
- CD-Cover zu Born To Die von Lana Del Rey - Universal Music
Lana Del Rey zählt zu den musikalischen Neuentdeckungen 2011. Seit sie im Spätsommer mit ihrem YouTube-Video zu ihrer Single "Video Games" entdeckt wurde, riss sich die Presse förmlich um das neue Retro-Fräulein. Musikjournalisten feierten die hübsche Sängerin mit den gespitzten Lippen, den Klamotten im 50s-Style und ihren eigenwilligen Sound. "Songwriting in Technicolor" bezeichnete ihre Plattenfirma Vertigo Berlin Lana Del Reys Musikstil. Und die selbsternannte "Gangsta Nancy Sinatra" brachte es auf den Punkt: "Ich habe einen Sound gefunden, der mich begeistert und zugleich intrigiert hat. Wenn ich eine Chance bekommen sollte, genauso meine Hollywood-Glam-Balladen zu singen wie die Upbeat-Gangsta-Versionen dieser Songs, dann wäre das großartig. Hauptsache nicht so singen zu müssen, wie es so viele andere tun."
"Born To Die": Zwölf Songs in Technicolor
Damit gab die 25-Jährige bereits vor, was die Zuhörer auf ihrem Debütalbum "Born To Die" erwartet. Ungeduldig fieberten sie dem Release am 27. Januar 2012 entgegen, um sich zu vergewissern, dass Lana Del Rey keine Eintagsfliege ist und weit mehr zu bieten hat als "Video Games".
Jetzt liegt "Born To Die" vor: Zwölf Songs im Sound der Lana Del Rey mit knapp 50 Minuten Gesamtspielzeit. Es ist ein solides Pop-Album geworden, die große Überraschung bleibt allerdings aus.
Los geht es mit weitestgehend aus dem Internet bekannten Songs. Der Titeltrack "Born To Die" legt die Latte mächtig hoch. Opulent inszeniert mit Orchester und einem Gitarrensound wie in einem Agententhema verbreitet die Sängerin echten Hollywood-Glamour. Lasziv singt sie über die Vergänglichkeit des Lebens und der Sehnsucht in den Armen des Geliebten zu sterben. Mit aufgewecktem Sprechgesang überzeugt sie im zweiten Lied. "Off To The Races" klingt als würden die Andrew Sisters sich mit Massive Attack zusammentun und in einem Hip-Hop-Club eine Story á la Bonnie & Clyde erzählen.
"Blue Jeans" weckt hingegen Erinnerungen an den James Dean-Klassiker "Rebel Without A Cause", bevor mit "Video Games" der Zuhörer in einen melancholischen Sog gezogen wird, der den bittersüßen Moment im Hier und Jetzt begleitet.
"National Anthem" erscheint wie Lana Del Reys Version von The Verves "Bittersweet Symphony" und hat das Zeug zur Hymne des nächsten Unabhängigkeitstags zu werden. Wieder einmal stilisiert sich die Sängerin als Pin-up Girl, das einem American Dream nachtrauert, der schon lange tot ist. Passend dazu der leicht nasale und laszive Gesang, der tatsächlich ein wenig nach Nancy Sinatra klingt.
"Born To Die": Die Flaute nach dem fulminanten Start
Doch schon in Track Nummer Sieben, "Dark Paradies" wird klar: das Pulver ist verschossen. "Radio" und "Summertime Sadness" sind solide Popnummern, die sich vom Sound nicht wesentlich von den Vorgängern unterscheiden, allerdings fehlt es ihnen an dem gewissen Etwas, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt. "Carmen" kommt sogar als eine billige Version von The Polices "Roxanne" daher. Die Sängerin spielt mit Klischees und vermischt Soundelemente miteinander. Lana Del Rey variiert ihren Gesang, wechselt zwischen sexy lasziv zu frechem Sprechgesang. Da verzeiht man ihr, wenn in den höheren Tonlagen die Stimme etwas kippt.
Das Produzententeam Guy Chambers und Eg White polieren die Songs so glatt, dass es zum Gesamtbild des Albums passt. Vielleicht zu glatt, denn es verleiht "Born To Die" den Eindruck, es allen recht machen zu wollen und damit auch den Geschmack des Mainstreams zu bedienen. "Hey Hey"-Hip-Hop-Chöre, wie man sie aus der Teenie-Disco kennt, stören eher, als dass sie den Songs den letzten Schliff geben.
Ebenfalls fällt auf, dass die Songtexte sich schnell wiederholen. Alle Lieder drehen sich um die endlose Liebe, Bad Boys, nicht enden wollende Küsse und die Schnelllebigkeit des Moments. Dazu Referenzen an Hollywood und Geschichten, in denen die Sängerin sich als frivole Männerfantasie oder als Lolita präsentiert.
Lana Del Rey: Entwicklung einer Kunstfigur
Lana Del Rey stilisiert sich als Kunstfigur, die ganz anders ist als Elizabeth Grant, wie die Sängerin bürgerlich heißt. Doch lyrisch und musikalisch betrachtet schafft sie es nicht, ihre Figur zu entwickeln und ihr Persönlichkeit zu verleihen. Zu stark verharrt sie auf der Stelle, legt sich Lippenstift auf und schlüpft in das rote Kleid, mahnt den ständig präsenten Tod und sehnt sich nach leidenschaftlichen Küssen. Das langweilt schnell und besonders die Songs der zweiten Hälfte kommt blutleer daher. Sie hinterlassen keinen bleibenden Eindruck und bleiben weit hinter "Blue Jeans" und dem Titeltrack zurück.
Fazit
Lana Del Reys Platte "Born To Die" legt einen fulminanten Start hin. Jedoch erhält diese Begeisterung schon bald einen faden Beigeschmack. Insgesamt wird den Zuhörern solider Pop geboten, der immer noch besser ist, als die meisten Neuerscheinungen im Mainstreambereich. Doch die großen Überraschungen bleiben aus.
"Born To Die" zeigt aber auch eine Künstlerin, deren Potential nach oben offen ist – wenn man Lana Del Rey denn so auch Lana Del Rey sein lässt.
Weblinks
Offizielle Webseite von Lana Del Rey
MySpace Seite von Lana Del Rey
