Cancellara gewinnt in Lugano den Prolog zur Tour de Suisse

Tour 2011 - Tour de Suisse
Tour 2011 - Tour de Suisse
Cancellara gelang der fünfte Auftakt-Gewinn in acht Rennen. Für Ferdy Kübler sind die Rennen heutzutage nicht mehr als ein Spaziergang.

Rund um Lugano war am Pfingstsamstag 2011 ein heilloses Chaos: Auf der Autobahn aus Richtung St. Gotthard gab es Staus von 30 und mehr Kilometern Länge. Die Pfingsttouristen aus Bern, Zürich, Pforzheim oder Kassel standen mit ihren Wohnwagen am Strassenrand in der vergeblichen Hoffnung, die Campingplätze am oberen Luganer See oder in den Lepontiner Voralpen zu erreichen. Die Seeuferstrasse zwischen Lugano und Porlezza oder dem Val Cavargna war über zehn Stunden hinweg gesperrt und somit so leer wie sonst nur im Winter bei Glatteis. Der schlichte Grund: Lugano, die Sonnenstube des Tessin, erlebte am 11. Juni 2011 den Prolog zur 75. Tour de Suisse. Und da waren den Tessiner sogar die zahlungskräftigen Touristen egal. Die Innenstadt war genauso gesperrt wie die Zufahrtsstrasse zum italienischen Teil des Luganer Sees. Wichtig war nur, und das trat dann auch ein: Lokalmatador Fabian Cancellara musste diesen Prolog gewinnen – und er gewann ihn.

Zwei Deutsche unter den ersten Zehn

Der Olympiasieger und Weltmeister im Zeitfahren unterstrich unter dem Jubel seiner Landsleute erneut seine Klasse auf dem 7,3 Kilometer langen Rundkurs durch Lugano und über die benachbarten Hügel – größere Bergprüfungen gab es nicht. Cancellara, der Spezialist aus dem Team Leopard-Trek, absolvierte die Strecke in 9:41 Minuten – es war sein fünfter Prolog-Erfolg bei acht Rennen der Tour de Suisse. Der US-Amerikaner Tejay van Garderen fuhr mit neun Sekunden Rückstand die zweitschnellste Zeit; Dritter wurde der Slowake Peter Sagan, zeitgleich mit dem Schweden Gustav Larsson. Gleich zwei Deutsche radelten unter die ersten Zehn: Andreas Klöden wurde Fünfter, Linus Gerdemann kam auf den zehnten Platz.

Am Pfingstsonntag ging es in die Berge

Der Jubel um Cancellara beim Prolog hatte natürlich seinen besonderen Grund: Denn kaum jemand rechnet damit, dass der Zeitfahrer zum Schluss der neunten, der letzten Etappe dieser Tour de Suisse, auch die Nase vorn haben wird. Dem stehen die Schweizer Berge entgegen. Schon am Pfingstsonntag ging es auf den Nufenen – mit dem Ende dieser Bergetappe in Crans-Montana. Und am Pfingstmontag stand die Grimsel auf dem Programm, danach via Grosse Scheidegg das Ziel in Grindelwald. Immerhin, der Zeitfahrer der Sonderklasse hatte schon in den vergangenen zwei Jahren – beispielsweise bei der Tour de France – neue Bergfahrer-Qualitäten gezeigt.

Kübler: „Wir waren robuster und härter“

Vielleicht nimmt sich Fabian Cancellara, Sohn eines aus der Basilicata ausgewanderten Italieners, ein paar Worte des „Stammvaters“ des Schweizer Radsports – gemeint ist Ferdy Kübler – zu Herzen. Der ist inzwischen 92 Jahre alt, aber hellwach, und er hat in einem Interview der „Basler Zeitung“ den Radprofis von heute die Leviten gelesen nach dem Motto „Wir waren viel härter und robuster“. Den Streckenplan der 75., der Jubiläums-Tour, nannte er einen „Spaziergang“ im Vergleich zu früher.

Vorher fegten Hobby-Radler über die Piste

In Lugano jedenfalls hatten am Pfingstsamstag nicht nur die Profis beim Prolog ihre erste Prüfung zu bestehen. Es gab nämlich vor dem Hauptereignis etwas, was die Schweizer eine „Cornèrcard Cancellara Challenge“ nannten. 200 Hobby-Rennfahrer beiderlei Geschlechts fegten mittags über den Rundkurs. Die Teilnehmer mußten dazu lediglich ein Rennrad, einen Velohelm und ein bisschen Fitness vorweisen. Jeder musste vor dem Start tippen, wie nahe er an die spätere Zeit des Profis Cancellara kommen würde. Der beste Tipper gewann – nicht unbedingt der schnellste Fahrer.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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