Dieser Buchtitel – "Die Reden der Präsidenten" – klingt langweilig und ziemlich bürokratisch. Dabei ist der damit verbundene Inhalt alles andere als das – er ist sogar regelrecht explosiv. Denn mit diesem Buch seziert die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie von heute jene ihrer Präsidenten, die dieses Amt während der Nazizeit – also zwischen 1933 und 1945 – inne hatten. Diese Reden wurden bereits 1958 veröffentlicht, aber damals waren "kompromittierende Äußerungen weggelassen worden", formulierte es Professor Dr. Hans-Ulrich Steinau, selbst Präsident in den Jahren 2006 und 2007, auf einer Pressekonferenz in Berlin. Mit anderen Worten: In den ersten Jahrzehnten nach Ende des Dritten Reiches waren die entsprechenden Lebensläufe beschönigt, durch Weglassen verfälscht worden, um den betroffenen hochgradigen Wissenschaftlern und medizinischen Kapazitäten ihre Laufbahnen in der Bundesrepublik unbelastet, quasi ohne Kratzer aus der Nazi-Zeit zu ermöglichen. Und wieso kommen die entsprechenden Korrekturen erst jetzt, fast sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges?
Es gab Mitläufer und Karrieresüchtige
Professor Steinau vom Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum meint, es sei "nicht z u spät", das jetzt – endlich – zu tun, und die Autoren des neuen Buches verweisen auch auf die Tatsache, dass viele Details in z u vielen Archiven lagerten, dort vielleicht auch bewusst "vergraben" waren und es sehr viel Zeit und großen Aufwands bedurfte, Entsprechendes ans Licht zu holen. Es gab verschiedene "Typen" unter den einstigen Präsidenten, das wurde schon auf der Pressekonferenz klar, das zeigt sehr eindeutig auch das Buch, also das, was diese einstigen "Vorreiter" der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie Wort für Wort von sich gaben. Man kann nach genauem Studium dieser Reden schon unterscheiden zwischen Mitläufern, Karrieresüchtigen, Ängstlichen, Schuldigen, Aufbegehrenden.
Ein Präsident ließ "Erbkranke" zwangssterilisieren
Da ist etwa Erich Lexer (1867 – 1937), der einst in Königsberg das weltweit erste Facelifting und erstmals die Verpflanzung eines Kniegelenks durchführte. Er war 1936 Vorsitzender des Chirurgenkongresses und positionierte sich als solcher sehr eindeutig: "Die Ziele, die unser gottbegnadeter Führer dem deutschen Volk vorgezeichnet und die Wege, die er ihm gangbar machen will, benötigen auch die Mitwirkung der Ärzteschaft". In seiner Klinik wurden zwischen 1934 und 1937 1.050 als "erbkrank" deklarierte Menschen zwangssterilisiert. Himmler hatte ihn 1936 zum SS-Sturmbannführer ernannt. Oder da ist Otto Nordmann (1876 – 1946), in der Weimarer Republik Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei im Berliner Stadtparlament – dieser Partei gehörten auch Theodor Heuß, späterer Bundespräsident, und Walter Rathenau, Weimarer Außenminister, an. "Mit Begeisterung", sagte er auf einem Kongress 1939, würden sich auch die deutschen Chirurgen "für den weiteren Aufbau des Dritten Reiches zur Verfügung stellen". Seine Ehefrau Elisabeth wurde aber nach 1945 nicht müde, ihn als "leidenschaftlichen Gegner des Nationalsozialismus" zu feiern.
Jüdischen Kollegen wurde kurzerhand die Tür gewiesen
Einer dieser jetzt quasi angeprangerten Präsidenten – Wilhelm Röpke – paktierte schon im April 1933 offen mit den Nazi-Schergen. Er sagte in seiner Präsidentenrede vor der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie: "Ich bitte alle Herren Redner . . .,deren Auftreten hier angesichts der nationalen Strömungen Unruhe oder Missstimmung hervorrufen könnte, zurückzutreten, denn der ruhige Verlauf unserer Tagung und die Würde unserer Gesellschaft geht allem anderen voran". Im Klartext: Jüdischen Kollegen, die schon lange vor dieser Tagung zu Redebeiträgen aufgefordert worden waren, wurde die Tür gewiesen. Die im Saal anwesenden Chirurgen spendeten daraufhin "lebhaften Beifall", wie ein Protokoll vermerkt. Im selben Jahr – also 1933 – gab es einen Erlass der Universität Leipzig: "Um den sehr hohen Prozentsatz jüdischer Studenten in Einklang zu bringen mit ihrem Anteil an der Bevölkerung, sollen in den nächsten zehn Semestern keine Juden mehr immatrikuliert werden. Als Jude soll gelten, bei wem über 25% jüdischer Rassenteil festgestellt wird".
Dubiose Rollen von Ferdinand Sauerbruch und Martin Heidegger
In dem Buch der Professoren Michael Sachs, Heinz-Peter Schmiedebach und Rebecca Schwoch ("Die Reden der Präsidenten", Kaden Verlag Heidelberg) werden auch zwei weltweit bekannte Wissenschaftler entlarvt, indem die Autoren fragen: "Was bringt schließlich den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch und den Philosophen Martin Heidegger dazu, im November 1933 mit über 300 renommierten deutschen Wissenschaftlern und Akademikern das öffentliche Bekenntnis zu Adolf Hitler mit Lobreden persönlich zu unterstützen?" Sauerbruch damals wörtlich: "Aber ein gewaltiges Bekenntnis der ganzen Nation zum Willen unseres Führers und seiner großen Aufgaben muss der Welt zeigen, dass Deutschland erwacht ist".
Auch der Opfer dieser Schreckenszeit wird gedacht
Die Chirurgen von Heute prangern aber nicht nur die Vergehen, Versäumnisse und Verbrechen ihrer Kollegen von damals an. Sie gedenken auch der Opfer, wie dem Buch zu entnehmen ist: "Bei der Durchsicht unserer Annalen vermissen wir 217 chirurgische Kollegen, die als ehrenwerte Mitglieder der Deutschen Chirurgischen Gesellschaft zwischen 1933 und 1945 aus Praxis und Klinik verjagt, in Verhörkellern und Konzentrationslagern gefangen und schließlich expatriiert wurden. Einige wurden entrechtet in den Freitod getrieben, andere ermordet. Ihnen gilt unsere Aufarbeitung". Eine Zahl, die während der Pressekonferenz im Berliner Langenbeck-Virchow-Haus, dem Sitz der Gesellschaft seit 1892, bekannt wurde, spricht für sich – und für die schreckliche Zeit, um die es geht: 1933 hatte Berlin 3.600 Kassenärzte – davon waren mehr als 2.000 jüdischen Glaubens. Sie wurden über Nacht, auch angesichts ihrer Kollegen, zu Aussätzigen. Diesen Opfern übrigens will die Chirurgische Gesellschaft eine zweite Publikation widmen. Das scheint auch dringend erforderlich, denn die Kenntnisse heutiger Medizinstudenten über die Zeit des NS-Regimes "müssen als lückenhaft bezeichnet werden", so Professor Steinau, einer der Initiatoren der Vergangenheitsaufarbeitung in diesem Buch.
