
- Chinesischer Tempelwächter - Dieter Schütz / pixelio.de
China war seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden ein hoch entwickeltes Kaiserreich, lange Zeit um einiges höher entwickelt als die europäischen Staaten. Es herrschten wiederholt stabile Dynastien, die China meist sehr konsequent führten und so zu großen Leistungen brachten. Nicht umsonst kamen viele die Welt verändernde Erfindungen wie etwa das Schießpulver oder der Kompass aus dem Reich der Mitte. Als die Europäer noch höchst ineffiziente Feudalstaaten aufbauten, herrschte in China bereits ein hoch entwickeltes Staatssystem mit ausgeprägter Bürokratie. Auch kam es in China viel früher als in Europa zu einer funktionalen Verwendung von Münzgeld mit fixem Wert, es wurden sogar schon im 11. Jahrhundert Versuche mit Papiergeld gestartet.
Chinesische Flottentätigkeiten
Im 16. Jahrhundert, der Zeit des europäischen Ausgreifens auf die Weltmeere, herrschte in China die Ming-Dynastie. Diese zeichnete sich durch starke Rückgezogenheit aus und war weit weniger an internationalen Kontakten interessiert als die Vorgängerdynastie unter den Mongolen (Yuan).
Dennoch erfolgten im 15. Jahrhundert mindestens sieben große Expeditionen unter dem Eunuchenadmiral Zheng-He. Er stieß im ersten Drittel des Jahrhunderts mit seinen Flotten über den Indischen Ozean bis nach Ostafrika vor, wurde schließlich nach einem Kaiserwechsel in Peking zurück beordert, da die Expeditionen als nicht mehr sinnvoll angesehen wurden. Nichts was Zheng-He in die Heimat mitbrachte war für den Kaiser wirklich von Interesse. Die letzte Expedition ereignete sich 1433. Die von ihm kontrollierte Flotte war jedoch von enormer Größe, umfasste mehrere Hundert Schiffe, von denen einige die größten Holzschiffe aller Zeiten darstellten, 9-mastige Kolosse, die den im Vergleich winzigen europäischen Schiffen dieser Zeit grenzenlos überlegen waren.
Nach 1433 zog sich China schließlich immer stärker von den Weltmeeren zurück. Die vorherrschende Einstellung der folgenden Kaiser war, dass der Rest der Welt China nicht ebenbürtig war und es ist daher auch nicht notwendig war, sie zu erobern oder zu erforschen. Jegliche private Seefahrertätigkeit wurde schrittweise untersagt, teils wurden Schiffe sogar zerstört. Man wollte keine Reichtümer im Handel machen, da die Landwirtschaft die einzige Quelle des Reichtums sein sollte und man wollte die Einmischung fremder Kulturen ins chinesische Alltagsleben bestmöglich verhindern.
Eine verpasste Chance
Diese Politik sollte weitreichende Folgen haben. Nach dem Eintreffen der Portugiesen im Indischen Ozean am Ende des 15. Jahrhunderts waren bereits alle chinesischen Schiffe aus dem Gebiet abgezogen worden. Damit waren keine ernstzunehmenden Gegner mehr vorhanden, da weder die Araber noch die Inder sonderlich kampftüchtige Schiffe besaßen. Das ermöglichte Portugal den relativ leichten Vorstoß bis an die Südküste Chinas. Plötzlich fand sich das Reich der Mitte doch mit einer fremden Kultur konfrontiert, ihnen folgten weitere europäische Staaten, die sich ebenfalls in China engagierten.
Durch diese Entwicklung geriet China ökonomisch, technisch und politisch immer weiter ins Hintertreffen. Die europäischen Mächte expandierten, forschten und entwickelten sich weiter, während das chinesische Reich fast stagnierte. Auch wenn es nie zu einer tatsächlichen Kolonie wurde, was aufgrund seiner Größe und Einwohnerzahl kaum möglich gewesen wäre, wurde es doch in den Wirtschaftsraum Europas eingebunden und konnte selbst kaum davon profitieren.
Nachwort
Doch nun drängt sich die unausweichliche Frage auf: was wäre wenn? Was wäre, wenn China im 14. Jahrhundert keinen Machtwechsel miterlebt hätte, der das Land isolierte; was wäre, wenn das Reich seine Herrschaft über den Indischen Ozean gefestigt hätte und die Portugiesen am Eintritt gehindert hätte; was wäre, wenn Zheng-He nicht zurückbeordert worden und weiter vorgestoßen wäre, um das Kap in den Atlantik, bis nach Europa? Die Europäer hätten einer Flottenmacht wie der chinesischen zu der Zeit nicht viel entgegensetzen können, soviel ist sicher. Die Welt wäre heute eine andere.
Quellen
- David S. Landes: The wealth and poverty of nations – why some are so rich and some so poor, New York 1999
- Peter Feldbauer, Jean-Paul Lehners: Globalgeschichte: Die Welt 1000-2000 - Die Welt im 16. Jahrhundert, Wien 2008
