Chevy Stevens – Never Knowing

Chevy Stevens - Never Knowing Buchcover - Fischer Verlage
Chevy Stevens - Never Knowing Buchcover - Fischer Verlage
Der zweite, ungemein spannende Psychothriller von Chevy Stevens. Sara entdeckt, dass ihr leiblicher Vater ein Serienkiller ist, der nie gefasst wurde.

Jedes Adoptivkind hat das Bedürfnis, zu wissen, wer seine leiblichen Eltern sind. Es nagt am Selbstwertgefühl, dass man weggegeben wurde. Warum? ist die quälende Frage. Als originelle Thrillerautorin wählt Chevy Stevens einen Aspekt, der so gut wie nie thematisiert wird: Manche Kinder werden zur Adoption freigegeben, weil sie durch Gewalt gezeugt wurden. Wie geht man mit der Wahrheit um, wenn sie sich als Alptraum entpuppt?

Never Knowing: Die Wirklichkeit übertrifft die schlimmste Fantasie

Möbelrestaurateurin Sara Gallagher ist das erste Mal zufrieden mit ihrem Leben. Als Kind hat sie darunter gelitten, dass ihr Adoptivvater seine leiblichen Töchter immer vorgezogen hat. Jetzt hat sie ihre eigene kleine Familie. Sie wird ihren Freund Evan heiraten, der für ihre fünfjährige Tochter Ally zu einem Vater geworden ist. Um endlich Gewissheit zu erhalten, wer sie ist, sucht Sara nach ihren leiblichen Eltern. Das Resultat ist ein Alptraum. Saras Mutter verweigert jeden Kontakt, weil Sara das Ergebnis einer Vergewaltigung ist. Ihr Vater ist der Campsite Killer, der nie gefasst wurde und seit über 30 Jahren Frauen tötet. Als ihre Namen im Internet veröffentlicht werden, nimmt ihr leiblicher Vater Kontakt zu ihr auf. Die Polizei will Sara als Köder benutzen. Sara fürchtet um das Leben ihrer Familie. Und John, der Serienkiller, droht damit, wieder zu töten, wenn sie auf seine Forderungen nicht eingeht..

Never Knowing: Vererbt sich das Böse?

Ganz der Vater – das ist die Angst, die Sara umtreibt. Denn wie viel haben wir von unseren leiblichen Eltern in uns? Was ist stärker - Erziehung oder Gene? Eltern und Kinder vergleichen sich, um das Verbindende zu finden. Sara hat als adoptiertes Kind schmerzlich das Anderssein wahrgenommen, im Aussehen, im Charakter und im Umgang mit ihr. Als sie ihren leiblichen Vater kennenlernt, ist sie wieder zum Vergleich gezwungen. Vererbt sich das Böse? Trägt sie in sich eine Mordswut? Sind die Wutanfälle ihrer Tochter ein Erbe des Großvaters?

Never Knowing: Tempo, Spannung und Wendungen

Wie in ihrem Erstling „Still Missing“ erfährt der Leser das Geschehen in „Never Knowing“ dadurch, dass die Hauptperson es ihrer Therapeutin erzählt. Zu einen typischen Stilmittel von Stevens scheint auch das Ende nach dem vermeintlichen Ende zu werden. Das ist, wie schon im Debüt, logisch, aber nicht ganz überzeugend und ein bisschen auf Überraschungseffekt konstruiert. Dabei bietet das Buch genug unvorhersehbare Wendungen und falsche Spuren, um den Leser zu fesseln. Chevy Stevens steigt mit Tempo in die Handlung ein und die Spannung steigert sich kontinuierlich.

Never Knowing: Familienbande und Elternliebe

Chevy Stevens versteht es, interessante und glaubhafte Charaktere zu erfinden. Die psychische Verfassung der Protagonistin ist nachvollziehbar. Sie steckt in einer schrecklichen Zwickmühle. Wenn sie ihr Leben schützen will, gefährdet sie das Leben anderer Menschen. Auch Johns Bedürfnis, Kontakt mit seiner Familie zu haben, ist verständlich. Er ist ein Killer und ein Vater, er tötet andere Menschen und will seine Tochter beschützen. Die psychologische Tiefe erhält der Roman auch durch die Nebenfiguren und Nebenhandlungen. Da ist die Beziehungskrise, durch Saras psychische Verfassung verschärft. Da ist die alte Wunde, vom Adoptivvater nicht akzeptiert zu werden, der Neid auf die Schwestern, das Erschrecken, als sie Ähnlichkeiten mit John entdeckt und die Ironie, dass ein Serienkiller ihr die väterliche Aufmerksamkeit gibt, die sie sich immer gewünscht hat.

Never Knowing: Stevens zweiter meisterlicher Psychothriller

Mit “Still Missing” hatte Chevy Stevens ein aufregendes Thrillerdebüt gegeben und die Messlatte hoch gelegt. Ihr zweiter Psychothriller „Never Knowing“ beweist, dass sie keine Eintagsfliege ist. „Never Knowing“ ist mindestens so gelungen wie ihr erstes Buch. Die Autorin besitzt das Talent, bekannten Themen ungewöhnliche Aspekte abzugewinnen. Ihre Bücher sind Psychothriller im wörtlichen Sinn. Sie fesseln, ohne sich blutiger Details zu bedienen. Es sind die Ängste und Fantasien ihrer Romanfiguren, die unter die Haut gehen und einen erschauern lassen, weil man sie so gut nachvollziehen kann.

Chevy Stevens. Never Knowing. Endlose Angst. Fischer Taschenbuch. Okt. 2011. 492 S. 8,99 €

Chevy Stevens. Still Missing. Fischer Taschenbuch. Januar 2011. 416 S. 8.99 €

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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