Literaturnobelpreisträger bringen gelegentlich die Welt ein wenig durcheinander. Günter Grass tat dies zu Lebzeiten gerade. Es geht aber auch postum. Lehrer und Eltern der Pablo-Neruda-Grundschule in Chemnitz wollen diesen Namen, der sie Jahrzehnte nicht störte, durch einen Beschluss des Chemitzer Stadtrates los werden. Mit der Eröffnung nach der Renovierung und Modernisierung des Gebäudes im kommenden Schuljahr soll die Schule auch gleich den Namen Neruda tilgen dürfen. "Grundschule Kaßberg" scheint ihnen der geeignetere Name zu sein. Pablo Neruda (1904 - 1973), erhielt 1971 den Literaturnobelpreis, er gilt als weltweit anerkannter Schriftsteller, kämpfte gegen den Faschismus und arbeitete als Diplomat für sein Land. Die Schule selbst hat sich das Leitmotiv: "Einander begegnen - einander verstehen" mit dem Vorsatz gegeben, vor allem im musischen und sprachlichen Bereich zu wirken.

Begründung des Sinneswandels

In der Begründung für die Namensänderung, die bereits 2002 und 2003 erfolglos beantragt wurde, heißt es, dass Grundschülern Pablo Neruda nicht vermittelt werden könne. Er sei in der DDR durch sein Engeagement als Schriftsteller gegen die Militärdiktatur Pinochets in Chile bekannt gemacht worden. Seine Texte richteten sich in ihrem politischen Gehalt in der Hauptsache an erwachsene Leser. Die Schulleiterin Martina Schwermer meinte gegenüber einer Tageszeitung, sie habe vergeblich nach Literatur gesucht, die sechs - bis 10jährigen nahe zu bringen wäre. Viele sehen das als eine Schutzbehauptung, schließlich gibt es auch bei Neruda, gerade in seinen Oden, viel für Kinder zu entdecken.

Kulturverein wehrt sich

Der Kulturverein Freunde der spanischen Sprache und Kultur Amistad e.V schreibt in einem offenen Brief an die Schulleiterin über sein Befremden, den Namen Neruda aus der Chemnitzer Landkarte tilgen zu wollen. Die Vorsitzende Ana Giannina Albornoz entlarvt im Schreiben zugleich das geringe Geschichtswissen einer Schulleiterin: "Gestatten Sie uns einige Worte zum Namenspatron der Schule. Im Antrag der Schulkonferenz heißt es, Neruda sei 'in der damaligen DDR bekannt gemacht' worden 'durch sein Engagement als Schriftsteller gegen die Militärdiktatur Pinochets in Chile'. Das ist doppelt falsch. Pablo Neruda war längst ein Dichter von Weltrang, als das von Pinochet geführte chilenische Militär die demokratisch gewählte Allende-Regierung stürzte." Weiter heißt es im Brief: "Ein 'Engagement als Schriftsteller gegen die Militärdiktatur Pinochets' war ihm hingegen nicht mehr möglich: Neruda starb nur zwölf Tage nach dem Putsch am 23. September 1973 an Krebs." Frau Alborniz fordert die Schulleitung auf, alles noch einmal zu überdenken und dem Stadtrat von Chemnitz empfiehlt sie, sich gegen den Beschluss der Schulkonferenz zu stellen.

Linke und Prominente kritisieren Vorhaben scharf

Zur Begründung, dass Pablo Neruda Kindern nicht nahe zu bringen ist, steht auf der Web-Seite der Fraktion DIE LINKE u.a. : "Na, da wird es geradezu Zeit, Schüler altersgemäß mit den Grundanliegen von Demokratie und dem Kampf gegen Militärdiktaturen vertraut zu machen. Sie rechtzeitig zu befähigen, sich Kunst und Literatur, die sich gegen Gewalt richtet, anzueignen, das ist ein ehrenhaftes Anliegen".

Auch Künstler der Stadt äußern ihr Befremden zur geplanten Umbenennung in einem offenen Brief an Stadträtinnen und Stadträte, den der Bürgerverein für Chemnitz e.V. auf seinen Web-Seiten veröffentlichte. Zu ihnen gehören solche mit den klangvollen Namen Clauss Dietel, einer der bekannten Formgestalter, oder Ex-Schauspieldirekter Hartwig Albiro, einer, der maßgeblich am gewaltfreien Verlauf der "Wende" 1989 in Chemnitz beteiligt war. Der Chefdramaturg der Landesbühnen Sachsen, Dr. Karl-Hans-Möller, stellt sich genau so gegen eine Umbenennung der Schule, wie der Fotograf Michael Backhaus. Der Protestbrief kann von Unterstützern im Internet unterzeichnet werden. Wie die Nachrichtenagenturen vermelden, sei die Resonanz sehr groß. Sabine Kühnrich, Künstlerin aus Chemnitz und Mitinitiatorin der Aktion, zähle schon an die 400 Unterstüzter. Dabei wachse die Zahl ständig.

In den Tageszeitungen werden ebenfalls viele Leserbriefe für den Erhalt des Schulnamens veröffentlicht. So schreibt Wolfgang S. vom Kaßberg: "Der Antrag, den Namen Neruda zu löschen und die Begründung hierfür, zeugen von einem geringen Bildungsniveau. Arme Schüler dieser Schule! Dem internationalen Ansehen der Stadt Chemnitz würde man einen Bärendienst erweisen, wenn diese Bestrebungen Erfolg hätten."

Ergebnis der Stadtratssitzung offen

Wie die Stadträte über den Antrag entscheiden, ist noch völlig offen. Hier funktioniert gegenwärtig nicht einmal der Buschfunk. Auch auf den Interentseiten der Fraktionen, außer der Linken, schweigen sich die Stadtpolitiker aus. Am 25. April fällt jedenfalls eine Entscheidung.

Ob die von der Schulkonferenz abgegebene Begründung tatsächlich der wahre Grund für den Antrag ist, bleibt indes anzuzweifeln. Vielleicht geht es auch nur schlicht darum, wieder ein Stück DDR-Geschichte unsichtbar zu machen. Oder gefällt manchem nicht so recht, dass Neruda auch Kommunist war?

Aktualisierung des Beitrages 25. April 2012

Zur Stadtratssitzung am 25. April 2012 lehnten die Stadträtinnen und Stadträte den Antrag mehrheitlich ab. Das war nicht unbedingt zu erwarten. 37 der 52 anwesenden Abgeordneten votierten gegen den Antrag. Neun waren für die Namensänderung und sechs enthielten sich der Stimme. Sicher hat zu diesem Ergebnis auch der internationale Protest beigetragen. Den offenen Brief Chemnitzer Künstler und Prominenter unterschrieben über 450 Menschen aus vielen Teilen der Welt. So aus Spanien, Chile, Großbritannien und Italien.