
- Toy Story 3 in 3D: spannend und gefühlvoll - © Disney/Pixar
Man reibt sich verwundert die Augen: Was da auf (und wegen des 3-D-Effekts irgendwie auch vor) der Leinwand stattfindet, ist nur noch in Teilen kinderkompatibel. Denn all die niedlich anzuschauenden Figuren, all die charmanten Charaktere, all die vertrauten Gestalten, sie können über eines nicht hinwegtäuschen: Mit „Toy Story 3 in 3 D“ startet ein Action-Film einen Angriff auf Kinderseelen, wie er stärker kaum je erfolgt ist: Disney Pixar Studios hat den „Schneewittchen-Charme“ früherer Jahre ad acta gelegt!
Buzz und Woody: zwei charmante Protagonisten bei „Toy Story“
Woody steht für Ordnung, Buzz für Chaos. Woody ist der eigentlich weibliche Part in der Toy-Story-Trilogie, Buzz ein Hans Dampf mit Buben-Charme. Woody ist die Vernunft, Buzz die Verlockung. Ein Gutteil ihres Liebreizes ziehen die Filme aus dieser Konstellation.
Um die beiden Protagonisten herum haben die Filmemacher ein Sammelsurium an Charakteren gruppiert, die in ihrer Schlichtheit und zugleich Widersprüchlichkeit rühren: Der T-Rex ist schüchtern und ängstlich, Jessie, das Cowgirl, ein wenig überdreht, das Kartoffelpaar tritt nur gemeinsam auf, lässt aber ansonsten nicht erkennen, wie es seine Ehe lebt.
Der Kitt, der all dies zusammenhält, besteht aus Tugenden: Freundschaft, Liebe, Loyalität. Diese Loyalität gerät auf den Prüfstand, denn Andy ist in „Toy Story 3“ in einem Alter, in dem Spielzeug nur noch auf dem Speicher für folgende Generationen aufgehoben wird.
Woody, ganz das konservativ-brave „Mädchen“, will sich in sein Schicksal fügen – die andern, angeführt von Buzz, rebellieren. Sie glauben Woodys Beteuerungen nicht, sie fürchten, auf der Müllkippe zu enden (was sich ums Haar bewahrheiten wird). Der Konflikt steht im Raum, die Reise der Helden kann beginnen …
„Toy Story 3“: ein Action-Film, der sich ins Kinderprogramm verirrt hat
Wenn Emil nach Berlin reist, seine Cousine Pony Hütchen zu besuchen; wenn Simba aufbricht, den Tod des Vaters zu vergessen (und seine Verantwortung gleich mit); wenn Shrek sich wünscht, einmal wieder, und sei es auch nur für einen einzigen Tag, ein Oger zu sein, dann geht es in jeder einzelnen dieser Kindergeschichten ums Ganze: Die Kinder, die Kleinen, die Identifikationsfiguren geraten in (Lebens-)Gefahr.
Es wäre ein Irrglaube, anzunehmen, dass diese Gefahr nur konstruiert ist! Jeder der genannten Helden muss allen Mut und alles Können einsetzen, um letzten Endes nicht Leib und Leben zu riskieren. Die Helden entdecken ungeahnte Fähigkeiten in und an sich und werden so zum Vorbild für die Zuschauer.
Bisher aber folgte jede Herausforderung einem stillschweigenden Abkommen: Sie war fassbar für die kleinen Zuschauer, konnte zugleich gefürchtet wie auch akzeptiert werden und behielt so eine anregende, aber wohltuende Balance. Simba musste sich im Tierreich zur Wehr setzen, Emil sich gegen einen Erwachsenen, die Fantasiegestalt Shrek gegen Märchenfiguren behaupten: Hier blieb und bleibt alles sozusagen innerhalb des Systems.
