Das Schicksal der 6. Armee unter General Paulus ist bekannt: Sie wurde in der Kesselschlacht von Stalingrad fast völlig aufgerieben. Was hingegen mit der legendären Neunten Legion Roms geschah, ist bis heute nicht restlos geklärt und lieferte wiederholt Stoff für abenteuerliche Spekulationen. Mit „Centurion“, vom englischen Regisseur Neil Marshall („The Descent“, „Doomsday“) in Szene gesetzt, widmet sich ein weiterer Film einem Erklärungsversuch über den Verbleib der Neunten Legion.
Die historisch durchaus plausible Hypothese: Roms Elitesoldaten wurden in Britannien von den aufständischen Schotten vernichtend geschlagen, was wiederum zur Errichtung des berühmten Hadrianwalls führte. Tatsächlich führt die letzte dokumentierte Spur der Neunten Legion zu einer Festung nahe der Stadt York. Abgesehen davon nimmt es „Centurion“ mit geschichtlichen Fakten nicht ganz so genau und versucht, im Fahrwasser von Ridley Scotts „Gladiator“ mitzuschwimmen. Eine gelungene oder gescheiterte Mission?
Verfolgt auf Schritt und Brit
117 nach Christus im größtenteils von Rom okkupierten Britannien. Hartnäckig leisten die Pikten, wie sie von den Römern verächtlich genannt werden, den Besatzern Widerstand. Zumal sich Rom für ein rigoroses Vorgehen entschieden hat und gnadenlos ganze Dörfer niedermetzelt. Um das schottische Hochland ein für allemal zu befrieden, wird die Neunte Legion unter dem Kommando des Titus Flavius Virilius (Dominic West) gegen die Aufständischen losgeschickt.
Was die Römer nicht ahnen: Pikten-Anführer Gorlacon (Ulrich Thomsen) konnte eine Verräterin in die Reihen des Feindes einschleusen. Die ebenso schöne wie unzähmbare und stumme Fährtenleserin Etain (Olga Kurylenko) heuchelte den Besatzern Treue vor und führt sie in die perfide angelegte Falle. Beinahe die ganze Legion wird binnen weniger Minuten ausgelöscht. Nur wenige Soldaten, unter ihnen Zenturio Quintus Dias (Michael Fassbender), entkommen dem Blutbad. Die Überlebenden schmieden einen tollkühnen Plan: Anstatt sich in eines der südlich gelegenen römischen Lager zu flüchten soll der bei der Schlacht gefangengenommene Virilius befreit werden. Leider misslingt die Befreiungsaktion und verschlimmert die Lage für die Überlebenden nur noch. Denn nun haftet sich Etain mit ihren Kampfgefährten an die Fährte der Flüchtenden und kennt nur ein Ziel: Rache für das zu nehmen, das ihr die Römer einst angetan haben …
„Centurion“ als „Gladiator“ light
Das offensichtliche Vorbild für Neil Marshalls Werk ist rasch ausgemacht. Zu sehr ähneln manche Einstellungen, Szenen, die Kostüme und selbst der Score Ridley Scotts mit fünf Oscars prämiertem Historienepos „Gladiator“. Einerseits spricht dies für Marshalls guten Geschmack, andererseits erweist sich die aufgeladene Bürde als erdrückend. Denn eingedenk des unbestreitbaren Regietalents des Engländers: Ein Ridley Scott in Bestform ist schlichtweg außer Reichweite.
Folglich muss sich „Centurion“ den Vorwurf gefallen lassen, ein fürs Fernsehen adaptierter „Gladiator“-Klon zu sein. Mit einem Budget von gerade mal 12 Millionen Dollar, was etwa einem Zehntel jener Summe entspricht, die Scott seinerzeit zur Verfügung stand, war einfach kein großer Staat zu machen. Der vermeintliche Höhepunkt des Films in Form einer Massenschlacht vermag nicht vollends zu überzeugen. Immerhin handelte es sich der Diktion des Streifens nach um die letzte Schlacht der legendären Neunten Legion. Dieser Schlacht widmet Marshall jedoch nur wenige Minuten, die mit vielen Nahaufnahmen angefüllt sind, um die geringe Anzahl der teilnehmenden Komparsen zu verbergen (ein Trick, der unter anderem in „Braveheart“ angewendet wurde). Trotz drastischer Effekte wie abgehackter Gliedmaßen und Fontänen an Blut lässt das Gemetzel jedoch völlig kalt.
Charakterlose Römer und Pikten
Ein Umstand, der an der fast komplett fehlenden Charakterisierung der Figuren liegt. Lediglich der römischen General Virilius wird rudimentär herausgearbeitet und als zwar harter, aber von seinen Soldaten geliebter Heeresanführer geschildert. Ausgerechnet dieser etwas komplexer angelegte Charakter wird viel zu früh aus der Handlung herausgenommen. An seiner Stelle statt lastet der Film auf den ansehnlich durchtrainierten Schultern von Michael Fassbender (bekannt aus „300“). Dieser vermag auch auf Grund des vorhersehbaren Drehbuchs den Film jedoch nicht zu stemmen.
Den einzigen Lichtblick bildet Ex-Bondine („Ein Quantum Trost“) Olga Kurylenko als unnahbare, schöne Kriegerin Etain. Bezeichnenderweise schnitt ihr das Script die Zunge heraus, sodass sie kein einziges Wort sprechen darf. Immerhin erweist sie sich als beachtliche Kämpferin, die in der Wahl ihrer Methoden nicht zimperlich ist und sich herzhaft zu prügeln versteht. Eine durchaus ungewöhnliche Rolle für ein ehemaliges Topmodel.
Spannungslose Enttäuschung nach „The Descent“
„Centurion“ entpuppt sich als eine der ganz großen Enttäuschungen des Filmjahres. Auch wenn das erst ab 18 Jahren freigegebene Epos keine Katastrophe der Uwe-Boll-Kategorie darstellt: Vom Regisseur des Meisterwerks „The Descent“ durfte man sich einfach mehr erwarten, denn einen an spannungsarm inszenierte Fernsehfilme gemahnenden Streifen mit überraschend blutigen Effekten. Die gewaltsam aufgepfropfte Romanze macht das Kraut auch nicht mehr fett und bietet Gelegenheit, die hübsche Engländerin Imogen Poots bewundern zu dürfen. Wenigstens etwas, das von diesem Film in Erinnerung bleibt …
Fazit: Trotz nicht einmal 100 Minuten Laufzeit langatmiges Epos mit deutlichen Drehbuchschwächen und einem wenig charismatischen Hauptdarsteller. Wer keine großen Ansprüche hegt und sich an diesen Schwächen nicht stößt, kann mit „Centurion“ nichts falsch machen und einen harmlosen Filmabend einplanen.
Originaltitel: „Centurion“
Regie: Neil Marshall
Produktionsland und -jahr: GB, 2010
Filmlänge: ca. 97 Minuten
FSK: Ab 18 Jahren
Verleih: Constantin Film Verleih
Veröffentlichung auf DVD und blu-ray: 30. September 2010
