Cartoonist Ronald Searle verstarb zur Jahreswende

Sieben Jahrzehnte umfassen seine Karikaturen. Darunter: Mädchenpensionate und übermächtige Steinböcke. Searle lebte lange in der französischen Wahlheimat.

In dem englischen Mädchenpensionat gab es die formelle und heimliche Biederkeit und hinter den Internatstüren walteten geißelnde Lehrerschaften über ihre Schülerinnen: wie zu einem Bund mit der donnernden Niedertracht. Erzieher, die den Wertekanon als ein teuflisches, verjährtes Anlitz zertrümmerten und ihre gesunde Lehrautorität verloren. Dort verwandelten sich dann Mädchen - spindeldürre Schülerinnen - in aufgewiegelte Wesen und Hexen an den Pulten. Das Mädchenpensionat war nicht reell. Dennoch... Die Zeichnungen zum Mädchenpensionat "St. Trinian´s" riefen in den fünfziger Jahren das lange, heftige Raunen der konservativen Kreise hervor. Es war die Karikaturserie, die Searle nach dem großen, infernalen Krieg hervorbrachte und aus der eine sozialkritische, weltbekannte Reflektion entstand.

Weshalb? Statt der Ehrfurcht der Schülerinnen entlarvte er die altmodische Auffälligkeit und den fast militaristischen Unterrichtsdrill der Kriegsgeneration, den die Mädchen nicht mit positiven Nachrichten und auskommenden Versammlungen erwiderten. Die Biederkeit, die er etwas anklagend von seinen Zeichenblättern in die Öffentlichkeit und das zivile Leben spannte. Zur Jahreswende verstarb der englische Karikaturist Ronald Searle im Alter von 91 Jahren im französischen Draguignan.

Stationen des britischen Cartoonisten

Er veröffentliche bereits in seiner Jugend Cartoons in den Cambridge Daily News. Searle diente als Soldat in der britischen Armee während des Zweiten Weltkrieges und die japanische Kriegsgefangenschaft prägte sein Kunstbild: In den stickigen, elenden Hütten der Aufseher, vor den Arbeitsstollen, entlang der feuchten, insektenbehangenen Wände und des Gesteins der Ungerechtigkeit und Willkür verstärkte sich seine Neigung zur Illustration. In der er die verhüllte, menschliche Kraft und die Zurückdrängung des wirkenden Einzelnen im größeren System herauspulte. Zu der auch die Skizzierungen der Zwiespälte des Menschenlebens gehörten. Nach dem Krieg intensivierte er seine Skizzen in diesen Ebenen.

Fortan führte er seine Bleistiftmine kratzig an den Plätzen der westeuropäischen Städte: Stigmatisierte die Kriegsgefahren - keine Fiktionen oder Produkte der dramatisierenden Filmlandschaft - durch bedeutende Kriegsgegner und unbedeutendere, zurückgehaltene Kriegstreiber beeinflusst, zwischen den Siegerblöcken auf Karussellen, auf denen Sensenmänner kreisten. Er verwandte die Plätze der Waschküchen, Kriegszimmer, Seniorenstätten, der 68er Bewegungen, der Londoner Straßen samt ihrer zusammengeknüppelten Friedensbewegungen für seine Kritiken an Verwaltungsräumen, an etablierter Tristesse und Verformungen. Beispielsweise wird in einer seiner Zeichnungen die übermäßige, entmenschlichte Strukturierung zu einer steingrauen, entmenschlichenden Riesenfigur.

Neben dem Facettenreichtum quoll der britische Humor immer wieder hervor, den Searle wie eine Fliege und einen Zylinder bei sich hatte. Den er wie einen Fächer fächerte, um die Schmeißfliegen des Alltags auf- oder zu verscheuchen. Ab den 70ern erhielt Searle mit seinen Cartoons und Illustrationen für Trickfilme auch Zugang zur Hollywoodindustrie. Gerne bevorzugte er Tierbezüge für das verschärfte und überscharfe Etikettieren - wie für ein Brennglas - der menschlichen Verwicklungen und Unvollkommenheiten.

