Carl Schurz

Vom Revolutionär zum amerikanischen Minister

Ein Lehrersohn aus Liblar bei Köln beeinflusste die Weltgeschichte - als Wahlkampfhelfer, Botschafter, Senator und Innenminister der Vereinigten Staaten von Amerika.

Die Frage „Was wäre, wenn...?“ gilt in den Geschichtswissenschaften gemeinhin als müßig, ja verpönt. Dennoch ist es im Falle des Carl Schurz ein pikantes Gedankenspiel. Was wäre passiert, wenn dem jungen Revolutionär 1849 die Flucht durch einen Abwasserkanal aus der belagerten Festung Rastatt misslungen wäre? Vielleicht hätte es in den USA trotzdem irgendwann einen Bürgerkrieg gegeben, aber mit Sicherheit hätte ihn nicht Abraham Lincoln geführt. Dieses Beispiel mag nur eines zeigen: wie unterschätzt der Sohn eines Lehrers aus Liblar bei Köln heute ist. In der Tat ist Schurz einer der drei bedeutendsten Deutschen in der amerikanischen Geschichte, neben Friedrich von Steuben und Henry Kissinger.

Revolution und Flucht vor den Preußen

Am 2. März 1829 geboren, studierte der Jesuitenzögling in Bonn Philologie und Geschichte. Er lernte dort seinen Mentor Gottfried Kinkel kennen, der später in seinem Leben noch eine ganz entscheidende Rolle spielen sollte. Zunächst schloss sich der 20jährige der Revolution an. Kurz zuvor war er Karl Marx begegnet, dessen Thesen ihn fasziniert hatten, doch die persönliche Begegnung bei einem Vortrag in Köln ließ ihn ein für alle Mal von Marx Abstand nehmen. Die Begeisterung für die Revolution trübte diese Episode indes nicht. Nach dem Sturm auf das Siegburger Zeughaus wollte Schurz dorthin, wo die Flamme der Revolution am heißesten brannte: in die Pfalz und nach Baden. Doch im Sommer 1849 wartete er auf der umzingelten Festung Rastatt mit 6.000 anderen auf die Kapitulation – eine Kapitulation, die für den 20jährigen den Tod vor einem Erschießungskommando bedeuten konnte. Das Rheinland gehörte zu jener Zeit zu Preußen – folglich galt der Rheinpreuße Schurz als Hochverräter. In einer kühnen Flucht durch die Abwasserkanäle der Festung entkam Schurz den Belagerern. Er und seine beiden Begleiter waren die einzigen, die fliehen konnten. Tatsächlich vollstreckten die Preußen nach der Übergabe Rastatts 19 Todesurteile, darunter am Festungskommandanten Gustav von Tiedemann, als dessen Adjudant Schurz gedient hatte.

Schurz flüchtete in die Schweiz und erfuhr dort, dass sein Mentor Gottlieb Kinkel in der Zitadelle von Spandau gefangen gehalten wurde. Obwohl Schurz steckbrieflich gesucht wurde, reiste er mit dem Zug durch ganz Deutschland bis Berlin, wo es ihm tatsächlich gelang, Kinkel aus der Haft zu befreien. Der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck behauptete, Schurz während jener Zugfahrt nach Berlin in einem Zugabteil getroffen und erkannt zu haben. Er habe deshalb darauf verzichtet ihn zu denunzieren, weil er Schurz für seine abenteuerliche Flucht bewundert habe.

Freundschaft mit Abraham Lincoln

Schurz und Kinkel gelangten über die Ostsee nach London. Dort lernte er seine spätere Frau Margarete Meyer kennen. Sie heirateten bald und wanderten 1851 in die USA aus. Dank der Mitgift seiner Frau erwarb sich das Ehepaar eine kleine Farm in Illinois. Dort lernte er auf einer Zugfahrt Mitte der 50er Jahre den Anwalt Abraham Lincoln kennen. Lincoln lernte den sprachbegabten jungen Deutschen schnell schätzen. Außerdem wurde ihm klar, dass Schurz ein unbezahlbarer Verbündeter werden konnte. Deutschstämmige Wähler votierten in den USA grundsätzlich für die Demokraten, einfach wegen des Namens. Schurz sollte denen nun die Augen öffnen, nämlich, dass die Demokraten für die Sklaverei waren und die noch jungen Republikaner die Sklaverei ablehnten. Die Präsidentschaftswahl von 1860 endete denkbar knapp. Lincoln setzte sich durch – dank der deutschen Stimmen, die Schurz für ihn geholt hatte.

Lincoln zeigte sich nach der Wahl generös und bedankte sich bei Schurz mit dem Botschafterposten in Spanien. Das war nun ein zweischneidiges Schwert. Inzwischen war der Bürgerkrieg entbrannt und Schurz musste immer neue Niederlagen der Union erklären. Schließlich bat er um seine Ablösung. Die Rückreise sollte durch Deutschland und über Bremerhaven führen. Doch da gab es ein Problem. Schurz war noch immer steckbrieflich gesucht. Nach langen Verhandlungen wurde ihm freies Geleit zugesichert. In seinem Zugabteil saß jedoch ein Sicherheitsbeamter, der verhindern sollte, dass Schurz den Zug verließ.

General im Bürgerkrieg

Nun wollte Schurz ein Frontkommando. Lincoln erfüllte ihm den Wunsch und wenig später war Schurz schon Brigadegeneral. Er blieb es nicht lange, denn sein Freund Franz Sigel, der das erste Korps anführte, sorgte dafür, dass Schurz nach einigen Monaten schon Generalmajor wurde. Die zweite Schlacht von Bull Run, Chancellorsville, Gettysburg und Chattanooga zählen zu den bedeutendsten Schlachten des Kriegs – an allen war Schurz beteiligt, allerdings nicht an allen besonders ruhmreich. Ruhmreich war sicher auch nicht sein Zug durch Dixieland mit William T. Sherman.

Innenminister der USA

Nach dem Krieg wurde Schurz zum Senator von Missouri gewählt. Als 1876 Rutherford B. Hayes nach einer ebenso überraschenden wie chaotischen Wahl der 19. Präsident der USA wurde, berief er Schurz als Innenminister in sein Kabinett. Nach der achtjährigen Präsidentschaft von Ulysses S. Grant waren die Vereinigten Staaten in einem Sumpf der Korruption versunken. Es war Carl Schurz, der diesen Sumpf innerhalb von nur vier Jahren nahezu trocken legte. Noch heute verehren ihn die Amerikaner dafür.

1880 endete seine Laufbahn als Politiker. Doch als Publizist und scharfzüngiger Beobachter der amerikanischen Politik blieb Schurz bis ins 20.Jahrhundert präsent. Er starb am 14. Mai 1906 in New York.

Peter S. Kaspar, Peter S. Kaspar

Peter S. Kaspar - Die journalistische Laufbahn begann für mich 1982 beim "Schwarzwälder Boten", zunächst als Lokal- und dann als ...

rss