China-Kolumnen von Christian Y. Schmidt

Warum sich Seehofer zum Horst macht, erklärt, neben vielen anderen Dingen über China und seine Menschen, Christian Schmidt in seinen gesammelten Kolumnen.

Mit schöner Regelmäßigkeit berichtet Christian Y. Schmidt für die Tageszeitung „taz“ über seine Wahlheimat China. Der Liebe wegen zog Schmidt, der bis 1996 u.a. Redakteur des Satire-Magazins „Titanic“ war, nach Peking. Eingeflossen sind seine Erfahrungen mit dem Riesenreich bereits in das Reisebuch „Allein unter 1,3 Milliarden“ (2008) und in den China-Crashkurs „Bliefe von dlüben“ (2009). Jetzt hat der Journalist seine taz-China-Kolumnen als Buch vorgelegt. Da diese aus dem Zeitraum von Januar 2009 bis Februar 2011 stammen, aus dem Jahr des Tigers und des Ochsen, erklärt sich auch der Titel: „Im Jahr des Tigerochsen“.

Die chinesische Gesellschaft ist liberaler als man hierzulande meint

Bei all dem, was, medial unzureichend vermittelt, aus China zu uns dringt, hat Christian Y. Schmidt schon im Vorwort – das er am 3. Februar 2011, dem ersten Tag des Jahres des Hasen, verfasste – Anlass, das in Deutschland geläufige China-Bild zu korrigieren: „Die chinesische Gesellschaft ist weitaus liberaler als man gemeinhin in Deutschland meint.“ Ähnlich äußerte sich jüngst auch Landolf Scherzer, der im vergangenen Jahr in China war und im Moment an einem Buch über seine chinesischen Eindrücke und Gesprächspartner schreibt.

Der deutschen Presse attestiert der Autor, der die chinesische Wirklichkeit täglich mit der deutschen Berichterstattung, vergleichen kann, „notorisch schlecht“ über China informiert zu sein. Eine Ausnahme bildet für Schmidt allein der für die FAZ aus Peking berichtende Mark Siemon. Unwissen auch bei einfachen Dingen: Deutsche Journalisten wissen oft nicht, so Schmidt, dass im Chinesischen der Nachname vor dem Vornamen steht. Wie sich denken lässt, können in einem Land, wo Etikette viel gilt, schon damit die Probleme beginnen.

Kritisch ist Schmidts Haltung gegenüber dem bei uns bekanntesten chinesischen Künstler, der der Lieblingschinese des deutschen Feuilletons ist, heißt es doch in der Kolumne „Streiken mit Ai Weiwei“, dass sich dieser kaum mehr für Kunst interessiere und mit Blog und Twitter lieber die Regierung seines Landes nerve. Man möge das Schmidt aber nicht als Loblied auf die Mächtigen im Land auslegen. Denn er ist ein unbestechlicher Beobachter und, wo nötig, ein Kritiker der Vorgänge im Reich der Mitte, das er sich sukzessive zu eigen gemacht hat. So lernen wir von Schmidt auch, dass der Pekinger an sich heute mehr denn je ein anarchistischer Individualist und kein linientreuer Parteisoldat ist: „In China sind Regeln gewöhnlich dazu da, gebrochen zu werden, und Fußgängerampeln dienen allenfalls der Volksbelustigung.“

Die Kolumne „Seehofer macht sich zum Horst“ ist eine der besten in dieser Sammlung. Bei Gelegenheit eines Chinabesuchs führte der bayrische Ministerpräsident auf der Internetseite des Radiosenders Antenne Bayern ein Reisetagebuch. Die Prosa, die dort zu lesen ist, gehört wiederum zum Schlechtesten, was ja in diesem Genre publiziert wurde. Mehr noch: Die chinesischen Schriftzeichen, die dem Tagebuch voranstehen, lauten, obwohl das Tagebuch eines China-Reisenden gemeint ist, korrekt übersetzt „Tagebuch eines China-Asylanten“. Da Seehofer aber nach München zurückkam, muss sein Asylantrag wohl abgelehnt worden sein.

Vollplayback bei öffentlichen Auftritten verboten

2008 hat der chinesische Staatsrat übrigens ein Gesetz beschlossen, das professionellen Sängern Vollplayback bei öffentlichen Auftritten verbietet. Das wünschte man sich auch für das deutsche Fernsehen. Wer in China ist, sollte auch einen Meerbesuch einplanen. Da nur wenige Chinesen schwimmen können, kann man an den Stränden, so Schmidt, u.a. tätowierte, muskulöse Männer sehen, die, Kinderschwimmflügel an beiden Oberarmen, stundenlang im flachen Wasser stehen. Und die Geschichte, wie sich der Verfasser in China einem mehr oder minder auch Schönheitsoperation zu nennenden Eingriff unterzog, sollten Sie selbst lesen!

Christian Y. Schmidt: Im Jahr des Tigerochsen. Verbrecher Verlag, Berlin 2011. 187 S., br., 13 €.

Kai Agthe, Barbara Braun (Berlin)

Kai Agthe - Ich bin freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Meine Stärken liegen im Feuilleton. Meine Vorlieben sind die bildende Kunst ...

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