Der Steinbock, dessen Reich nachwievor ein endloses Reich der Dominanz ist

Auf einer Karikatur Ronald Searle´s liegt der Steinbock herrscherhaft mit neun Schäfchen im Bett, während dieser Herrscher seine Ärmchen hinter dem Kopf mit den gewundenen Hörnern verschränkt und schlummert, neben all den Bettgesellinnen unter der Decke. Beherrscht in der endlosen Hierarchie, in der Üppigkeit seiner Macht. Der Gedanke kommt, er erhielte in seiner Vorstellung, in einer ewigen Zeremonie zwischen Mann und Frau einen Orden für seine Erfolge und Regsamkeiten im Bett. Dort liegen sie an einem vollendeten, herrlichen Akt. An einer unentwirrbaren Geschlechterdefiniton - die den Emanzipationsbewegungen der Frau natürlich einer Teufelei nahekommt. Und Debatten nach sich zog. Über Gerechtigkeitstheorien. Nicht nur Weltanschauungskämpfe unter den moderaten und versteckten, konservativen Redakteuren, die es in ihrem Blatt brachten, sondern Meinungsverschiedenheiten provozierte über Geschlechterquoten in den Führungsetagen und der Macht von Männern über Frauen im Büro, von Männern über machtvolle Traditionen und Evolutionsauswüchse.

Selbst das Schäfchen mit der zarten Schlafhaube am äußersten Randes des Bettes, ebenso unter der karierten Decke dösend, stürmt nicht hinfort. Das Dösen wird nicht zur Nachdenklichkeit und Autarkie. Es schleicht nicht hinaus. Es beläßt den Machtraum ganz unverblüfft: Am urzeitlichen, unantastbaren Samen der Herrscherverteilung. Dieses Schäfchen wird nicht panisch. Spricht dem Faktum der entzauberten Gleichheit nicht hohn. So frönt jedes dem Königreich des Steinbocks und den Erinnerungen an eine männerdominierte Zeit - in den Aufbrüchen und Vorzügen der Frauenemanzipation, den Spannungen der Jahrhundertementalitäten, den Genüßen in den altmodischeren Ehebetten. Es sind Effekte der Machtverzerrung, die Ronald Searle mit seinen Cartoons an Zivilisten und politische Zeitungsleser richtet.

Der Tisch der Verführungen: Eine Speisekarte für 50 Cents

Der Mensch und dessen unheroischen Unersättlichkeiten stehen in einer anderen Karikatur im Fokus der Demaskierung: Es wurde am 17. Februar 1973 veröffentlicht. Da sitzt ein gedrungener, kratziger Kater auf einem Stuhl. Der "New Yorker", der für läppische 50 Cents schlemmen kann. Vor ihm auf dem Tisch: Wunderbare Torten - mehrstöckig und mit Kirschen, Puddingcreme, Melonenkügelchen verziert. Aber der New Yorker Kater hat seine Geheimnisse und sein Pech: In ihm trommeln frühere Beutebildnisse: Der Hunger gängelt ihn weiter.

Er fantasiert. Nicht von einer Maus auf dem Tischchen, die er am Kellerloch gefangen hat, sondern von einer prächtigen Fischspeise. Es ist eine Tragödie. Aber es war nie anders in der Evolution und auch am Altar der vielfältigen Speisen und verhätschelnden Menschenkünste denkt er an eine Fressgelegenheit aus den Ozeanen. Zum Läuten einer feierlichen Katergaumenfreude. Selbst der Kater wird - wie so oft der Mensch - von dem Monopol der Unersättlichkeit aufgesucht, wie von einem Erstgeburtsrecht oder einem Patent auf Untröstlichkeit. Es sind Zeichnungen Ronald Searles, an denen er nicht lange schmiedete und die bekömmlicher sind für den konservativen Mann der Straße und Verwaltung. Dabei zum Verstehen der mangelnden Übereinkunft und menschlichen Laster mit den Augen eines New Yorker und verstorbenen, britischen Cartoonisten beiträgt.

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