Chan Koonchung – Die fetten Jahre

Chan Koonchung - Die fetten Jahre Buchcover - Eichborn Verlag
Chan Koonchung - Die fetten Jahre Buchcover - Eichborn Verlag
2013 ist China die Weltmacht Nummer 1, seine Bewohner sind glückselig. Aber wie kam es dazu? Der Held kommt einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur.

„Wofür würdest du dich entscheiden: für die gute Hölle oder das falsche Paradies?“

Die Angst vor der großen Weltwirtschaftskrise geht um und zwei Nationen werden immer wieder als Verlierer und Sieger genannt: China und die USA. Wenn es nach den Romanschreibern geht, hat China schon gewonnen. Schon Gary Shteyngart beschreibt in "Super Sad True Love Story“ die USA als Verlierer, aus chinesischer Gewinnersicht beschreibt Chan Koonchung in „Die fetten Jahre“ eine Huxleysche „schöne neue Welt“.

Die fetten Jahre: Dystopische Satire

„Die fetten Jahre“ ist natürlich in der VR China verboten. Die dystopische Satire geht mit dem gegenwärtigen China hart ins Gericht. In Taiwan und Hongkong hat sich „Die fetten Jahre“ seit seinem Erscheinen 2009 mit 17.000 Exemplaren (2010, Quelle: 5.6.2010 http://www.forbes.com) gut verkauft. In China kursieren Kopien im Internet und als Schwarzdrucke. Bis jetzt ist der Autor von Repressalien verschont geblieben. Er führt das darauf zurück, dass er als gebürtiger Hongkonger mehr „Narrenfreiheit“ genießt als gebürtige Chinesen.

Die fetten Jahre: Chinas Aufstieg zur Weltmacht Nummer 1

„Die fetten Jahre“ spielt 2013. Nach der großen weltweiten Wirtschaftskrise 2011 ist einzig China wie Phönix aus der Asche gestiegen und zur neuen Wirtschaftsmacht geworden. Durch staatlich verordneten Konsum prosperiert die Wirtschaft. Man wohnt in Happy Village Siedlungen, surft im Internet, kauft Mode von Y3, der Fusion aus Yamamoto und Adidas, und trinkt einen Longjingtee-Latte mit Lychee-Geschmack im Want-Want, dem aufgekauften Starbucks. Zwar herrscht immer noch einzig die Kommunistische Partei, aber China hat immerhin „Eine Neunzig-Prozent-Freiheit“

Die fetten Jahre: Der verlorene Monat – Wahn oder Wahrheit?

Lao Chen geht es wie vielen seiner Landsleute, er vergießt manchmal Freudentränen vor Glück, in so einem harmonischen und glücklichen China zu leben. Leider geht ihm darüber auch der Antrieb flöten, schriftstellerisch kreativ zu sein. Erst die Begegnung mit zwei alten Bekannten, seiner Jugendliebe Xiaoxi und dem Sonderling Fang Kaodi, reißt ihn aus seiner Glückslethargie. Beide behaupten, dass zwischen der Weltwirtschaftskrise und Chinas Goldenem Zeitalter ein Monat fehlt, an dessen Ereignisse sich niemand mehr erinnern kann. Lao Chen hält das für eine paranoide Verschwörungstheorie, aber aus Liebe beginnt er nachzuforschen und muss erkennen, dass tatsächlich ein Monat aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen wurde. Zusammen mit Xiaoxi und Fang Kaodi entführt Lao Chen den Parteifunktionär He Dongsheng und sie erfahren von ihm endlich die haarsträubende Wahrheit über den Ursprung des Goldenen Zeitalters des Friedens und des Wohlstandes.

Die fetten Jahre: Moralische Standpauke für die modernen Chinesen

Chan Koonchung hält seinen Landsleuten eine moralische Standpauke. „Solange niemand die Kerninteressen der Kommunistischen Partei antastete und am grundlegenden Einparteiensystem wackelte, fürchtete sie sich nicht vor etwas Flexibilität und demonstrativer Milde.“ Konsum und privates Glück ist den Chinesen heute wichtiger als Geschichtsbewusstsein und politische Auseinandersetzung. „Respekt vor der Geschichte, vor Tatsachen und vor der Wahrheit…die meisten Menschen scherten sich nicht darum, kaum jemand würde für diese Werte eintreten: der Preis war auch viel zu hoch.“ Die chinesische Gesellschaft ist von einem kollektiven Gedächtnisverlust betroffen. Der verlorene Monat steht für das Jahr 1989, in dem die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wurde. „Belustigt sagen daher viele, in China sei nach 1988 gleich 1990 gekommen.“ Mit beißendem Spott überzieht Chan Koonchung unkritische Ausländer, die sich zu Chinaverstehern aufspielen: „Wann immer jemand an uns etwas auszusetzen hat, sind sie zur Stelle, nehmen uns in Schutz und rufen: Wenn ihr einmal eine Weile in China gelebt hättet, wüsstet ihr, wie glücklich die Menschen dort sind!“

Auch über die kommunistische Partei urteilt der Autor harsch. Die Parteiführer sind skrupellose Karrieristen ohne Moral oder politisches Ethos, denen es einzig um Macht geht. Doppel S nennt sich die sinofaschistische Organisation, in der sich Xiaoxis ehrgeiziger Sohn als Parteifunktionär neuer Prägung empfiehlt. Konsequent ändert er seinen Namen von Min/ Volk in Guo/Staat.

Die fetten Jahre: Formal uneinheitlich

„Die fetten Jahre“ ist ein wilder Genre- und Stilmix. Es ist ein Krimi, aber auch eine Liebesgeschichte, eine Satire, ein Science Fiction und hat stellenweise Sachbuchcharakter. Wenn sich die verschiedenen Figuren biografisch vorstellen, erinnert das an die Gesprächsprotokolle von Liao Yiwus „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. Jeder der Erzähler steht mit seinem Lebensweg für Stationen der chinesischen Geschichte und die Vielfalt seiner Gesellschaft, die sich alle an einem Punkt der Geschichte kreuzen: „Das Leben besteht wie ein Roman aus vielen Zufällen.“ Erzähler und Erzählperspektive wechseln ebenso wie Chronologie und Erzähltempo. Während sich Chen, der Literat, durch einen poetischen Stil auszeichnet, ist der beinahe 50! Seiten lange Monolog des Parteifunktionärs Dongsheng so prosaisch wie ein Parteiprogramm.

Die fetten Jahre: Interessantes Gedankenspiel

Was das Buch interessant macht, ist nicht die literarische Qualität, sondern der Bezug zur Realität. Das Szenario, das Koonchung entwirft, beruht auf real existierenden Fakten. Die Want Want Holding, die Starbucks übernimmt, die Propagandafilme, die sich Chen anguckt, gibt es ebenso wie die genannten Hauskirchen und die Drei-Selbst-Bewegung. Koonchung treibt die gegenwärtigen Entwicklungen nur auf die Spitze. Und wie so oft scheint die Wirklichkeit die Fiktion einzuholen. Die nächste Weltwirtschaftskrise steht schon mit einem Fuß in der Tür und vielleicht hat China dafür schon einen Plan des Himmlischen Friedens geschmiedet.

Chan Koonchung: Die fetten Jahre. Eichborn Verlag. August 2011, 304 Seiten,19.95 €

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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