
- Fleisch-WG: Campylobacter (gelb) & Pseudomonas (rot) - Prof. Dr. Friederike Hilbert: Vetmeduni Vienna
Sitzt bei Männern im Urlaub nach der Fleischeslust die Hose lose, dann leidet der Urlauber vielleicht an Campylobacteriose: Für Reiseandenken wie die Reisediarrhoe sind weltweit hauptsächlich ETEC-Bakterien verantwortlich, doch auch das Bakterium Campylobacter jejuni verursacht etwa fünf Prozent aller Reisedurchfälle – als bakterielles Reiseziel ist hier besonders Neu-Seeland zu empfehlen, dort gibt es etwa 400 Campylobacteriose-Fälle pro 100.000 Einwohner. Wer lieber in Deutschland Urlaub macht, erholte sich im Jahr 2010 mit der Inzidenz von etwa 80 Campylobacter-Erkrankungen pro 100.000 Einwohner: Momentan liegt die Campylobacteriose in Deutschland auf Platz drei der meldepflichtigen akuten Magen-Darm-Erkrankungen; Campylobacter kommt nach den viralen Durchfallerregern Norovirus und Rotavirus, Campylobacter liegt aber vor den Salmonellen. Im Jahr 2010 meldeten die Gesundheitsbehörden dem Robert Koch-Institut (RKI) insgesamt 65.714 Campylobacteriosen (siehe Grafik) – am 12. September 2011 registrierte das RKI für das Jahr 2011 bisher 44.948 Campylobacter-Fälle.
Campylobacter leben auf dem Fleisch in der Bakterien-WG
Zur gramnegativen Bakteriengattung Campylobacter gehören etwa 20 Bakterienarten, dabei verursachen die beiden Bakterienarten "Campylobacter jejuni" und "C. coli" fast alle Campylobacteriosen in Deutschland – alleine C. jejuni war 2010 für etwa zwei Drittel aller Erkrankungen verantwortlich: Wie wir Menschen machen auch die Campylobacters gerne Urlaub auf dem Bauernhof, als Kommensalen sind sie zum Beispiel vom Geflügel- und Schweinedarm angetan. Dort leben die Bakterien als Darmbewohner und lieben das sauerstoffarme deutsche Darm-Milieu. Schlachtet der Mensch seine Nutztiere zur Fleischeslust, verfrachtet der Mensch die Campylobacter-Bakterien in ein unbeliebtes Reiseland – in eine sauerstoffreiche Atmosphäre. An der frischen Luft kann Campylobacter auf verunreinigtem Fleisch allerdings nur knapp 20 Stunden überleben, falls sie nicht mit Pseudomonas-Bakterien in einer Bakterien-WG zusammen leben (siehe Bild). In der Bakterien-WG überlebt Campylobacter auf Fleisch dagegen manchmal länger als 48 Stunden, dies zeigt eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität in Wien – dies reicht wohl aus für eine Lebensmittel-Infektion.
Nach Geflügelfleischeslust beginnen die Symptome nach 1 bis 7 Tagen Inkubationszeit
Campylobacteriosen sind typische Lebensmittel-Infektionen: Nach dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beteiligten sich im Jahr 2009 Campylobacter-Bakterien zwar nur an fünf Prozent aller lebensmittelbedingten Zoonose-Ausbrüche, allerdings wies man Campylobacter zum Beispiel im Geflügelfleisch in 27 Prozent aller Planproben nach – am häufigsten war Entenfleisch kontaminiert. Deshalb stellte das BfR fest: "Geflügelfleisch wird weiterhin als eine wichtige Infektionsquelle des Menschen mit Campylobacter angesehen." Ist das Entenfleisch am Ende nicht ganz durchgegart, genügen etwa 500 Campylobacter-Bakterien für eine erfolgreiche Infektion – bei EHEC-Bakterien liegt die Infektionsdosis mit 10 bis 100 Bakterien noch etwas darunter. Dann setzen nach einer Inkubationszeit von etwa 1 bis 7 Tagen die ersten Krankheitssymptome ein – der Mittelwert liegt bei etwa 3 Tagen.
