
- Spanien ist ein beliebtes Einwanderungsland für Chinesen. Wie viele gekommen sind weiß niemand. - Louis Max Blank
Erst kamen die Deutschen, dann die Briten - nun fallen Chinesen wie Heuschreckenschwärme an der Mittelmeerküste Spaniens ein. Wo sonst allerorts der ökonomische und soziale Niedergang in Spanien sichtbar ist, sich Dörfer entvölkern, Läden schließen und Restaurants resigniert aufgeben, florieren die Billigläden – auf Chinesisch-Spanisch “Bazar”, der geschäftstüchtigen Chinesen in den Touristenhochburgen.
Der Strandort Mojácar in der andalusischen Provinz Almería, erwacht nur an zwei Monaten im Jahr zu richtigem Leben: Im Juli und August, wenn Tausende deutsche, britische und spanische Touristen die Strandbars und Diskotheken aufsuchen. Das Gesicht des einst von den Phöniziern gegründete Dorfes wandelt sich radikal. Einheimische Unternehmer können mit den Billigpreise der neuen ostasiatischen Händlerdynastie nicht mithalten. In den letzten drei Jahren schossen entlang der Strandpromenade allein 16 chinesische Kramläden aus dem Boden. Bis unter die Decke sind hier Kleidung, Sportschuhe (mit vier Streifen), diverse Haushaltsgegenstände und Sexspielzeug aus Plaste gestapelt. Die cleveren Ladenbesitzer haben sich nicht nur auf die Bedürfnisse der Spanier eingestellt, sondern bedienen auch perfekt die Geschmäcker der Touristen. Es gibt authentische andalusische Souvenirs wie glasierte Aschenbecher aus Ton oder sogar Flamencoschuhe Made in China zu kaufen.
Wirtschaftliche Rezession in ganz Spanien, aber Asienläden florieren
Für die Spanier sind die stets erfolgreich wirtschaftenden chinesischen Händler ein Mysterium. Denn, wo sonst in der ganzen Provinz reihenweise Läden schließen müssen, florieren bei den Asiaten die Geschäfte. 607.000 Menschen in der Provinz Almeria sind arbeitslos. Die Jugendarbeitslosikeit liegt nach jüngster Zählung im Dezember 2011 bei bedrückenden 49 %. Es herrscht eine allgemeine Resignation und Tristesse. "Wir stecken jetzt schon das dritte Jahr in der Krise und es sieht nicht so aus, als ob sich etwas bessert", sagt die Geschäftsführerin einer kleinen Boutique am Strand von Mojácar Rosa Maria. Obwohl Andalusien traditionell ein armes Land sei, glaubt sie, die jetzige Krise sei schlimmer als je zuvor. Daran ändern werde sich auch die mit einem Erdrutschsieg im November an die Macht zurückgekehrte Partie der Konservativen Partido Popular nichts. Fatalismus beherrscht das Denken der Andalusier: "Wir haben den Glauben an so ziemlich alles verloren", sagt die 44-jährige Ladenbesitzerin. "Weltweit haben sich Regierungen kaufen lassen und ihre Volk in Abhängigkeit gebracht. Die Chinesen kaufen nach Afrika und den USA nun auch Europa auf. Schauen Sie sich an, was mit Griechenland passiert ist. Wir sind die nächsten und die ersten Chinesen sind schon da, um die Übernahme klar zu machen."
