Chopins langer Winter auf Mallorca

In Valldemossa wird zum 200. Geburtstag des Komponisten gestritten

Idyllische Bergwelt rund um Valldemossa - Wilhelm Ruprecht Frieling
Idyllische Bergwelt rund um Valldemossa - Wilhelm Ruprecht Frieling
Wer Mallorca jenseits vom Ballermann bereist, kommt an Frederic Chopin nicht vorbei. Im malerischen Bergdorf Valldemossa kann man seine damalige Behausung besichtigen.

Ganze 98 Tage verbrachte der polnische Klavierkomponist auf Mallorca. Im November 1838 siedelte der lungenkranke Meister auf die Insel um, weil er sich Linderung seines Lungenleidens erhoffte. Im ehemaligen Kloster von Valldemossa bezog er ein zellenartiges Zimmer neben seiner langjährigen Geliebten George Sand.

Kartause von Valldemossa

Valldemossas Kartause schien Chopin ein „seltsamer Ort“: „Die Zelle hat die Form eines hohen Sarges, das Deckengewölbe ist gewaltig, verstaubt, das Fenster klein, vor dem Fenster Orangen, Palmen, Zypressen; gegenüber dem Fenster mein Bett auf Gurten unter einer mauretanischen, filigranartigen Rosasse. Neben dem Bett ein nitouchable, ein quadratisches Klapppult, das mir kaum zum Schreiben dient, darauf ein bleierner Leuchter […] mit einer Kerze, Bach, meine Kritzeleien und auch anderer Notenkram … still … man könnte schreien … und noch still.“

Hatte er Sonne und warme Lüfte erwartet, wurde Chopin vom mallorquinischen Winter in der zerklüfteten Bergwelt Valldemossas überrascht. Es war regnerisch und kalt, Feuchtigkeit drang ihm in die Glieder, der Pianist erlitt eine schwere Lungenentzündung. Als Ironie des Schicksals mag gelten, dass er in seinen drei Inselmonaten sein berühmtes „Regentropfen-Prélude“ in Des-Dur schrieb.

Ein Winter auf Mallorca

Dokumentiert wurde der Aufenthalt von seiner Geliebten, der französischen Schriftstellerin George Sand (eigentlich: Amandine-Aurore-Lucile Dupin de Francueil). Sie setzte ihm mit ihrem Werk „Ein Winter auf Mallorca“ ((„Un Hiver à Majorque“) ein Denkmal. Die Schriftstellerin stellt darin die Mallorquiner selbst in ein äusserst schlechtes Licht, denn sie schnitten die beiden als unverheiratetes, exotisches Paar. Gleichwohl ist der Roman heute ein in viele Sprachen übersetzter Bestseller in mallorquinischen Souvenirshops.

Streit um Chopin-Klavier

Hunderttausende Touristen besuchen jedes Jahr die durch Chopins Aufenthalt geadelte Kartause und durchstreifen ehrfürchtig die beiden Zellen Nummer 2 und 4, in denen er mit George Sand und ihren beiden Söhnen hauste. Sie bestaunen das dort angehäufte Inventar und diverse Chopin-Reliquien, die von den beiden heutigen Besitzern der jeweiligen Zellen getrödelt und zusammen gekauft wurden.

Bislang galt Zelle 2 als der Ort, in dem der Meister die Tasten des dort stehenden Klaviers berührte. Das wird jedoch seit Jahrzehnten bestritten, und die beiden Zelleneigentümer liefern sich seitdem eine peinliche Schlammschlacht, die gerichtlich beendet wurde. Danach hat nur Zelle 4 den Anspruch auf Chopin.

Pleyel-Klavier in Zelle 4

Fakt ist, dass Chopin das von ihm eigens bestellte Klavier der Marke Pleyel zu spät erhielt und deshalb auf einem bescheidenen Instrument komponierte, das er von Einheimischen mietete. Erst im Januar 1839 traf der Pleyel ein, der heute in Zelle 4 steht und anhand der Seriennummer eindeutig identifiziert werden konnte.

Als verschollen gilt indes das in den ersten Monaten von dem Pianisten genutzte „arme mallorquinische Klavier“. Das heute in Zelle 2 stehende Klavier, mit dem die Besitzer heftig werben und neben dem sich Berühmtheiten aus aller Herren Länder gern ablichten lassen, hat jedenfalls mit Chopin wenig zu tun gehabt. Bereits 1930 erklärten die damaligen Besitzer der Zelle das Instrument als verloren.

Gerichtsentscheidung im Jubiläumsjahr

Das heute ausgestellte „Original“-Piano hat nach Ansicht von Fachleuten zu Zeiten Chopins überhaupt noch nicht existiert. Deshalb hatten die Besitzer der Zelle 4 die Eigentümer von Zelle 2 wegen „unerlaubter Werbung“ verklagt, um endlich Ruhe in die Diskussion zu bringen.

Am 29. Juni 2010 begann der Prozess, bei dem geklärt werden sollte, auf welchem Klavier und in welcher Zelle der vor zweihundert Jahren am 1. März 1810 geborene Frederic Chopin tatsächlich spielte und seine insgesamt 24 „mallorquinischen“ Etüden ersann. Auf der Grundlage zahlloser Gutachten und Stellungnahmen wurde das Verfahren am 31.01.2011 zugunsten Zelle 4 entschieden

Dem Chopin-Tourismus tut der Streit hinter den Kulissen kaum weh. Touristen, die nicht auf „Ballermann“ aus sind, kommen so oder so nach Valldemossa.

Wilhelm Ruprecht Frieling, © Wilhelm Ruprecht Frieling

Wilhelm Ruprecht Frieling - Wilhelm Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi ist seit 40 Jahren als Autor und Verleger aktiv. Er veröffentlichte in deutschen und ...

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