Chancen zum Bildungsaufstieg

Nach der Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte steigt die Zahl der Studenten ohne Abitur in Nordrhein-Westfalen sprunghaft an.

Es gehört zu den fest gefügten Klischees, die Erstarrung unserer Gesellschaft zu beklagen, sie als geschlossene Gesellschaft zu karikieren, in der sich die Eliten aus ihren Kreisen immer selbst rekrutieren und Angehörige der unteren Schichten chancenlos sind. Dieses Klischee wird durch den immer gleichen Tenor vieler Talkshows gefestigt. Das treffendste Beispiel liefert ein Bildungsaußenseiter, der SPD-Gesundheitsökonom Karl Lauterbach. Er hat sein jüngstes, seit einem Jahr angekündigtes, aber immer noch nicht erschienenes Buch Auflagen treibend "Die Aufstiegslüge. Warum in Deutschland Herkunft mehr zählt als Leistung“ genannt.

Mit dem Titel diskreditiert Lauterbach nicht nur viele sozialdemokratische Spitzenpolitiker, von Ex-Kanzler Gerhard Schröder angefangen bis Klaus Wowereit, die aus der heute Prekariat genannten Unterschicht stammen. Das Klischee der geschlossenen Gesellschaft blendet die Fortschritte auf dem Weg aus, unser Bildungssystem durchlässiger und damit chancengerechter zu machen. Es gibt nun einmal Spätzünder, die erst im reiferen Alter ihre Berufung zu Höherem entdecken, die eine zunächst duale Ausbildung später an der Hochschule fortsetzen wollen. Die Entwicklung zur Wissensgesellschaft gibt dieser Höherqualifizierung Auftrieb.

Das Bildungssystem wird immer durchlässiger

Wie durchlässig unser Bildungssystem heute schon ist, zeigt die Herkunft der Studienanfänger in Nordrhein-Westfalen. Das ganz überwiegende Gros kommt auf dem klassischen Weg. Sie haben ihre Studienberechtigung über die allgemeinbildenden Schulen erworben. Aber nach dem Bericht des Amtes Information und Technik 07/2011 waren rund 7 Prozent der Studienanfänger und -anfängerinnen des Wintersemesters 2010/2011 mit einer Hochschulzugangsberechtigung eingeschrieben, die sie auf dem so genannten zweiten Bildungsweg - am Abendgymnasium oder Kolleg - erreicht haben. Hinzu kommen 4,4 Prozent Anfänger, die über den dritten Bildungsweg ihre Hochschulzugangsberechtigung als beruflich Qualifizierte ( ohne Abitur ) erworben haben. Seit die Bundesländer die KMK-Empfehlung zur Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte umgesetzt haben, ist die früher verschwindet kleine Zahl der Studenten ohne Abitur in NRW sprunghaft gestiegen - auf 3691 Studentinnen und Studenten im Wintersemester 2010/2011 und 2066 im Sommersemester 2011, was einem Anteil an allen Studienanfängern von 13,2 Prozent entspricht.

Studenten aus unteren Schichten kommen verstärkt über den dritten Weg

Die starke Steigerung ist vor allem auf die Fernuniversität Hagen zurückzuführen. Dies zeigt, wie stark der Leistungs-, Weiterbildungs- und Aufstiegswille ist, wenn die Finanzierung durch einen Beruf gesichert ist. Er muss nicht aufgegeben, allenfalls muss die Arbeitszeit etwas verkürzt werden. Hinzu kommt, dass Entfernungen bei einer Fernuniversität anders als bei einer Präsenzuniversität keine Rolle spielen. Einen Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit leistet der dritte Bildungsweg deshalb, weil über diesen Weg verstärkt Studenten aus den unteren Schichten kommen.

Nahrendorf-Foto cas 1, castagnola

Rainer Nahrendorf - Rainer Nahrendorf war mehr als 12 Jahre Mitglied der Handelsblatt-Chefredaktion. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt von "Die ...

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