Castor-Transporte von Jülich nach Ahaus: "Gorleben II" in NRW?

NRW: Vom
NRW: Vom "Kohlenpott" zur Atom-Autobahn? - Public Domain Pictures
Über 150 Castor-Behälter aus dem Forschungszentrum Jülich sollen nach Ahaus gebracht werden - durch Rhein-Ruhr. Es droht ein Widerstand wie im Wendland.

Der Aufsichtsrat des nuklearen Forschungszentrums in Jülich (Nordrhein-Westfalen) hat am 30. November 2011 beschlossen, die noch in Jülich befindlichen Brennelemente aus der Ära des Versuchsreaktors ins Zwischenlager Ahaus zu schaffen – mit den Stimmen des Bundes und gegen das Veto der Landesregierung. Damit wird der Ballungsraum Rhein-Ruhr zum Schauplatz von Castor-Transporten werden – mit allen möglichen Konsequenzen.

Hintergrund: Der Versuchsreaktor in Jülich

Vom 1967 bis 1988 betrieb der Bund im Forschungszentrum Jülich einen Versuchsreaktor, in dem Betriebsabläufe diverser Reaktormodelle durchgespielt wurden, vor allem die „Hochtemperatur-Technologie“. Geblieben sind aus dieser Zeit fast 300 000 Kugeln aus Graphit – nicht größer als ein Tennisball, aber hochgradig kontaminiert mit Uran, Thorium und Plutonium. Jeder Tennisball kann quasi eine Stadt verseuchen.

Diese brisante Fracht darf bis zum 30.Juli 2013 in Jülich gelagert werden, denn bis zu jenem Tag ist die behördliche Genehmigung datiert. Um diese Genehmigung zu verlängern, müsste Lager Jülich mit großem Aufwand den aktuellen Bestimmungen angepasst, also von Grund auf modernisiert werden. Nun ist aber in NRW bereits vor der Jahrtausendwende (unter ebenfalls heftigen Protesten) ein Zwischenlager in Ahaus (Münsterland) errichtet worden.

Transport-Verfügung: Bund überstimmt Land

Im Aufsichtsrat der Kernforschungsanstalt besitzt der Bund die Stimmenmehrheit, da sich diese Anlage zu 90% im Besitz der Bundesrepublik Deutschland befindet. Das Land Nordrhein-Westfalen ist in diesem Gremium mit einer Minderheit vertreten. Daher konnten die Vertreter des Bundes den Antrag der NRW-Landesregierung in Düsseldorf, die hochbrisante Fracht bis zur Festlegung eines Endlagers in Jülich zu belassen und das bestehende Lager bis dahin zu modernisieren, zu den Akten legen.

Dass Bund und Land hier (noch) keine Einigung finden konnten, ist vermutlich der Parteipolitik geschuldet. Bekanntlich regiert im Düsseldorfer Landtag eine Koalition aus SPD und Grünen, die der Atomenergie längst eine Absage erteilt haben. Die Bundesrepublik dagegen untersteht einer Koalition aus CDU und FDP, die erst nach dem GAU von Fukushima der Kernkraft abgeschworen hat und nun nach Lösungen für deren abruptes Ende suchen muss. Bundesumweltminister Norbert Röttgen, zugleich CDU-Parteichef in NRW, sieht jedenfalls das Land in der Pflicht, für eine reibungslose Durchführung des Transports zu sorgen - und die Kosten zu tragen.

Castor-Transport durch Rhein-Ruhr?

Nun beschwört die Landesregierung den Bund, dies noch einmal zu überdenken. Den Politikern in Düsseldorf graust es vor den möglichen Folgen eines Atomtransport quer durch NRW. Allein schon der finanzielle Aufwand, etwa für den Polizei-Einsatz, wären für das Land nahezu unerschwinglich. Doch die wahre Gefahr liegt in der Reiseroute: Die kürzeste Strecke zwischen Jülich und Ahaus verläuft über 180 Kilometer Autobahn – und zwar komplett durch den Ballungsraum Rheinschiene: Köln, Düsseldorf, Duisburg, Oberhausen.

Nun sind die Autobahnen an Rhein und Ruhr stark frequentiert und daher entsprechend Stau- und unfallträchtig - keine ideale Strecke für Gefahrentransporte. Jedoch die Autobahn für die Transporte zu sperren, hätte einen unmittelbaren Verkehrskollaps und allein deshalb schon einen drohenden Volkszorn zur Folge. Für einen Castor-Transport abseits der Autobahn, also durch die Wohn- und Industriegebiete der Großstädte, gilt dies ohnehin. „Die Menschen entlang der Strecke werden dies nicht akzeptieren“, heißt es in der Erklärung der zuständigen Regierungsmitglieder Svenja Schulze (SPD, Forschung), Johannes Remmel (Grüne, Umwelt) und Harry Voigtsberger (SPD, Wirtschaft).

Kernkraft-Gegner machen Mobil: Droht ein „Zweites Gorleben“ in NRW?

Die Atomkraftgegner quer durch Deutschland haben bereits Widerstand angekündigt. In der ganzen BRD werde es zu Protesten kommen, prophezeit die „Initiative Atomausstieg“ in Münster. Das Verhalten von Herrn Röttgen sei inakzeptabel, die Verantwortlichen schielten bloß aufs Geld: Die Modernisierung des Lagers in Jülich sei ihnen mit über 200 Millionen Euro einfach nur zu teuer.

Deshalb steht auch die nicht ganz unberechtigte Sorge im Raum, dass sich in Rhein-Ruhr auf Jahre hinaus (es geht immerhin um 150 Behälter – die Spezialtransporter werden also mehrmals fahren müssen) eine zweite „Schlacht um Gorleben“ etablieren könnte, wie sie seit Jahren immer wieder im Wendland ausgetragen wird. Nun liegt jener Landstrich bei Lüchow-Dannenberg ländlich und weitab großer Städte – was man vom Ruhrgebiet und den Rhein-Städten nicht behaupten kann. Eine friedliche Massenprotestbewegung der Bevölkerung („Stuttgart 21“ ist ein Beispiel hierfür) ließe sich hier ebenso wenig kontrollieren wie der befürchtete Auftritt gewaltbereiter Chaoten.

Bis der erste Transport tatsächlich anrollt, wird noch viel die Wasser die Rur (den Fluss durch Jülich) hinunter fließen. Genügend Zeit für alle Beteiligten, um die anstehenden Fragen ruhig und vernünftig durchzusprechen. Dies ist sogar dringend nötig: Castor-Transporte lassen sich nicht im Hau-Ruck-Verfahren durchführen – ganz gleich wodurch oder wohin.

Internet: Rheinische Post vom 1. 12. 2011; WDR.de vom 30. 11. 2011

Zeitung: „Ruhr-Nachrichten“ vom 1. 12. 2011

Foto: © Public domain Pictures

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

rss