
- Spanische Ausgabe des "Canto General" von Neruda - Cátedra
Als der 17jährige, sehr naturverbundene Poet Neftalí Ricardo Reyes Basoalto, mittelloser Sohn eines Lokomotivführers, 1921 aus dem südchilenischen Temuco in die Hauptstadt Santiago aufbrach, hatte er sich bereits sein dichterisches Pseudonym Pablo Neruda gegeben. Politisch fühlt sich der Student als Anarchist, seine Poesie entsteht aus Träumen, realitätsorientierte oder gesellschaftlich motivierte Lyrik lehnt er strikt ab, verachtet sie sogar. 23jährig geht Neruda mit sehr schmalem Salär als Honorarkonsul nach Asien, kehrt 1932 nach Chile zurück, lebt 1933 in Buenos Aires und wird 1934 Honorarkonsul in Spanien. Dort empfangen ihn voller Begeisterung die spanischen Dichter der "Generación del 27" – Federico García Lorca, Miguel Hernández, Rafael Alberti und andere – und feiern ihn als bedeutenden Dichter. Erst in dieser Phase beginnt Nerudas Politisierung .
Pablo Neruda – Politik, Poesie, Picasso
In Spanien schreibt Neruda ein poetisches Manifest in der von ihm mitgegründeten, surrealistisch beeinflussten Zeitschrift "Caballo verde para la Poesía" (Grünes Pferd für die Poesie), in dem er jetzt gegen lyrische Verinnerlichung und für eine "poesía sin pureza" (unreine Dichtung) plädiert. Er unterstützt die junge spanische Republik, ergreift Partei gegen den Faschismus, erlebt die erste Zeit des Bürgerkriegs, muss wegen des Verlustes seiner konsularischen Neutralität selbst fliehen und engagiert sich in Paris gemeinsam mit Pablo Picasso und anderen Künstlern im Freiheitskampf gegen die spanischen Putschisten, später organisiert er Ausreisemöglichkeiten für spanische Flüchtlinge und unterstützt deutsche Exil-Schriftsteller durch Buchankäufe für chilenische Bibliotheken.
Die Entstehung des Heldenepos "Canto General"
Den umfangreichen, 231 Gedichte in 15 Abschnitten enthaltenden Zyklus "Canto General" (Großer Gesang) über den Kampf Südamerikas gegen Kolonialismus und Ausbeutung begann Neruda in den Dreißiger Jahren zu schreiben. Vor allem arbeitete er aber in den Fluchtjahren 1948/49 daran, als er ständig seinen Aufenthaltsort wechseln musste, als er von nicht-intellektuellen, einfachen Menschen, die ihn kannten und seine Dichtung liebten, versteckt und weitergeschickt wurde.
Verfolgung, Flucht, Poesie und Literaturnobelpreis
Neruda war 1945 in die Kommunistische Partei Chiles eingetreten, zum Senator gewählt worden und hatte ab 1946 vehement in scharfen öffentlichen Reden die Politik des Präsidenten González Videla kritisiert. Durch ein neues, antiliberales Gesetz verlor er seine parlamentarische Immunität, drohte in ein Konzentrationslager verschleppt und umgebracht zu werden, musste fliehen und lebte viele Jahre im europäischen und asiatischen Exil. 1971 verlieh ihm die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreis für seine Poesie, "die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht".
Die Geschichte Südamerikas im Heldenepos "Canto General"
In seiner Autobiografie "Confieso que he vivido" ("Ich bekenne, ich habe gelebt") charakterisiert Neruda seinen "Großen Gesang" wie folgt: "Die Idee eines zentralen Poems, das die geschichtlichen Ereignisse, die geografischen Bedingungen, das Leben und die Kämpfe unserer Völker umschließt, erschien mir als dringende Aufgabe." Es handelt sich um ein Epos, das zunächst in Anlehnung an die biblische Schöpfungsgeschichte in praller Bildhaftigkeit die Naturschönheiten des südamerikanischen Kontinents evoziert: "Es war die Morgenhelle der Leguanechse … die Affen flochten einen unendlich erotischen Faden, indem sie Wände von Blütenstaub niederrissen… die Nacht der Kaimane, die unberührte Nacht…" (aus "Algunas Bestias", "Einige Tiere"). Die paradiesische Idylle jedoch wird durch die gigantische Anaconda-Schlange zerrissen, ein zerstörerischer Eingriff in die unberührte Natur.
Die Anaconda in Pablo Nerudas "Großem Gesang"
Anaconda ist der Name einer chilenischen Kupfermine. Unverschlüsselt und deutlich antikapitalistisch, jedoch mit ungebrochener poetischer Kraft berichtet der Dichter über die Verteilung von Amerikas "lieblichem Gürtel, meines Kontinents Zentralküste an die Coca-Cola Inc., die Anaconda, die Ford-Motors und andere Wesenheiten". Der Eroberer Amerikas "reservierte sich das Gehaltvollste… schleppt den Kaffee fort und die Früchte, auf ihren Schiffen, die davongleiten wie Kredenzen mit dem Schatz unserer in den Abgrund gestoßenen Länder" (aus "La United Fruit Company").
Die Vernichtung der Inkakultur
Pablo Neruda geht es in seinem lyrischen Großwerk nicht vordergründig um Tagespolitik, sondern um das Volk der von den europäischen Invasoren zerstörten Inkakultur. In diesem Sinne ist der Vaterlands-Begriff "patria" als Gerechtigkeitsruf zu verstehen: "Vaterland, du wurdest von Holzfällern erschaffen… von ihnen, die, gleich einem seltsamen Vogel, einen Tropfen beflügelten Bluts dir gaben" ("América Insurrecta", "Aufständisches Amerika").
Der Baum der Befreiung – Naturphilosophie oder Agitprop?
Der anklagende, revolutionäre, durchaus distanzlos-polemische und politisierende Geist des "Großen Gesangs" sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein sprachgewaltiges naturphilosophisches Opus handelt, nicht nur um ein Werk des Agitprop. Der Neruda-Übersetzer Erich Arendt nannte den "Canto General" ein Heldengedicht des Widerstands, der Empörung aller Völker Amerikas. Seine Bedeutung liegt vor allem in der Symbolik der Naturbilder, der Schönheit, aber auch der Brutalität der Naturgewalt. Die optimistischen Teile des Canto General, die sich auf Befreiung von den Unterdrückern, Hoffnung und Rückkehr in friedvolles Zusammenleben der Völker richten, sind immer von starken Naturvisionen erfüllt: "Hier wächst der Baum, dessen Wurzeln voller Leben sind, dem Martyrium rang er Salpeter ab … manchmal strahlten ihre Blätter auf, wie Planeten" (aus "Los Libertadores", Die Befreier).
Beliebtes Chorwerk "Canto General" von Mikis Theodorakis
In deutscher Übersetzung gibt es keine lieferbare Buchausgabe des "Canto General". Teile des Zyklus wurden von dem griechischen Komponisten Mikis Theodorakis vertont. Das folkloristische Chor- und Instrumentalwerk wird häufig von großen Laienchören in aller Welt aufgeführt und trägt erheblich zur Verbreitung der Dichtung Nerudas bei, der dieses Opus in seiner Autobiografie immerhin als bedeutendstes seiner Werke bewertete.
Zitat von Erich Arendt in: Pablo Neruda: Gedichte. Spanisch und Deutsch. Bibliothek Suhrkamp 1963.
Zitate Text-Übersetzungen: Schott Music /Intuition Verlag
