CeBIT 2012 - die Zukunft des digitalen Lebens

Trend-Talk - G. Bachleitner
Trend-Talk - G. Bachleitner
Die weltgrößte Computermesse CeBIT, vom 6.-10. März in Hannover, versammelt Themen, Probleme und Lösungen der Informations- und Kommunikationstechnik.

Vom 6. bis 10. März zeigt die CeBIT in Hannover Neuheiten der ITK-Branche, gibt also einen Überblick über die Trends der Informationstechnik und der Telekommunikation.

Die Schlagworte der CeBIT

Frank Pörschmann, der Leiter der CeBIT bei der Deutschen Messe AG, nannte auf der CeBIT-Preview, die am 17. und 18.1. in München stattfand, vier solche Trends: Big Data, Cloud Computing, Mobilität und Soziales Web. "Big Data" hätte man in früheren, nicht so anglizismentriefenden Zeiten etwa Massendatenverarbeitung genannt, und wer den darin enthaltenen strategischen Zweck näher anschaut, erkennt darin im Wesentlichen die Fortsetzung des Data Mining, also der Aufbereitung großer Datenmengen für immer genauere Analyse - von Kundendaten. Eine Quelle dieser Datenflut, die natürlich nicht naturhaft über uns hereinbricht, sondern bewußt erzeugt wird, ist das sog. Soziale Web. Letzteres gilt nicht länger als Sphäre (auch nur vermeintlicher) Privatheit, sondern rückt jetzt dezidiert ins Fadenkreuz der Wirtschaft. Der neue Schlachtruf lautet Social Business. Nun wurden Geschäfte ja immer schon mit Menschen getätigt, waren also immer schon eine soziale Veranstaltung, aber jetzt will man die dabei nötige Kommunikation digital organisieren. Die Vision dafür bezeichnen die Schlagworte Listen, Share, Care. So lautet beispielsweise eine Podiumsdiskussion in einer der Global Conferences. Der Zuhörer wird also erfahren, wie Unternehmen Kundenwünsche ermitteln und abfragen und angeblich umsetzen wollen - und er wird sie mit seiner täglichen Erfahrung vergleichen, daß die simpelsten Regeln eines lauteren Geschäftsgebarens in der IT- und Internet-Ökonomie mit Füßen getreten werden.

Kann man erfolgreiche Innovationen züchten?

Ähnlich wird es ihm bei den Innovationswettbewerben gehen, die auf der CeBIT abgehalten und ausgestellt werden. Der Bitkom zeigt die Gewinner des Urban Solution Pitch, will heißen: Konzepte für digitale Infrastrukturen in Städten. Diese reichen von einer optimierten Kindertagesstättensuche über eine Smartphone-basierte Mitfahrzentrale bis zu einer intelligenten Verkehrs-(Ampel-)Steuerung. Man möchte solche Funktionen ja für selbstverständlich halten und erwarten, daß die zuständigen Institutionen - oder Infrastrukturinhaber - sie ohnehin entwickelt haben müßten, doch ist dem offensichtlich nicht so. Wie man sich bei Kitas und Verkehrslenkung klarmachen kann, sind technisch gute Lösungen keineswegs auch immer politisch erwünscht. Die Leitlinien Effizienz und Transparenz werden ja nicht einmal innerhalb der IT hinreichend umgesetzt, geschweige daß sie im öffentlichen Raum den Maßstab bildeten. So wird der aufmerksame Besucher dieser Schau auch immer das Versagen jener Strukturen im Hinterkopf haben, über das sich diese prämiierten Konzepte hinweggesetzt haben.

