
- Charles Ives - gemeinfrei
„Ein großer Mann lebt in diesem Lande – ein Komponist. Er hat das Problem gelöst, wie man sich selbst treu bleiben und wie man lernen kann. Er reagiert auf Vernachlässigung mit Verachtung. Er braucht weder Lob noch Tadel zu akzeptieren. Sein Name ist Ives."
(Arnold Schönberg, zitiert nach Peermusic-classical)
Charles Edward Ives wurde 1874 in Danbury/Connecticut geboren und von seinem Vater, einem ehemaligen Kapellmeister im Bürgerkrieg und späteren Bandleader, früh musikalisch unterrichtet. Der Junge spielte Trommel und Orgel, letztere mit einer so großen Begabung, dass er als Vierzehnjähriger schon den ersten Posten als Organist bekam.
Von Anfang an lernte Ives die unterschiedlichsten Stilrichtungen von amerikanischer Popularmusik über Kirchenmusik bis zur europäischen Kunstmusik kennen, und hatte keine Scheu, mit allem zu experimentieren und alles zu mixen, was ihm zu Gehör kam.
Charles Ives als Versicherungsangestellter und Feierabendkomponist
Im Studium in Yale beim ehrwürdigen Horatio Parker lernte Ives die Prinzipien der europäisch-romantischen Tradition aus dem Effeff zu beherrschen, aber nur, um sie sogleich wieder zu verwerfen und über sie hinauszuwachsen.
Sein musikalischer Forscherdrang vertrug sich nicht mit einem Leben als profitabhängiger Auftragskomponist, also beschloss er nach dem Studienabschluss, als Versicherungsangestellter sein Brot zu verdienen. Neben seinem Hauptberuf bei der New Yorker Mutual Life Insurance Company komponierte Charles Ives wie ein Besessener, und da er ohnehin nie an eine Aufführung seiner Werke dachte, nahm er sich dabei alle denkbare künstlerische Freiheit.
Stilmixtur aus Ragtime, Flamenco, Atonalität und Polyrhythmik
Ives begann bereits in seiner Abschlussarbeit von 1902, einer viersätzigen Sinfonie in d-Moll, mit einer Auflösung der klassischen Formen zu experimentieren, lehnte sich jedoch thematisch noch stark an romantische Vorbilder an. Kurz nach dem Studium jedoch machte er sich auf Entdeckungsreise nach ungewöhnlichen Klängen und Strukturen, mit denen er seiner Zeit weit voraus eilte. Polytonalität, Vierteltöne und Vorstöße in eine erst in den 20er Jahren deklarierte Zwölftontechnik kennzeichneten sein Schaffen zu Beginn des Jahrhunderts.
Dabei behielt Ives immer einen engen Bezug zu den amerikanischen Traditionen bei, der seinen Werken trotz ihrer Originalität einen volkstümlichen, eingängigen Charakter verliehen. Häufig fügte er unterschiedliche Stilelemente als programmatische Szenen in einer für ihn charakteristischen Collagentechnik zusammen. Dabei verwendete Ives sowohl Melodien aus amerikanischen Kirchenliedern oder Schlagern als auch Sequenzen aus Ragtime und Flamenco.
Bekannte Werke: „The Unanswered Question“ und „Universe Symphony”
Charles Ives schrieb zwar diverse Lieder mit Klavierbegleitung, wird aber heute vor allem für seine Instrumentalkompositionen geschätzt. Eine der bekanntesten und gleichzeitig ungewöhnlichsten Werke ist „The Unanswered Question“ von 1908, ursprünglich für Trompete, Streichquartett und vier Flöten und später auch als Orchesterfassung komponiert. Der Komponist bezeichnete es als „Cosmic Landscape“, in der die Streicher eine durchgängige, choralähnliche Hintergrundmusik spielen, auf der Trompete und Flöten ihr heftiges Zwiegespräch aus Frage und Antwort führen. Während die Trompete sieben Mal die ewige Frage nach der Existenz stellt, versuchen die Flöten zu antworten, wobei sie sich angesichts der steigenden Frustration immer mehr in rhythmischen und tonalen Verwirrungen verlieren.
In der neuerdings ebenfalls gern aufgeführten „Universe Symphony“ bilden dagegen zahlreiche Percussion-Instrumente den durchgängigen Puls des Universums, auf dem eine Vielzahl von Flöten jede ihrer eigenen Stimme folgt. An dem fast einstündigen Werk arbeitete Ives mit vielen Unterbrechungen von 1911 bis 1951 mit der Folge, dass die drei Einzelsätze sehr unterschiedliche Charaktere erhalten haben.
Späte Anerkennung durch Lou Harrison und Leonard Bernstein
Nachdem die Kompositionen der ersten drei Dekaden vollkommen unbemerkt geblieben waren, erwachte in den 30er Jahren erstmals ein gewisses Interesse an Ives‘ Arbeiten. 1939 führte John Kirkpatrick erstmals die „Concord Sonate“ auf, woraufhin einige Musikerkollegen aufhorchten und die Kompositionen des inzwischen erfolgreichen Versicherungsinhabers aufführen wollten.
Lou Harrison, Aaron Copland, Henry Cowell und Nicholas Slominsky wurden auf den originellen Sonderling aufmerksam und setzten sich für die Verbreitung seines Werks ein. Der Komponist selbst allerdings nahm wenig Anteil am eigenen Erfolg, Auszeichnungen und manchmal auch Preisgelder verschmähte er. Weltweite Bekanntheit erlangte Ives schließlich 1951, als Leonard Bernstein seine Zweite Symphonie mit den New Yorker Philharmonikern spielte, während Ives dem Konzert zumindest am Radio gelauscht haben soll.
