Kaum vorstellbar, aber wahr: Die Wissenschaft weiß, dass auf dem Territorium des heutigen Chemnitz in Sachsen vor mehr als 290 Millionen Jahren ein riesiger Regenwald wuchs. Ein Regenwald samt seiner tierischen Bewohner wie Echsen und Libellen. In diese Idylle, die damals noch kein Mensch verschandeln konnte, platzte ein Naturereignis, das jegliches Leben vernichtete. Ein gewaltiger Vulkanausbruch auf dem Gebiet des heutigen Zeisigwaldes mit einer Feuersäule, die bis zu 10 Kilometer maß, ein folgender Ascheregen, der die Riesen-Schachtelhalme entlaubte und entästete und so alles unter sich begrub, veränderte das Angesicht dieser Region radikal. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und das Naturkundemuseum Chemnitz konnten jüngst mit Hilfe komplizierter Verfahren, der Isotopen-Datierung, die ziemlich die genaue Zeit dieses Natruereignisses feststellen. Es geschah vor 291 Millionen Jahren, sieht man mal von einer eventuellen Differenz von plus/minus drei Millionen Jahren ab. Durch die Vulkanasche gelangte Kieselsäure in die Pflanzen und konservierte die Zellstrukturen bis ins kleinste Detail. Dadurch versteinerten die Zeugen der Vergangenheit. Der Versteinerte Wald von Chemnitz wurde geboren.

Erstfunde bereits 1737

Die ersten Funde von verkieselten Hölzern werden auf das Jahr 1737 datiert. Damals begann die Besiedlung von Hilbersdorf, einem heutigen Stadtteil von Chemnitz und nahe am Zeisigwald gelegen. Der Edelsteininspektor David Frenzel (1691-1772) barg solche Kieselhölzer, um daraus Schmucksteine herzustellen, die heute noch im Naturkundemuseum Chemnitz zu sehen sind. Bei weiteren Schachtarbeiten in Hilbersorf Mitte des 18. Jahrhunderts fand Bauunternehmer Güldner mehrere größere Stämme. Erst jetzt begannen Untersuchungen der Fundstücke durch Johann Traugott Sterzel, dem damaligen Direktor des König-Albert-Museums. Seine Untersuchungen sind im Sterzeleanum dokumentiert. Riesige Stämme stehen heute im Kulturkaufhaus dastietz.. Den über Jahre einmal an der Stirnseite des Museums zu besichtigenden Bäumen hatte die Industriestadtluft übel mitgespielt. So machte sich diese „Einhausung“ notwendig.

In der „Neuzeit“ recht stiefmütterlich behandelt – heute neue Grabungen

Während der letzten Jahrzehnte spielte der Versteinerte Wald von Chemnitz eher eine museale als eine wissenschaftliche Rolle. Im April 2008 jedoch begannen, initiiert durch das Museum für Naturkunde Chemnitz zusammen mit vielen freiwilligen Helfern, neue Grabungen in Hilbersdorf. Auf einem Gelände, das noch nie bebaut war, gruben die „Schatzsucher“ nach Erkenntnissen über die Vergangenheit. Und sie wurden fündig. Am Ende der Grabungsaktivitäten konnten die Wissenschaftler eine durchweg positive Bilanz ziehen. Rund 450 verkieselte Pflanzenachsen und über 1200 Abdruckfossilien fanden sie. Zur Bilanz zählen auch 12 000 Fundfotos. Ein besonders wertvoller Fund: Ein Saurier. Dieser soll besonders gut erhalten sein. Kopf, Schuppen und Extremitäten seien noch vorhanden. Dieser Fund ist für weitere wissenschaftliche Untersuchungen außerordentlich wertvoll. Dazu zählen gut erhaltene Reste von Skorpionen als erste fossile Belege dieser Tiergruppe aus der Zeit des Perms weltweit.

Bei den Grabungen geht es nicht wie in der Vergangenheit lediglich um die Erweiterung der Sammlung des Naturkundemuseums; denn wie es in der Pressemitteilung heißt, seien die Magazine ohnehin voll. In der Hauptsache sollen neue Erkenntnisse über die Entwicklung von Flora und Fauna während längst vergangener Zeiten gewonnen werden. Dabei sollen diese Erkenntnisse auch immer wieder den Bürgerinnen und Bürgern von Chemnitz, aber auch den Touristen nahe gebracht werden.

Fenster in die Vergangenheit entsteht – Welterbe ausgeträumt

Nachdem in Hilbersdorf die Grabungsarbeiten längst abgeschlossen sind, geben sich die Wissenschaftler des Naturkundemuseums zusammen mit ihrem Direktor, Dr. Ronny Rösler, noch nicht zufrieden. Ihre Idee: Ein Fenster in die Vergangenheit soll entstehen. Und da verkieselte Zeugen des Perms nicht nur in Hilbersdorf zu finden sind, begannen sie jetzt mit neuen Grabungen auf dem Sonnenberg, der ebenfalls in der Nähe des Zeisigwaldes liegt. Zwar ist auch dieser Stadtteil dicht bebaut, aber nach dem Abriss eines ehemaligen Kinosaales ergab sich ein bedeutendes neues Grabungsfeld, das Dank der EU-Förderung nunmehr erschlossen wird. Die Fossilien sollen hier ausgegraben und vor Ort konserviert werden, damit diese dann in ihrer ehemaligen Umgebung zu besichtigen sind.

Allerdings gibt es einen Wehmutstropfen bei all den Erfolgen. Chemnitz hatte sich für die sächsische Bewerberliste für das UNESCO-Welterbe beworben. Jüngst kam die Ablehnung. Für den Direktor Dr. Ronny Rößler sicher eine Enttäuschung. Eine neue Bewerbung kommt für ihn nicht in Frage; schließlich wäre die nächste Chance, auf die Liste zu gelangen, erst in 25 Jahren gegeben, wie Rößler dem MDR sagte.

Berichte über weitere Sehenswürdigkeiten in Chemnitz und Sachsen

Quelle:

Museum für Naturkunde Chemnitz

Pressemitteilung Senckenberg