
- Chinesische Kinder - jurec / pixelio.de
Im 18. Jahrhundert wurde in Deutschland die Schule verstaatlicht und die Schulpflicht eingeführt. Damit sollte dem starken Einfluss, den die Kirche auf die Schulen ausübte, Einhalt geboten werden. Staatliche Einrichtungen kümmerten sich nun darum, das Bildungsniveau anzuheben, indem sie Bildungsabschlüsse regelten, Lehrpläne vereinheitlichten und Zugangsbestimmungen festlegten. Seitdem gab es immer wieder Veränderungen, das Grundgerüst blieb aber bestehen. Im Januar 2011 wurde die deutsche Ausgabe von Amy Chuas Buch "Die Mutter des Erfolgs" veröffentlicht, was zu einer lautstarken Diskussion in Deutschland führte. Müssen deutsche Eltern ihre angeblich laxe Haltung in der Erziehung hinterfragen, wie es etwa die Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich fordert, und im Hinblick auf Chinas Erziehungsmethoden ändern? Sollte gar das gesamte deutsche Bildungssystem auf den Kopf gestellt werden? Ein Blick auf Chinas Bildungswesen und kulturelle Besonderheiten zeigt Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten.
Die Schulgeschichte Chinas
Im Kaiserreich China wurde das Bildungswesen in erster Linie durch das Beamtentum geprägt. Eine Karriere als Beamter wurde von sehr vielen Jugendlichen als höchstes Ziel ihrer Ausbildung angesehen. Als das Kaiserreich 1911 fiel, fand eine Neuorientierung statt. Demokratie, Wissenschaft und Technik erhielten einen neuen Stellenwert, vor allem stand aber stets die moralische Bildung im Vordergrund. Am 1. Oktober 1949 endete diese Phase allerdings abrupt, da Mao die Macht ergriff und Bildung ausnahmslos auf den Kommunismus ausgerichtet wurde. Während der Kulturrevolution (1966–1976) ging Mao sogar so weit, Schulen und Universitäten für einige Jahre zu schließen. 1976, nach Maos Tod, wurde die so genannte Reform- und Öffnungspolitik eingeleitet. Seitdem wird der Vermittlung von Wissen oberste Priorität eingeräumt, um China einen Anschluss an den erfolgreichen Westen zu verschaffen.
Chinas Schulsystem heute
1986 wurde in China eine neunjährige Schulpflicht eingeführt. Mit sechs oder spätestens sieben Jahren werden die Kinder in die Grundschule eingeschult, vorher gehen sie zumeist in den Kindergarten. Die Grundschulzeit umfasst sechs Jahre, im Alter von 13 bis 15 Jahren besuchen die Jugendlichen dann die Unterstufe der Mittelschule. Erste Wahlmöglichkeiten bestehen nach Beendigung der Unterstufe. Über eine Aufnahmeprüfung kann man sich für die Oberstufe qualifizieren. Hat man die Oberstufe mit dem National High School Exam, auf Mandarin Gao Kao, erfolgreich bestanden, kann man sich für ein vierjähriges Studium an einer Universität, ein zweijähriges Studium an einer Fachhochschule oder eine zwei- bis vierjährige Ausbildung an einer Berufsfachschule einschreiben. Das Fächerangebot ist für jede Jahrgangsstufe genauestens geregelt, es existieren keine Wahlmöglichkeiten. Unterrichtet wird in Mandarin, Physik, Mathematik, Biologie, Chemie, Fremdsprachen, Geologie, Geographie, Geschichte, Musik, Politikwissenschaften, Kunst und Sport.
Unterschiede liegen in der Erziehung
Ein Vergleich der Schulsysteme zeigt also, dass Deutschland und China sich nur bedingt unterscheiden. Kreativität und Wahlmöglichkeiten werden in China zwar nicht als wichtig erachtet, aber der schulische Werdegang unabhängig seiner Inhalte und Lernmethoden ist doch vergleichbar. Doch wieso belegen im aktuellen Pisa-Test Schüler aus Shanghai beim Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften den ersten Platz? Auch Jugendliche aus Singapur und Südkorea befanden sich im Ranking deutlich vor deutschen Schülern. Gründe dafür sind in der Art des Lernens, der Erziehung und Einstellung gegenüber Kindern zu finden.
