliche Komponente auf der Strecke bleibt – und genau dafür setzen sich diese Menschen mit großem Idealismus ein. Irgendwann verlieren sie ihren Idealismus und funktionieren nur noch. Und dann entsteht ein Burnout infolge der Entfremdung.
Suite101: Sie sprechen von reduziertem Wirksamkeitserleben. Was verstehen Sie darunter?
Dr. Lisbeth Jerich: Man merkt, dass man nichts bewirken kann. Oder anders: Man hat keine Erfolgserlebnisse mehr. Gerade Menschen in helfenden und versorgenden Berufen merken, dass sie nicht so helfen können wie sie gern möchten. Weil die Zeit zu knapp ist bzw. weil ein Arbeitstempo vorgegeben ist, das keinen Raum mehr lässt für Zeichen der Menschlichkeit. Erfolgserlebnisse fehlen und Kraft- und Lustlosigkeit machen sich breit. Das geht in eine energetische Abwärtsspirale.
Wann gibt es wieder Freude an der Arbeit?
Suite101: Kann man es so verstehen: Die meisten Menschen lieben ihren Beruf, aber sie würden ihn gern unter anderen Voraussetzungen ausüben …
Dr. Lisbeth Jerich: Der „person-organisation misfit“, also die Nichtpassung zwischen Person und Organisation aufgrund der mangelhaften Übereinstimmung zwischen den individuellen und betrieblichen Zielen ist einer der Hauptgründe für die Entstehung von Burnout. Meistens sind Menschen jedoch dazu gezwungen, einen den Interessen und Neigungen entgegenstehenden Beruf zu wählen. Sie unterliegen einem stummen Zwang ökonomischer Verhältnisse. Ausschlaggebend für Bildungs- und Berufswahlentscheidungen sind daher kapitalistische Verwertungsinteressen. Diese entscheiden letztendlich darüber, wie hoch die Nachfrage nach Arbeitskräften ist und wie sie sich im Einzelnen zusammensetzt. Sie entscheiden darüber, ob zu einem gegebenen Zeitpunkt mehr Arbeitskräfte, die einer qualifizierten Ausbildung bedürfen, oder mehr, die nur einer sehr einfachen Ausbildung bedürfen, nachgefragt werden. Es sind daher ökonomische Zuweisungsmechanismen – bestimmt durch Preise, Arbeitslöhne, Produktions- und Reproduktionskosten der Arbeitskraft sowie Profitraten, die Neigungsberufe für Jugendliche unerreichbar werden lassen.
Suite101: Frau Dr. Jerich, vielen Dank für das interessante Gespräch!
Buchtipp:
Jerich Lisbeth: Burnout: Ausdruck der Entfremdung. Verlag Leykam, Graz 2008, 209 S., 19,40 Euro, ISBN-13: 978-3701101269
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt oder einen Psychotherapeuten - nicht ersetzen kann.
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