Charlotte Roche: Schoßgebete

Charlotte Roche - Piper Verlag
Charlotte Roche - Piper Verlag
Der zweite Roman von Charlotte Roche hat viele autobiografische Züge und ist - wie erwartet - mit Sex und einer frischen, direkten Sprache gewürzt.

Von einer „Sexautorin“ erwartet man natürlich auch jede Menge davon. Charlotte Roche bietet Sex bereits im fünften Wort. Und auch auf den nächsten Seiten tummeln sich Penis, Vagina und Hoden wild auf den eingeschalteten, hochwertigen Heizdecken, die die Ich-Erzählerin (gleiches Alter wie die Autorin und ebenfalls mit Kind, älterem Ehemann und tragischem Unfalltod im Gepäck) mit ihrem Angetrauten für ein entspanntes Sexvergnügen braucht. Es wird geschleckt, gerieben und gelutscht, gespreizt, gedient, genommen, geblasen, geküsst und geschnuppert. Allerdings sind die detailgenauen Beschreibungen ebenso erotisch wie die Lektüre der Aufbauanleitung eines Billyregals von Ikea. Für den hungrigen Leser sei allerdings gesagt: Es gibt schon noch die richtige Dosis Erotik in anderen Kapiteln. Doch dazwischen gibt es auch eine Geschichte und Gedanken en masse. Die Gedanken der Ehefrau und Mutter Elisabeth Kiehl, die in exhibitionistischer Offenheit und recht schonungslos einen gekonnten Seelenstrip zeigt.

Drei Tage im Leben von Elisabeth

Tauschen möchte man nicht mit dieser Elisabeth! Ein ganz schön anstrengendes Leben hat sie – trotz Wohlstand und einem Beruf der eigentlich mehr ein Hobby ist. In den drei Tagen (Dienstag bis Donnerstag) darf sie nicht nur mit ihrem Mann vögeln, die ganze Patchwork-Familie muss gegen Fadenwürmern ankämpfen und Elisabeth hat mit ihrem Mann einen Besuch im Puff abzusolvieren. Dann sind da noch die Termine bei ihrer Therapeutin Agnetha Drescher und ein Besuch beim Notar, weil Elisabeth das Testament zum wiederholten Male an die derzeitige Lebenssituation anpassen möchte. Und nicht zuletzt sind da jede Menge Gedanken, die um Sex, Umweltbewusstsein, Muttersein, Ehemann-für-immer-halten und Trauma-Aufarbeitung gehen. Sie will es allen recht machen, die beste und perfekteste sein, sogar die beste Patientin ihrer Therapeutin. „Ich löse mich fast auf in dem Wunsch zu gefallen. Meinem Mann, meiner Therapeutin, meinem Kind, den Nachbarn, den Freunden, der Kellnerin im Café. Bis nichts mehr von mir übrig bleibt.“ Klar, dass diese Frau im realen Leben nur schwer zurecht kommt, sich ständig in Gedanken flüchten muss. Nur beim Sex sei sie entspannt, könne endlich mal abschalten und dazu ihrer Mutter und Alice Schwarzer eines auswischen. Weil ihr Sex Spaß macht und sie vaginale Orgasmen hat.