Bei „Toy Story 3“ werden Grenzen überschritten. In „Toy Story 3“ liefern kindliche Identifikationsfiguren (Spielzeug) Action pur mit Zitaten und Anleihen aus dem Erwachsenen-Kino: Thriller, Horror, Science-Fiction – alles drin, und vieles davon überwältigt, ja: vergewaltigt. Der einzige Unterschied zum Erwachsenen-Genre: es fließt kein Blut.
Temporeich und an James Bond orientiert: „Toy Story“ und die Pre-Credit-Sequenz
Ganz im Stil früherer James-Bond-Verfilmungen startet „Toy Story 3“ mit einer Pre-Credit-Sequenz: Woody jagt eine zynische Bande im Wilden Westen. Brücken werden gesprengt, es folgen Explosionen wie von Atombomben, die Eisenbahn stürzt in den Abgrund, ein Raumschiff taucht auf, und schließlich, als die Helden diese unwahrscheinliche Herausforderung bestanden haben, wird umgeschnitten, und der Zuschauer erkennt: Es war „nur“ die Vorstellungskraft Andys, die diese Tour de Force entwickelt hat. Andy ist halt älter geworden.
Andys Mutter spendet die Freundes-Truppe dem Kindergarten „Sunnyside“. Ein Euphemismus, denn in Sunnyside leben nur die Arrivierten auf der Sonnenseite. Wer zu den Bevorzugten gehört, das bestimmt Lotso, ein zunächst jovial, später herzlos agierender rosafarbener Plüschteddybär am Krückstock. Buzz weigert sich, seine Kameraden im Stich zu lassen und wird gewaltsam in den „Demo-Modus“ versetzt: Er mutiert zur willenlosen Maschine. In der Figur des Klapperäffchens blitzt Orwells Überwachungsstaat auf, mit „Big Baby““ ist die Rolle des monströsen Unbesiegbaren eindrucksvoll besetzt.
„Toy Story 3“ und seine Anleihen bei Freddy Krüger, Lothar Emmerich, dem Exorzisten
Die Flucht aus Sunnyside gerät zur rasanten Demonstration der Überlegenheit von Witz und Köpfchen – und führt vom Regen in die Traufe: Andy & Co. landen im Müllcontainer und schließlich auf dem Shredder-Band, das geradewegs Richtung Hölle fährt. In einer zu Herzen gehenden Szene reichen sich die Freunde die Hände, während sie unaufhaltsam abwärts rutschen, hinein in den Feuerschlund der Verbrennungsanlage …
Natürlich lassen Drehbuchautor Michael Arndt, Produzentin Darla K. Anderson und Regisseur Lee Unkrich die Helden aus „Toy Story 3“ nicht sterben. Doch was bis zu ihrer Rettung über die Leinwand geht (und, wie gesagt, wegen des berauschenden 3-D-Effekts auch vor der Leinwand), braucht den Vergleich nicht zu scheuen mit den Katastrophenszenen aus „2012“, aus „Freitag, der 13.“, aus „Herr der Ringe“ und aus dem Horrorstreifen „Der Exorzist“. Mit, wie auch hier bereits gesagt, einer Ausnahme: Niemand kommt zu Schaden, es fließt kein Blut.
Doch bis „Toy Story 3“ endlich, wie man das aus anderen Pixar-Filmen kennt, in einem die Möglichkeiten purer Fantasie aufscheinen lassenden Finale mündet, sind die Seelen der zuschauenden Kinder argen Bedrängungen ausgeliefert. Was die FBW daran „besonders wertvoll“ findet, muss noch geklärt werden. Der Film an und für sich ist grandios: grandios geschrieben, temporeich inszeniert, witzig und selbstironisch konzipiert, technisch unantastbar. Mit Witz und, was noch wichtiger ist, mit Humor, mit Herz und mit Wärme. Aber eben auch mit viel Thrill und Action. So viel, dass FSK 12 angeraten erscheint. Deutschlandweiter Kinostart am 29. Juli 2010.
