
- Elbphilharmonie Pavillon - Doris Brandt
Die Hamburger Hafencity – das derzeit größte innerstädtische Stadtentwicklungsprojekt oder besser die größte Baustelle Europas. Unterschiedliche Bewohner-Gruppen sollen hier aufeinander treffen, um gemeinsam einen urbanen und pulsierenden Stadtteil zu prägen. Aber, sind die Bewohner wirklich so unterschiedlich und ist der Stadtteil wirklich pulsierend?
„Club! Wir sind ein Club!“, mit Entrüstung und einer nicht zu verbergenen Arroganz zieht die Servicekraft im Außenbereich eine Augenbraue hoch. Tine aus dem nahegelegenen Stadtteil Neustadt hat bis eben noch die April-Sonne an den Magellan-Terrassen genossen und ihrer Freundin telefonisch den Weg zum gemeinsamen Nachmittagstreff in der Hafen-City erklärt. Dabei ist ihr ein fataler Fehler unterlaufen: Sie hat den „ Club“ versehentlich zu einem ordinären Café degradiert. Erschrocken hält sie inne, so dass ihr Handy beinahe in den ökologisch korrekten Chai Latte vor ihr plumpst. "Wieso belauscht dieser Mensch eigentlich Telefonate?" Der Kellner, der sich hier bestimmt Service-Cosultant oder Barista nennt, dampft schlecht gelaunt ab.
Eine Minatur-Ausgabe der Kaaba - Pilgerstätte der Touristen
Der Blick schweift über die Magellan-Terrassen, ein Traum aus gewelltem Waschbeton. Über allem prangt ein schwarzer Quader, der entfernt an die Minatur-Ausgabe der Kaaba in Mekka erinnert. Nur pilgert hier gerade eine schwäbische Touristengruppe. Sie lauscht an den außen installierten Hörmuscheln, aus denen das Brahms-Requiem gepaart mit nützlichen Informationen über den Baufortschritt der Elbphilharmonie dröhnt. Bei dem schwarzen Quader handelt es sich um den Informations-Pavillon über die Elbphilharmonie. Dass die Hörmuscheln auch Aufschluss über den Anstieg der Baukosten des Konzerthauses von ursprünglich 150 Millionen Euro auf nunmehr 500 Millionen Euro geben, ist eher unwahrscheinlich.
Eine Welt in Design
Hafencity ist Design: Fahrradabstellbügel, Stühle, Tische, Spielgeräte, Basketballfelder, Schilder im ästhetischen Lila einer ästhetischen Chirurgie-Praxis, sogar „durchdesignte“ Bushaltestellenhäuschen mit einem elegant-geschwungenem Wellendach. Die Architektur des 21. Jahrhunderts duldet keine Lücken: Wohn-Quader aus Glas, Stahl, Beton mit eckigen, abgerundeten oder gar keinem Balkon reihen sich aneinander. Harald Schmidt nannte diese Art von Bauweise einmal „Fickzellen mit Fernwärme“. Das einzig Grüne im Quartier sind nicht etwa Bäume sondern die Wahlplakate von Farid Müller, dem grünen Bürgerschaftsabgeordneten für den Bereich Hamburg Mitte. Grüne Politik war bei der Planung der Hafencity jedoch weniger im Spiel. Fahrradwege sind in den schmalen Hauptverkehrsstraßen mit den hohen Kantsteinen gar nicht vorhanden. Die Urbanität ist nicht von der Hand zu weisen. Aber was ist mit dem pulsierenden Leben und der Multi-Kulti-Gesellschaft? Mittlerweile spät am Nachmittag strömt die hier arbeitende und nicht wohnende Gesellschaft über die Brücke in Richtung Hamburger Innenstadt, um wahrscheinlich die U-Bahn nach Hause zu nehmen.
Hafencity lebt von Sushi und Tee
Was bleibt, sind an diesem kühlen Spätnachmittag leere Straßen und eine etwas einseitige Infrastruktur. Der Hafencity-Bewohner ist bescheiden und braucht scheinbar nur Tee und Sushi zum Leben. Die Haupt-Einkaufsmeile des neuen Stadtteils wartet mit einem Bäcker, einem Kiosk (der hier nicht einfach Kiosk, sondern Harbour-Tobacco heißt), zwei Thai-Restaurants und einem exklusiven Tee-Laden auf. Ein Supermarkt ist Fehlanzeige. Zum Glück ist der Unilever-Konzern gerade in die Hafencity gezogen und betreibt einen kleinen Merchandising-Markt mit hauseigenen Produkten: Langnese Eis und Tütensuppen. Die Bewohner bewegen sich zumeist in schwarzen Neuwagen fort und verschwinden dezent in den Tiefgaragen, die wahrscheinlich stärker bewacht sind als die ein paar Hundert Meter entfernte Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank.
Anwohner, die sich vereinzelt zu Fuß durch das neue Quartier bewegen, bilden ebenfalls eine Einheit. Ein sehr homogenes Outfit präsentiert sich: Barbour-Jacken, Khaki-Hosen und Segelschuhe, was wahrscheinlich an dem einzigen Bekleidungs-Laden am Platz liegt, ein Ausstatter für Segelmoden. Eine lebendige, bunt gemischte Hafencity-Bevölkerung sieht anders aus.
Die Aussage der Stadt Hamburg, dass im neuen Quartier "unterschiedlichste Nutzer und Nutzungen aufaneinder treffen", ist für viele mißverständlich. Schon jetzt kristallisiert sich heraus, dass mit unterschiedlichen Nutzern, keine unterschiedlichen Bevölkerungsschichten gemeint sind. Sozialer Wohnungsbau sieht anders aus, obwohl immer wieder betont wird, dass die Hafen-City kein Reichen-Ghetto werden soll. Die Mieten und Kaufangebote, der sich hier tummelnen Immobilien-Makler-Büros sprechen jedoch für sich. Auch die hier sehr wohl ansässigen Wohnprojekte der Hamburger Baugenossenschaften, in anderen Stadtteilen bekannt für moderate Mieten, passen sich dem hohen Mietniveau an.
Kiosk mit Filterkaffee
„Betreibst Du ein Café oder einen Club?“ fragt Tine dem Steh-Café-Betreiber Jorge am nächsten Morgen in der Hamburger Neustadt, von der Hafencity nur durch eine Brücke getrennt. „Solange Du Deinen Kaffee zahlst, kannst Du meinen Kiosk nennen, wie Du willst!“ Ein natürlich gewachsener Stadtteil kann auch von Vorteil sein.
