Als junger Mann verließ ich die Heimat, als alter kehre ich nun wieder.
Mein Akzent hat sich nicht verändert, das Haar ist dünn geworden.
Die Kinder, sie sehen mich, doch sie erkennen mich nicht.
Lachend fragen sie mich, den Fremden, woher ich denn komme.
Dieses Gedicht wurde von He Zhizhang (659 – 744) verfasst. Es entstand in der Tang-Zeit (618 – 907), der Hochblüte der chinesischen Lyrik.
Was in der deutschen Übersetzung des Gedichtes nicht sichtbar wird, ist die unglaubliche Kunstfertigkeit, die komplizierte Struktur, die ein Tang-Gedicht zu einem solchen macht.
Die Gestaltungskriterien der Tang-Lyrik
Wer einmal erfahren hat, welche Fülle an Vorgaben chinesische Dichter der Tang-Zeit zu erfüllen hatten, wird diese Gedichte mit anderen Augen lesen. Prinzipiell gab es drei Arten von Gedichten: Vierzeiler, wie das oben zitierte, Achtzeiler und Vielzeiler, welche zehn oder mehr Zeilen umfassten, aber jedenfalls eine geradzahlige Anzahl an Zeilen aufweisen mussten. Das ist insofern erwähnenswert, als chinesische Gedichte, was die formale Schreibung betraf, nicht als Gedichte erkennbar waren. Sie wurden genauso geschrieben wie Prosatexte. Es gab also keinen Zeilenfall.
Hatte sich der Dichter entschieden, ob er einen Vier-, einen Acht- oder einen Vielzeiler schreiben wollte, dann hatte er die Wahl: fünf oder sieben Zeichen pro Zeile. Es durften nicht drei, nicht acht, nicht zwanzig Zeichen sein, nein: fünf oder sieben. So verlangte es das Reglement. He Zhizhang entschied sich bei dem oben zitierten Gedicht für sieben Zeichen pro Zeile.
Wie auch bei uns im Westen reimten sich Tang-Gedichte und zwar nach folgendem Schema: Die zweite und die vierte Zeile mussten sich reimen, die erste reimte sich meist mit. Die dritte Zeile hingegen durfte sich nicht reimen, um bei den Lesern Spannung zu erzeugen, die sich dann in der vierten Zeile in Wohlgefallen auflöste. Die Reimwörter in Hes Gedicht lauten: hui, shuai und lai. Die zweite und die vierte Zeile weisen also astreine Reimwörter auf. Das Wort in der ersten Zeile dürfte sich wohl – so nehmen wir an – damals ebenfalls gereimt haben. (Zur Frage, wie das Chinesisch der Tang-Zeit ausgesprochen wurde, gibt es diverse wissenschaftliche Hypothesen.)
Wie oben erwähnt, zählte jede Zeile entweder fünf oder sieben Zeichen. Diese bildeten jedoch nicht nur eine Sinneinheit, sondern zwei. Vor dem dritten Zeichen vor Zeilenende (das es – wie gesagt – nur gedanklich gab, aber nicht gekennzeichnet wurde), gab es eine Zäsur. Die zwei oder vier Zeichen vor dieser Zäsur bildeten eine Einheit und die drei Zeichen danach. Im Idealfall stellten diese Sinneinheiten Gegensatzpaare dar. In Hes Gedicht wird etwa in der ersten Zeile dem jungen Mann der alte gegenübergestellt. In den ersten vier Zeichen verlässt er die Heimat, in den folgenden drei Zeichen kehrt er zurück. Auch in der nächsten Zeile findet sich der Gegensatz zwischen dem Unveränderlichen – dem heimatlichen Akzent – und dem dünn gewordenen Haar als Symbol für die Vergänglichkeit. In der dritten Zeile wird der Heimkehrende von den Kindern wohl gesehen, aber nicht erkannt. Auch hier hat He die Zäsur genau eingehalten. Die vierte Zeile allerdings weist eine kleine Unregelmäßigkeit auf, insofern als die Zäsur hier vor dem viertletzten Zeichen angesetzt ist. Die Wörter cong he chu lai – woher ich komme – gehören eindeutig zusammen.
Die genannten Stilmittel scheinen einigermaßen durchführbar. Damit ist es jedoch noch nicht getan. Eines der wichtigsten Merkmale chinesischer Lyrik aus dieser Zeit ist die tonale Harmonie, ein Stilmittel, das sich aus der Besonderheit der chinesischen Sprache mit ihren verschiedenen Tonhöhen bei jedem Wort ergibt und daher auch nicht in eine westliche Sprache übertragbar ist.
Die vier Töne der chinesischen Hochsprache
Die einzelnen Wörter werden auf mindestens vier verschiedenen Tonmelodien ausgesprochen (in manchen Dialekten gibt es neun Töne). Das berühmte Beispiel ist das Wort ma:
Ma im ersten Ton bedeutet Mama
Ma im zweiten Ton hat die Bedeutung Hanf
Ma im dritten Ton ist das Pferd
Ma im vierten Ton kann mit schimpfen übersetzt werden
Die jeweiligen Wörter weisen nicht nur unterschiedliche Bedeutungen auf, sondern werden auch vollkommen anders geschrieben. In der Aussprache aber unterscheiden sie sich nur durch ihre Modulation.
Die ersten beiden Töne gelten im Chinesischen als ebene Töne, sogenannte Ping-Töne. Der dritte und der vierte Ton sind unebene, Ze-Töne.
Die tonale Harmonie
Jedes Gedicht, das den Vorgaben der Tang-Lyrik entsprechen sollte, musste sich an das vorgegebene Tonschema halten. Wurde das zweite Zeichen der ersten Zeile in einem Ping-Ton ausgesprochen, dann musste das vierte Zeichen ein Ze-Ton sein und das sechste Zeichen musste wieder auf einem Ping-Ton gesprochen werden. In der zweiten und dritten Zeile musste es jeweils umgekehrt sein und die Tonfolge der vierten Zeile hatte wieder jener der ersten zu entsprechen. War das zweite Zeichen, wie in He Zhizhangs Gedicht, hingegen ein unebener, also ein Ze-Ton, ergab sich das umgekehrte Muster, nämlich:
Z P Z
P Z P
P Z P
Z P Z
Mit der Auswahl des zweiten Zeichens legte der Dichter fest, auf welchem Ton das vierte und sechste Zeichen der ersten Zeile und das zweite, vierte, sechste Zeichen der übrigen drei Zeilen ausgesprochen wurde. Damit ist die Auswahl der möglichen Wörter – wie man sich denken kann – streng limitiert.
Die Lyrik der Tang-Dynastie gilt zu Recht als Teil der Weltliteratur. Mit wenigen Pinselstrichen ist es den Künstlern jener Zeit gelungen, vor den Lesern eine ganze Welt aufzuspannen, intensive Gefühle der Freude, der Trauer, der Liebe und des Verlusts in Worte zu kleiden und lebendig werden zu lassen. Das strenge formale Korsett, in das sich die Dichter selbst zwängten, tat ihrer überbordenden Kreativität keinen Abbruch, sondern schien sie zu beflügeln und zu inspirieren.