Chinesischer Händlergeist besiegt andalusische Feierlaune
Links und rechts von ihrer Modeboutique breiten sich die chinesischen Billiggeschäfte entlang der Strandpromenade aus, die auch an Feiertage und an Wochenenden ständig geöffnet sind. Obwohl es gesetzliche Ladenschlusszeiten gibt, halten sich Asiaten oft nicht daran und nehmen lieber eine geringe Geldstrafe in Kauf als den Laden zu schließen und Kunden zu verlieren. Spanier hingegen sind das ganze Gegenteil der Geschäftstüchtigkeit. Sie sind nicht gerade Talente im Werben für das eigene Geschäft. Oft fehlen gar Ladenschilder über den Schaufenstern und meist sind die Türen verschlossen, auch wenn geöffnet ist. Zur täglichen Siesta zwischen 14 und 17 Uhr fallen die Rolläden sowieso und die Vielzahl der andalusischen Feiertage wird oft ausgedehnt und noch eine sogenannte Puente - eine Brückenwoche eingelegt, so dass die effektive Arbeitszeit sehr verkürzt ist. "Wir Andalusier feiern gerne und lieben das Leben", sagt Rosa Maria. "Die Chinesen arbeiten lieber. Aber diese beiden Mentalitäten an einem Ort können isch nicht vertragen."
Spanisch in China nach Englisch beliebteste Fremdsprache
Tatsächlich scheinen die Läden, die von Chinesen geleitet werden mitunter zwölf Stunden am Tag geöffnet. Kinder und Großeltern arbeiten hinter der Ladentheke mit. In der Provinz Almeria sind 900 offiziell gemeldete Chinesen in der Liste der Einwanderer, doch die Dunkelziffer illegal im Land lebender Chinesen liegt weit höher. Nach offiziellen Angaben des spanischen Statistikinstituts INE wurden 2007 landesweit 53.887 Chinesen als neue Einwanderer registriert. In Almeria stammen 70 Prozent der Einwohner aus der Provinz Zhèji?ng im Südosten des Landes und des Kreises und der gleichnamigen Stadt Qingtian mit 480.000 Einwohnern. In Qingtian gilt Spanien ein beliebtes Auswanderungsziel in Europa - chinesische Geschäfte führen dort mittlerweile spanischen Serrano-Schinken, Olivenöl und Wein. Spanisch ist nach Englisch eine der beliebtesten Fremdsprachen, die Chinesen lernen wollen. Umgekehrt betrugen Importe aus China in der andalusischen Provinz Almeria im Jahr 2010 36 Millionen Euro.
Lokale Behörden erteilen blind Genehmigungen
In den verlassenen, andalusischen Dörfern unternehmen lokale Behörden, Politiker und Beamte kaum etwas gegen die wachsende Kriminalität, erst recht nicht im wirtschaftlichen Bereich. Man ist froh, wenn überhaupt noch Geschäfte eröffnen. Es werden Genehmigungen erteilt, ohne zu zögern. Wenn wieder ein neuer chinesischer Händler auftaucht, der ein leerstehendes Ladenlokal mieten will, dem wird die Tür weit geöffnet. Die meisten Spanier können sich in der derzeitigen Lage kaum die Hypothekenraten fürs eigene Haus, geschweige denn für neue Geschäfte leisten.
In einstigen Baderesort Mojácar stehen derzeit zahlreiche Restaurants, Cafes und Lokale für Ramschpreise zum Verkauf. “In dieser Situation kann jeder, der noch etwas Geld übrig hat, derzeit alles aufkaufen”, sagt Rosa Maria. Und die letzten Spanier, die noch durchhalten, für die wird es immer enger. Ein Kollege, der nur ein paar Häuser weiter den Strand hinunter, ein Modegeschäft führte, habe in diesem Sommer aufgegeben als neben ihm wieder ein neuer Chinese das Lokal eines pleite gegangenen Engländers übernahm. Hinzu komme, dass ihre Ideen von den stets lernbegierigen Asiaten einfach übernommen werden. Wenn ich im Sommer meinen Ständer mit Strohhüten vor den Laden stelle, dann führen die Chinesen am nächsten Tag die gleiche Sorte Strohhut im Sortiment. "Ich begreife nicht, wie die das machen!", sagt Rosa Maria. "Ich fürchte, in der Globalisierung gehen wir Andalusier unter."
Quellen:
The Almeria Focus, December 2011.
INE
Eigene Recherche
