
- Illusion - ©Cornerstone/Tochter
In einem Drama sind die Figuren Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Ihre Dialoge oder Monologe geben Aufschluss über ihr Leben, ihre Beziehung zueinander oder über ihre Ziele und Absichten. Sie sind Helden oder Schurken, unglücklich Liebende, Intriganten oder Förderer, Idealisten oder unbeugsame Tyrannen.
Als fiktive dramatische Figuren bewegen sie sich in einem eigenen literarischen Mikrokosmos, der manchmal der Wirklichkeit nachgestellt ist, aber nie wirklich ist.
Im Theater schlüpfen Schauspieler in eine Rolle, in eine andere Person (lateinisch persona = die Maske des Schauspielers). Sie verkleiden sich mit Hilfe eines Kostüms, einer Maske, einer Perücke und/oder Schminke und werden so zu Adeligen oder zu einfachen Leuten aus dem Volk, nehmen eine soziale Rolle ein. Auch ein verbitterter alter Mann oder eine schicksalsgebeutelte junge Frau können schon rein äußerlich durch eine entsprechende Kostümierung dargestellt werden.
Die Rolle wird jedoch erst mit dem Charakter einer Person vollständig ausgefüllt. Er bestimmt ihr Verhalten und Handeln und trägt entscheidend zu dem illusionistischen oder auch realistischen Charakter des Stückes bei.
Charaktere in der klassischen Komödie und Tragödie
Der Charakter wird sichtbar an vielen kleinen Details wie Sprache, Vorlieben, Abneigungen, Verhalten und Handeln. Typische Eigenschaften, Eigenarten, die individuelle Prägung, all das, was das Wesen einer Person ausmacht, ist charakteristisch und macht sie unverwechselbar. Charaktere in einem Drama sind jedoch höchst unterschiedlich ausgeprägt.
In Komödien war und ist es beispielsweise üblich, den Figuren typische bis stereotype Charaktere zuzuschreiben. Rollenfächer sind auf verallgemeinernde Verhaltensmuster festgelegt. Der eingebildete Kranke, die Kupplerin, der Geizige, die zänkische Alte – all das sind Beispiele für Figurentypen, deren Charaktere sich auf einige wenige Merkmale beschränken.
Auch in Tragödien sind typische oder statische Charaktere gang und gäbe. Sie haben den Vorteil, dass der Zuschauer sich mehr auf die Handlung konzentrieren kann. Die Verhaltenweisen der Figuren sind ihm vertraut. Die Zuordnung bestimmter Verhaltensmuster zu Figurentypen sorgen für einen hohen Wiedererkennungswert. Der Zuschauer weiß, was ihn erwartet und ist – zumindest was das Verhalten der handelnden Personen betrifft – vor Überraschungen gefeit. Er kann sich mit den handelnden Personen identifizieren und sich in deren „Wirklichkeit“ hineinversetzen. Er ist Zeuge einer Illusion, einer künstlerischen Darstellung, die er als real (mit)erlebt.
Charaktere im epischen und absurden Drama
In vielen modernen Dramen sind die Charaktere jedoch sehr individuell gezeichnet, mit vielen Facetten oder Widersprüchlichkeiten, die auch im realen Leben möglich sind.
Vor allem das epische Drama bricht mit der Vorstellung, dass Menschen nach standardisierten Verhaltensmustern agieren. Der Charakter einer Figur ist nicht mehr eindeutig zu bestimmen, er ist diffiziler, vielschichtiger und nicht nur festgelegt auf einige typische Merkmale. Um seinen Figuren Handlungsalternativen zu schaffen, stattete Bertolt Brecht seine Figuren nicht mit einem typisierten Charakter, sondern mit „Verhaltensweisen“ aus. So agieren oder reagieren sie oft sehr widersprüchlich, eben auch entgegen ihrem Charakter – bedingt durch die gesellschaftlichen Zustände, in denen sie leben. Auf den Zuschauer kann das verwirrend und befremdlich wirken, er kann die Figuren nicht mehr einschätzen. Ihr Verhalten ist nicht mehr berechenbar, oft schwer nachzuvollziehen. Der von Brecht zusätzlich angewandte Verfremdungseffekt lässt ihn weiter auf Distanz gehen und raubt ihm obendrein die Illusion, einem realen Geschehen beizuwohnen.
Das absurde Drama ging noch einen Schritt weiter und machte seine Figuren zu reinen Marionetten ohne erkennbare Charakterzüge. Alles Handeln wirkt – und ist – sinnlos, von einem unbestimmten Außen gelenkt. Was den Menschen ausmacht, die Gesamtheit seiner geistig-seelischen Eigenschaften, sein Charakter, wird ad absurdum geführt.
Wenn das epische Drama seine handelnden Personen sehr viel „abgründiger“ darstellt, das absurde Drama sich völlig von „vertrauten“ Verhaltensweisen abwendet, so bewegen sich beide viel mehr in der Realität, als es dem Zuschauer lieb ist, halten sie ihm doch einen Spiegel vor. Nicht mehr die Illusion von Realität hält ihn in Bann, sondern die Realität der Illusion.