Campylobacter-Symptome Bauchschmerzen, Durchfall und Fieber
Da sich bei kleinen Kindern das Immunsystem noch entwickelt, erkranken an der Campylobacteriose besonders häufig ein- bis zweijährige Kleinkinder – aber auch Erwachsene im Altersbereich von 20 bis 29 Jahren sind häufig betroffen. Bei größeren Campylobacter-Ausbrüchen traten die Krankheitssymptome in folgender Verteilung auf: Die Hälfte aller Patienten hatte Fieber, über 80 Prozent litten unter wässrigem Durchfall, etwa 15 Prozent litten an blutigem Durchfall, 80 Prozent hatten Bauchschmerzen, etwa 40 Prozent hatten Kopfschmerzen oder Muskelschmerzen – nur etwa 15 Prozent der Patienten mussten sich Erbrechen.
Eine Campylobacteriose kann mit Grippe-Symptomen beginnen
Prodromi nennen unsere Ärzte die Frühsymptome einer Krankheit, normalerweise ist die Diagnose des Erregers einer akuten Durchfallerkrankung schon eine Herausforderung, doch eine Campylobacteriose beginnt bei etwa einem Drittel der Patienten vor dem Durchfallbeginn mit typischen Grippe-Symptomen: Oft leiden die Patienten etwa einen Tag vor dem Durchfall an Fieber im Bereich von 38 bis 40 Grad Celsius. Die Patienten sind müde und matt, sie haben Gelenk-, Kopf- und Muskelschmerzen. Die Campylobacteriose ist aber fast immer eine selbstlimitierende Erkrankung – die Krankheitssymptome enden für gewöhnlich innerhalb einer Woche. Nur bei hohem Fieber oder bei immungeschwächten Patienten werden manchmal Antibiotika eingesetzt. Ansonsten wird bei einem normalen Krankheitsverlauf nur der Flüssigkeits- und Elektrolytverlust des Körpers ausgeglichen. Zur symptomatischen Therapie eignen sich Elektrolyt-Glucose-Trinklösungen, diese bewahren unseren Körper vor der Austrocknung (Exsikkose).
Symptomatische Therapie mit oralen Rehydrationslösungen
Für Kinder und Erwachsene empfehlen die Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) so genannte orale Rehydrationslösungen (ORL) mit Elektrolyten wie Kalium, Natrium und Glucose. Erwachsene können auch lindernde Hausmittel wie Bananen und Heidelbeeren einsetzen. Mit einer heißen Brühe, Möhrensuppe oder Tee, kann man sich auch zu Hause orale Rehydrierungslösungen selbst mixen – "Hausmittel" wie Schüßler Salze oder "Wundermittel" mit Natriumchlorit sind bei Durchfall und Erbrechen dagegen denkbar ungeeignet.
Weitere Informationen & Literatur:
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR, 2009): "Erreger von Zoonosen in Deutschland im Jahr 2009". Herausgegeben von M. Hartung und A. Käsbohrer.
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ ): Hier finden Sie als pdf-Dokument die kostenlose Elterninformation "Mein Kind hat Durchfall".
Irving Nachamkin, Christine M. Szymanski und Martin J. Blaser (Herausgeber, 2008): Campylobacter. Third Edition. ASM Press (ISBN-13: 9781555814373).
Robert Koch-Institut (RKI): RKI-Ratgeber Infektionskrankheiten – Merkblätter für Ärzte: Campylobacter-Infektionen. Aktualisierte Fassung vom Januar 2005. Auf der Internet-Präsenz des RKI finden Sie auch die Datenbank SurvStat mit den Campylobacter-Fallzahlen (Datenstand vom 17. August 2011).
Bildinformationen: Die Bilder der Bakterien-WG stammen von der Vetmeduni Vienna – Friederike Hilbert, Manuela Scherwitzel, Peter Paulsen und Michael P. Szostak (2010): "Survival of Campylobacter jejuni under Conditions of Atmospheric Oxygen Tension with the Support of Pseudomonas spp.". Applied and Environmental Microbiology, September 2010, Volume 76, Nummer 17, Seite 5911 bis 5917 (doi:10.1128/AEM.01532-10).
Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat – zum Beispiel durch einen Arzt oder Apotheker – nicht ersetzen kann!