Ebenfalls das mobile digitale Leben will die Initiative Code_n 12 formen: "shaping mobile life". Initiiert vom IT-Dienstleister GFT aus Stuttgart soll der Wettbewerb Ideen für "radikal neues Denken" hervorrufen und versammelt fünfzig Finalisten in einem künstlerisch eindrucksvollen Rahmen. "Statt der üblichen Messestände schaffen der Künstler Tobias Rehberger und der Architekt Jürgen Mayer H. eine spektakuläre Landschaft für Interaktion und Inspiration." Im Hintergrund dieser Initiative steht offenbar auch der Schreck darüber, welche IT-Entwicklungen in wie kurzer Zeit weltumspannend erfolgreich geworden sind - die nur den Schönheitsfehler haben, alle aus den USA zu kommen. Amazon, Google, Apple, Facebook sind mächtige, kulturell bestimmende Unternehmen geworden - und Europa hat ihnen nichts entgegen zu setzen. Der Wettbewerb wird sicherlich einige hübsche Ideen zum Vorschein bringen, das europäische Defizit, das verschiedene Facetten hat, aber nicht beheben.

Wachstum für die IT - und ihre Bedrohungen

Ansonsten ist die deutsche ITK-Branche in recht guter Verfassung. Der Bitkom erwartet 2 % Wachstum. Die TK wächst allerdings sehr schwach, und bei der Unterhaltungselektronik ist man schon froh, wenn sie langsamer schrumpft. Allerdings sieht man auch in der klassischen IT Wachstumsbremsen und hat sie zum Leitthema der CeBIT gemacht: Managing Trust - Vertrauen und Sicherheit in der digitalen Welt. Das von den Ausrüstern so gewünschte Cloud Computing, d.h. die Verlagerung von Rechen- und Speicherfunktionen ins Netz, wird von den potenziellen Nutzern immer noch skeptisch bewertet - zu recht, wie immer wieder Datenskandale und Schädlinge drastisch deutlich machen. Die CeBIT bietet ein eigenes Symposium zum Thema noch vor Messebeginn an.

Einen Vorgeschmack gaben die Vorträge auf der CeBIT-Preview und der Trend-Talk, den die Computerzeitschrift Chip veranstaltete: "Von Hackern lernen: Wie sicher sind unsere Daten?" Raimund Genes von Trendmicro erinnerte mit dem ihm eigenen belebenden Sarkasmus daran, daß der nebulöse Begriff Clou 2006 vom Google-Chef Eric Schmidt geprägt wurde, damals aber zunächst die Bot-Netze meinte, in denen Phischer und andere Ganoven ihre digitalen Anschläge ausübten. Man ist dieses Problems bis heute nicht Herr geworden, doch schon ist die nächste Bedrohung akut. Genes hielt mittlerweile betrügerische Apps auf den Smartphones für schädlicher als echte, man ist versucht zu sagen: natürliche Schädlinge. Er erwartet bis Ende 2012 etwa 130.000 Schadprogramme auf der Android-Plattform. Die schöne neue Welt der mobilen Datenkommunikation hat also eine häßliche Kehrseite, und die Telefonanbieter sind mit ihrer Neigung zu intransparenten Kommunikationsabläufen und -infrastrukturen nicht unschuldig. Die Devise Alles ins Netz wird so wörtlich genommen, wie es sich der naive Nutzer nicht vorgestellt hat. Vom Apple iOS 5 wurde bekannt, daß es von gemachten Fotos automatisch eine Kopie ins Netz lädt, natürlich auf einen Server in den USA. Der Datenschutz wird aber auch schon innerhalb Europas ausgehebelt, etwa durch Vorgaben der EU gegenüber besseren deutschen Datenschutzgesetzen.

Eine längere Anpassung in sicherheitstechnischer Hinsicht wird ein Trend erfordern, der den Anglizismus Bring Your own device verpaßt bekommen hat. Die Integration privater Kommunikationsgeräte in die Firmen-IT sei unaufhaltsam, und ist offenkundig auch Folge der Tendenz, den Beruf ins Privatleben hineinzutragen, um die Arbeitsleistung zu erhöhen. Für diese neuen Risiken muß die Branche praktikable Lösungen finden - aber wie eine kleine Umfrage im Auditorium der CeBIT-Preview gezeigt hat, ist nicht einmal die Verschlüsselung elektronischer Post zum Standard geworden. So wird es also immer Gründe geben, im März zur CeBIT nach Hannover zu fahren...

Portrait, Autor

Gerhard Bachleitner - Musikkritiken siehe: www.online-musikzeitung.de Fotografien siehe: www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/838794

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