Das Kind wird nicht als Individuum angesehen
In jeder Kultur finden sich unterschiedliche Ein- und traditionelle Vorstellungen gegenüber Individuum und Gemeinschaft. Das chinesische Menschenbild ist stark durch den chinesischen Philosophen Konfuzius (551–479 v. Chr.) geprägt. Der Mensch als Individuum zählt nicht, wichtig ist in erster Linie nur, dass sich der Einzelne im Staat, in öffentlichen Gemeinschaften und der Familie eingliedert. Dieses wirkt sich stark auf die Erziehung aus, Kinder müssen sehr früh lernen, sich in der Öffentlichkeit "angemessen" zu benehmen. Im Gegensatz zu Deutschland, wo Kindern bis zu einem bestimmten Alter aufgrund ihrer individuellen Entwicklung unter Umständen eine gewisse Narrenfreiheit im Verhalten zugestanden wird, sind chinesische Eltern sehr streng. Schon die Kleinsten verinnerlichen gesellschaftliche Regeln, wie Disziplin, Fleiß, Leistung und Erfolg. Auch die Art und Weise, wie Erwachsene in der Öffentlichkeit angesprochen werden sollen, wird schon von klein auf als äußerst wichtig betrachtet. Kinder sollen sich wie kleine Erwachsene benehmen, dass Eltern sich in die Kinderwelt hineindenken, wird nicht für nötig erachtet.
Schule als öffentlicher Ort
Da die Schule ebenfalls als öffentlicher Ort gesehen wird, haben die Kinder auch dort strengste Verhaltensregeln einzuhalten. Lehrer stehen während des Unterrichts zumeist auf erhöhten Plattformen, hat ein Schüler etwas zu sagen, steht er auf. Da der Lehrer als uneingeschränkte Autoritätsperson gesehen wird, werden Ansichten und das von ihm Vermittelte nicht in Frage gestellt, geschweige denn diskutiert. Gehorsam ist oberstes Gebot, alle Kinder tragen eine Schuluniform und im Normalfall stehen sie morgens in Reih und Glied, um der täglichen Ansprache ihres Direktors zu lauschen. Auch die Art der Wissensvermittlung unterscheidet sich stark von deutschen Unterrichtsmethoden. Bereits im 7. Jahrhundert wurden die kaiserlichen Beamtenprüfungen eingeführt. Nur wer strikt auswendig lernte und immer wieder das Gleiche wiederholte, hatte eine Chance zu bestehen. Kreativität und Individualität blieben dabei auf der Strecke. Nach heutiger chinesischer Ansicht ist diese Form des Lernens aber nach wie vor sinnvoll. Sie wird als Grundlage für weitergehende Fähigkeiten, wie Geduld, Konzentration und Ausdauer gesehen.
Fleiß und Disziplin bestimmen den Alltag
Die Form des Auswendig-Lernens erfordert viel Zeit, so dass Schüler in China ab der Grundschule wenig Freizeit haben. Die Erwartungen der Eltern liegen im Normalfall auch sehr hoch. Erfolg wird vorausgesetzt und fleißiges Lernen als Grundvoraussetzung dazu gesehen. Natürliche Begabungen sind unwichtig und sollen durch vermehrtes Lernen in den Hintergrund rücken. Nach der Schule werden die Kinder von einem Kurs zum anderen gefahren, wo sie sich weiterbilden sollen. Freunde, Sport, Vereine etc. spielen keine Rolle für die nachmittäglichen Aktivitäten. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist es ebenfalls absehbar, dass der Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt weiter steigt. Dies hat zur Folge, dass chinesische Eltern ihre Anforderungen an ihre Kinder immer weiter hoch schrauben. Auch in Bezug auf die Abschlussprüfungen wird ein extremer Druck auf die Kinder aufgebaut. Auf Grund der Ein-Kind-Politik und einem nach wie vor mangelhaften Sozialsystem entscheidet das Prüfungsergebnis nicht selten über die finanzielle Zukunft der Eltern und Großeltern.
Quellen:
- Amy Chua: Die Mutter des Erfolgs, München 2011
- www.chinaseite.de
- DER SPIEGEL 6/2011
- www.schueleraustausch-international.de
- www.de-cn.net