Gegenwart und Rückblenden wechseln sich ab

Ob die Entspannung dann ganz so real ist, sei dahin gestellt. Denn währenddessen überlegt sie, ob die Nachbarn sie hören könnten, denkt sie an ihre feministische Mutter und stellt fest, wie sehr sie ihrem Mann gefallen will. „... spätestens wenn ich sehe, wie sehr ihn das erregt, erregt es mich auch.“ Sie ist neurotisch, diese Elisabeth, kann entsetzlich nerven und ungerecht, kontrolliert, zwanghaft, aber auch sehr intelligent sein. Sie funktioniert als Figur, als jemand, der locker vor sich hin redet, so als ob er gleich neben dem Leser sitzen würde, einfach nur eine skurrile Freundin wäre. Man mag sie trotz und gerade wegen den Schwächen, die sie immer wieder selbst an sich ankreidet. Schließlich arbeitet sie ja noch an sich. Und dabei ist sie so ehrlich, kennt keine Scham und sagt Dinge, über die man selten in der Öffentlichkeit spricht, weil sie einen selbst eben nicht gerade im besten Licht zeigen. Wenn sie sich als Mutter die Brust klopft, weil ihr Kind kein Loch im Zahn hat und Bio-Gemüse isst, weil es nach der Schule eben nur Gemüse und keine Beilagen gibt, dann ist das herrlich bissig und direkt. Und sie scheut sich auch nicht davor, sich selber anzuklagen, dass sie zum Beispiel den Stiefsohn nicht mochte und gemein zu ihm war. Geschickt schiebt sie zahlreiche Rückblenden ein. Wie sie ihren Mann kennen gelernt hat, ihre geplatzte Hochzeit und natürlich alles rund um den Unfall ihrer Mutter mit ihren Brüdern.

Aufarbeitung des eigenen Traumas

Gerade diese Aufarbeitung wurde Charlotte Roche vor Erscheinen ihres zweiten Romans „Schoßgebete“ vorgeworfen. Ein Autor darf natürlich eigene Traumata in seinen Werken aufarbeiten – die Frage ist nur, ob diese so in den Roman passen oder ob reiner Selbstzweck dahinter steht. Charlotte Roche, die mit ihrem ersten Buch „Feuchtgebiete“ so erfolgreich war, hatte sicherlich mehr Freiheiten als eine unbekanntere Autorin. Manche Rückblende hätte sicherlich gekürzt oder gestrichen werden können, war nicht unbedingt erforderlich für die Figur und den ganzen Roman. Doch trotz gewisser Längen wirkt der Stoff gut aufgearbeitet. Kein Wunder, sagt die Autorin doch selbst darüber: „In diesem Buch steckt die Quintessenz von zehn Jahren Therapie. Drei Stunden die Woche bin ich hingelatscht. Alles was ich gelernt habe ..., steckt hier drin.“

Es gibt einige wirklich gute Szenen oder Formulierungen

Und man merkt dem Buch an, dass Charlotte Roche oft Spaß beim Schreiben hatte. Die Szene im Puff ist eine kleine erotische und literarisch starke Perle. Die Auswahl der Dame zum Beispiel, die in keinen Fall einen größeren Busen als Elisabeth haben darf, da diese unter einem Busenkomplex leidet. Große Klasse ist auch die Beschreibung der Nervosität des Ehepaares und die Begegnung mit der Nutte Lumi, mit der beide bald Sex haben werden und der sie trotzdem artig vorher die Hände schütteln. Man muss sich nicht wundern, wenn bald mehr Ehepaare frisch gewaschen, eingecremt und an allen möglichen Stellen rasiert, gemeinsam im nächsten Bordell auftauchen. Die Frau mit leichtem Tages-Make-up versehen, damit nicht so viel zerläuft wegen dem Vaginaschleim.

Der Schluss von „Schoßgebete“ überzeugt nicht

Schade ist es um den Schluss und eben die paar Längen dazwischen. Warum die Freundin Cathrin am Ende plötzlich noch so massiv auftauchen muss – so ganz erschließt sich das einfach nicht. Und eben auch der Schluss ist etwas dürftig. Das Glück der Welt durch die Erlaubnis des eigenen Mannes unter seinen Augen „fremdzugehen“. Na ja. Es steht zwar für eine neue Freiheit im Leben der Elisabeth und auch das Erkennen und die Durchsetzung eines persönlichen Wunsches, aber so ganz befriedigt ist man als Leser davon nicht. Wenn alle Probleme der ich-Erzählerin (und ihrer Autorin) so leicht gelöst sind – da können sich die Kritiker und Feinde aber freuen.

Charlotte Roche: Schoßgebete, Piper Verlag. 2011. 288 Seiten, gebunden, Euro 16,99.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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