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Chitosan - technisches Multitalent aus der Natur

Industrieller Rohstoff aus Krabbenschalen und Schimmelpilzen

Krabben-Schalen - ein wertvoller Rohstoff - Freiburgerin84
Krabben-Schalen - ein wertvoller Rohstoff - Freiburgerin84
Chitosan leitet sich vom Chitin ab, Strukturgeber im "Außenpanzer" von Insekten und Krebsen. Es bindet Chemikalien und Wirkstoffe und wird zunehmend industriell genutzt.

Chitosan ist ein Biopolymer, also eine aus vielen gleichen Molekülen aufge­baute Substanz, die natürlich als Be­stand­teil der Zellwandmatrix in lebenden Organismen anzutreffen ist. Es dient als Strukturbildner für die Form und kann auch Grundlage für die Einbettung funktioneller Elemente in die Zellwand sein. Chemisch gesehen handelt es sich dabei um ein Polyaminosaccharid (Vielfach-Aminozucker), das sich vom Chitin ableitet.

Natürliche Vorkommen von Chitin

Chitin findet man beispielsweise im „Außenpanzer“ von Insekten, Krebsen oder Spinnentieren, wo es nicht etwa für die Härte des Panzers, sondern für dessen Elastizität und Weichheit verantwortlich ist. Auch die Zellwand vieler Pilze enthält Chitin. Die Substanz hat ähnliche Funktionen wie Zellulose bei höheren Lebewesen. Chitosan und Zellulose weisen eine ähnliche Molekül­struktur auf.

Gewinnung aus Krabbenschalen und Schimmelpilzen

Chitosan wird technisch aus Chitin durch Deacetylierung gewonnen. Hier­bei entstehen durch Einsatz von Natron­lauge oder Enzymen Produkte mit unter­schiedlicher Form, Gewicht und Eigen­schaften. Chitosan als Naturprodukt ent­hält in geringen Mengen (anorganische und organische) Verunreinigungen, wobei die Krabbenprodukte reiner als Pilzprodukte sind.

Manche Pilze enthalten neben Chitin in ihrer Zellwand auch Chitosan; aus ihnen kann Chitosan direkt gewonnen werden. Mucor rouxii – ein Schimmelpilz, der pflanzliche Nahrung wie zum Beispiel Obst zersetzt – bildet das Enzym Chitin-Deacetylase, um die Anreiche­rung von Chitosan in der eigenen Zell­wand zu fördern, damit sie der Erken­nung durch die Wirtspflanze entgehen. Der Chito­san-Gehalt in der getrockneten Biomasse von M. rouxii beträgt fünf bis zehn Pro­zent, der der Zellwände 30 bis 40 %. Daher ist die direkte Chitosan-Gewin­nung durchaus auch wirtschaftlich interessant.

Eigenschaften: Schadstoffbindend, antimikrobiell, ungiftig

Chitosan ist ein farbloser, zäher, säure­löslicher Stoff. Mit abnehmender mola­rer Masse ist auch Chitosan in Wasser und sogar in Laugen löslich.

Während der Herstellung von Chitosan aus Chitin ent­stehen zahlreiche freie Aminogruppen, die das Chitosan mit einer positiv gela­denen Oberfläche (Polykation) versehen. Bei Kontakt mit negativ geladenen Ober­flächen von Bakterien, Viren oder Pilzen werden diese zerstört. Es ist ungiftig, antibakte­ri­ell, antiviral und antiallergen. Chitosan besitzt je nach Deacetylierungsgrad und Kettenlänge (Molekulargewicht) unter­schiedlich stark ausgeprägte Eigen­schaften:

  • hat eine hohe (positive) Ladungsträgerdichte
  • ist biologisch abbaubar, ungiftig
  • hemmt Bakterien und Pilze
  • bildet Film und Fasern, vernetzend
  • hemmt Entzündungen, heilt Wunden
  • bindet Gerüche
  • bindet Fett
  • stimuliert Immunsystem und Stoffwechsel
  • bindet Proteine, Schwermetalle, Schwebstoffe
  • nicht thermoplastisch, wird bei 280°C zersetzt
  • wirkt koagulierend, blutstillend (Blutgerin­nung)
  • wirkt abrasiv (in Zahnpasta)

Diese Eigenschaften von Chitosan werden auch heute schon vielfältig genutzt:

  • In der (Ab-)Wasser­behandlung (Wassergewin­nung, Kläranlagen) dient es als Filter zur Protein- und Schwermetall­bindung
  • Im Labor wird Chitosan biotechnologisch verwendet zur Enzym-, Zellmobili­sierung, Protein­bindung, -separation, Chromatographie, sowie als Ionentauscher
  • In der Medizin/Pharma­zie dient es als Wirkstoff in Verbänden, Wund­auflagen (zum Beispiel Chitoskin®), Schwämmen, künst­liche Haut, zur Kariespro­phylaxe und Arzneimittel­freisetzung
  • In Kosmetika zugesetzt wirkt Chitosan als Filmbildner und Feuchtehalter
  • In der Ernährungsindustrie bindet es Schweb­stoffe (Getränke). Als Nahrungsergänzungmittel wird es als „Fettblocker“ gepriesen.

Derzeit wird auch untersucht, Chitosan in funktionelle Textilien einzubauen, um das antimikrobielle Abwehrsystem der Haut zu unterstützen. Auch als Imprägnierungslösung und für Stoffbeschichtungen wird der Einsatz von mikrokristallinem Chitosan diskutiert.

Das Multitalent kann fast alles - als Fettblocker im Körper ist es untauglich

Die technologischen Eigenschaften des Multitalents Chitosan werden heute schon ansatzweise industriell genutzt. Darüber hinaus steht mög­licherweise im medizinischen Bereich in Zukunft eine Wirk­stoff-Alternative mit breiten Anwen­dungs­möglichkeiten zur Vorbeu­gung und Behandlung von Infektionen zur Verfügung.

Im Gegensatz dazu muss die Hoffnung auf den „Fettmagneten“ ad acta gelegt werden. Das in Nahrungsergänzungs­mitteln als Fettblocker gepriesene Chitosan soll nach Werbeaussagen eine Gewichtsreduktion durch Blockierung der Fettaufnahme im Darm bewirken. Dieser Effekt ist jedoch so gering, dass die Anwendung keinen Sinn macht. Außerdem ist die Verwendung als Nahrungszusatz strittig, denn Nahrungsergänzungsmittel sollten ja dem Körper Nähr- und Wirk­stoffe zufügen und nicht entziehen!

Vertiefende Informationen:

Ilium L: Chitosan and its use as a pharmaceutical excipient. Pharmaceutical Research 15 9 (1998) 1326-31

Niederhofer A: Biotechnologische Herstellung von niedermolekularem Chitosan aus Mucor-Spezies als pharmazeutischer Hilfsstoff. Dissertation (Kiel 2003)

Pittler MH, Ernst E: Dietary supplements for body-weight reduction: a systematic review. Am J Clin Nutr 79 4 (2004) 529-36

Steneberg A: Chitosan - ein in Medizin und Industrie vielfältig einsetzbarer Stoff aus Krabbenschalen und Schimmelpilzen. UMWLELT & GESUNDHEIT 20 4 (2009) 137-8

Andreas Steneberg, Andreas Steneberg

Andreas Steneberg - Als ausgebildeter Ernährungswissenschaftler (Dipl. oec. troph.) hat der Autor langjährige Erfahrungen mit ...

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