"Can we talk about this?"- Eine wortreiche Tanzprovokation

spielzeit’europa 11/12 Can We Talk About This? - Foto: Matt Nettheim
spielzeit’europa 11/12 Can We Talk About This? - Foto: Matt Nettheim
„Spielzeit'Europa": Lloyd Newson und „DV8 Physical Theatre" mit „Can we talk about this?" über westliche Toleranz und radikale Moslems, Deutschlandpremiere.

Es ist ein hartes Stück Arbeit gewesen, für die Tänzerinnen und Tänzer aber auch und vor allem für das Publikum, das im Haus der Berliner Festspiele über die Bühne ging. Ziemlich exakt 75 Minuten wird es nahezu permanent auf Englisch über ein höchst kontroverses Thema zugetextet: Die fehlende Bereitschaft demokratischer Gesellschaften von den Vertretern eines aggressiven Islam dieselbe Toleranz gegenüber westlichen Lebensweisen einzufordern, wie diese sie für sich erwarten. Der Tanz spielte dabei nur eine sportliche Rolle.

Lloyd Newson stellt eine Frage

Es begann schon mit der provokanten Frage an das Publikum, wer sich gegenüber den Taliban moralisch überlegen (morally superior to the Taliban) fühle. Sehr sehr zögerlich gingen nur sehr sehr wenige Arme hoch. Danach werden von der Verbrennung der „Satanischen Verse“ und der Verfolgung von deren Autor Salman Rushdie, über den Streit über Mohammed-Karikaturen, die in einer dänischen Tageszeitung abgedruckt wurden, viele Situationen berichtet, in denen politisch korrektes Verhalten dazu führte, dass die geltende Rechtsordnung westlicher Demokratien aus Toleranz gegenüber religiösen Gründen einiger Zuwanderer nicht durchgesetzt wurde. Immerhin wurde der Mörder des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh schnell gefasst. Er kam durch seinen Film „Submission“ zusammen mit Koautorin Ayaan Hirsi Ali ins Fadenkreuz radikaler niederländischer Moslems. Schließlich erstach der Sohn marokkanischer Einwanderer, in den Niederlanden geboren und aufgewachsen, den Filmemacher. Vor Gericht habe er ausgesagt, dass ein Muslim jedem, der Allah beleidige, den Kopf abhacken dürfe und dass er es wieder tun würde.

Neben diesen international viel beachteten Vorfällen, werden einige Begebenheiten aus dem englischen Sprachraum berichtet, in denen nicht der Verstoß gegen die jeweiligen Landesgesetze wie Zwangsheiraten (forced marriages), sogenannte Ehrenmorde (honour killings) oder der Schutz der Meinungsfreiheit im Zentrum behördlicher bzw. gesellschaftlicher Reaktionen standen sondern die Toleranz gegenüber den Sitten und Gebräuchen, die die Zuwanderer aus ihren Herkunftsländern mitbrachten und manche beibehalten wollten. Die Toleranz geht sogar soweit, dass der UN-Menschenrechtsrat mit der Mehrheit der islamischen Länder die Scharia über die Menschenrechte stellte. In eingespielten Videosequenzen tun zwei arabische UN-Botschafter kund, dass ihre Länder es ablehnen würden, das islamische Strafrecht auf Uno-Ebene überhaupt auf die Tagesordnung zu setzen.

Nicht erst seit 9/11 wird diskutiert, wie weit westliche Gesellschaften ihren in vielen Generationen erkämpften Lebensstil offensiver verteidigen sollten, zu dem unter anderem die Meinungsfreiheit, die Freiheit des Glaubens, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern aber auch die Akzeptanz von Minderheiten wie Homosexuellen (beiderlei Geschlechts) genauso gehören, wie ihre Grundlage, die demokratischen Grundrechte.

Can we talk about this”? oder DV8 Physical Theatre und der Tanz

Der Australier Lloyd Newson steht seit Jahren für einen ambitionierten Umgang mit gesellschaftlichen und politischen Themen, die er im wörtlichen Sinn mit der von ihm mit gegründeten Londoner Truppe dv8 physical theatre (dance and video oder "de-vi-ate" für abweichen) umsetzt.

Bei „Can we talk about this?“, es wurde im August in Sydney uraufgeführt, haben er und die Tänzerinnen und Tänzer gemeinsam das Bewegungsvokabular entwickelt, und das ist leider der weniger spannende Teil der Geschichte, auch wenn er mit brillanter Akribie vorgeführt wird. Während die Tanzenden sprechen, bewegen sie sich permanent. Sie biegen sich, sie hüpfen, springen, kriechen, laufen, rennen fast nonstop. Nur selten, eigentlich nur einmal, kommt zu einer choreographischen Raffinesse, wenn eine Tänzerin zum sich bewegenden Sessel einer anderen wird, bis schließlich der Kopf als Tischchen für die Teetasse dient. Insgesamt eine außerordentliche physische Leistung, aber eher sportive als tänzerisch. Vieles kann hineingedeutet werden, von der Frage, was hat das mit dem Gesagten zu tun, bis zur Vorstellung, dass die Problematik in einer hyperaktiven sich ständig irgendwie beschäftigenden und damit auch ablenkenden Gesellschaft nicht erkannt wird.

„Can we talk about this? – Können wir darüber reden?“ ist kein Tanzstück im eigentlichen Sinne. Es ist eher eine intellektuelle Provokation, gerichtet an den politisch korrekten Gutmenschen, der die Unterschiede zwischen einer multikulturellen und einer multiethnischen Gesellschaft kaum reflektiert hat, und nicht merkt oder nicht merken will, wie Teile dieser multikulturellen Gesellschaft ihm den dämpfenden Teppich seiner politischen Korrektheit unter den Füßen wegziehen und damit auf lange Sicht die demokratischen Freiheiten und die pluralistische Gesellschaftsordnung austrocknen.

„Can we talk about this?“ - eine Frage an westliche Gesellschaften

„Can we talk about this?“ soll Theo van Gogh seinen Mörder noch gefragt haben, bevor dieser zustach. Die Frage richtet sich aber auch an die westlichen Gesellschaften. Can we talk about this? So wenige, wie auf die Eingangsfrage den Arm gehoben haben, so wenige werden dies tun wollen. Denn, auch wenn es nicht repräsentativ ist, in den aufgeschnappten Gesprächsfetzen der nach kurzem Applaus nach Hause Gehenden war das gerade Gesehene kaum Thema. Vielleicht hätte dies verhindert werden können, wenn die gesprochen Texte fürs Publikum gedruckt zur Verfügung gestanden hätten.

„Can we talk about this”? ist noch heute, 28. Oktober, und morgen, 29. Oktober, im Haus der Berliner Festspiele in der Schaperstraße zu sehen.