Chorwerk "Canto General" von Mikis Theodorakis und Pablo Neruda

"Canto General" mit dem Rundfunkchor Berlin - Schott Music
Der griechische Komponist Mikis Theodorakis vertonte Teile des Heldenepos "Canto General", das der chilenische Nobelpreisträger Pablo Neruda verfasst hat.

Der griechische Komponist und Schriftsteller Mikis Theodorakis (geboren 1925) kam nicht als Erster auf die Idee, den "Canto General" von Pablo Neruda zu vertonen. Es gab eine musikalische Version, die durch eine chilenische Gruppe in den frühen Siebziger Jahren aufgeführt wurde. Theodorakis, der seit dem Militärputsch 1967 in Griechenland im Untergrund lebte, dessen Musik verboten war, der verhaftet und gefoltert wurde, nur knapp dank einer internationalen Solidaritätsaktion freikam und seit 1970 im Exil lebte, hatte Neruda in Paris kennen gelernt. 1971 reiste er durch seine Vermittlung für ein halbes Jahr nach Chile, wo er sich schnell heimisch fühlte. Die beiden Friedenskämpfer standen einander politisch und künstlerisch nahe.

Heldenepos über den antikolonialistischen Kampf Südamerikas

Der Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda (1904-1921) hatte in den Dreißiger Jahren begonnen, den umfangreichen, 231 Gedichte in 15 Abschnitten enthaltenden Zyklus "Canto General" (Großer Gesang) über den Kampf Südamerikas gegen Kolonialismus und Ausbeutung zu schreiben. Vor allem arbeitete er in den Fluchtjahren 1948/49 daran, als er ständig seinen Aufenthaltsort wechseln musste und von nicht-intellektuellen, einfachen Menschen, die ihn kannten und seine Dichtung liebten, versteckt und weitergeschickt wurde. Das revolutionäre Heldenepos beschwört in Anlehnung an die biblische Schöpfungsgeschichte in praller Bildhaftigkeit die Naturschönheiten des südamerikanischen Kontinents herauf und ruft zum Widerstand der Völker Amerikas gegen Invasoren und wirtschaftliche Eroberer auf. Der teils polemisch politisierende, vom lateinamerikanischen Kommunismus des 20. Jahrhunderts beeinflusste Geist dieses Opus sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um ein gewaltiges, weltliterarisch bedeutendes und dadurch zeitloses naturphilosophisches Lyrikwerk handelt.

Oratorium für zwei Solostimmen, gemischten Chor und Orchester

Ähnlich wie der argentinische Komponist Ariel Ramirez verfolgt auch Mikis Theodorakis ein volksmusikalisches Konzept, um orale Traditionen des Volkslieds mit anspruchsvolleren Elementen der klassischen Musik zu verknüpfen. Die dichterische Unmittelbarkeit des "Canto General" beeindruckte Theodorakis so stark, dass er beschloss, daraus ein Oratorium für zwei Solostimmen, gemischten Chor und Orchester zu machen. Dafür wählte er ein Dutzend Gedichte aus Nerudas Zyklus "Canto General" aus.

Erste Konzerte des "Canto General" in Buenos Aires und Mexiko

Obwohl Theodorakis insgesamt zehn Jahre, von 1972 bis 1982, an dieser Komposition arbeitete, wurden die ersten sechs Teile bereits 1973 in Buenos Aires und Mexiko aufgeführt, kurz vor Pablo Nerudas Tod, der die Konzerte nicht mehr besuchen konnte. Neruda starb im September 1973, zwölf Tage nach Militärputsch und Tod des chilenischen Präsidenten Salvador Allende, an einer Krebserkrankung. Sein Sterbehaus wurde von Militärs bewacht und später von Soldaten geplündert.

Uraufführung des "Canto General" von Mikis Theodorakis in Ost-Berlin 1981

Uraufgeführt wurde der gesamte Canto General 1981 in Ost-Berlin, in Chile war das Werk erstmals 1993 live zu hören. Das Chorwerk wurde mittlerweile von Hunderten Laienchören und Musikgruppen in aller Welt einstudiert. Trotz der für Freizeitsänger besonders schwierigen wechselhaften Rhythmen genießt es große Beliebtheit und gilt als fröhliche Herausforderung für Laienchorsänger.

Glücksmusik für Laienchöre in aller Welt

Die Eindringlichkeit des von südamerikanischer und griechischer Folklore stark beeinflussten volkstümlichen Werkes könnte als Glücksmusik charakterisiert werden, die bei Sängern, Instrumentalisten, Dirigenten und Zuhörern (völlig unpolitische) euphorische Gefühle weckt. Manchmal gestalten sich die Aufführungen als Massenauftritte mit mehreren Hundert Mitwirkenden und verschiedenen Chören, wodurch die mitreißende Energie, die dieses Werk ausstrahlt, noch verstärkt wird.

Quellen:

Canto General. Booklet. Schott Music Intuition Verlag.

Pablo Neruda: Gedichte. Spanisch und Deutsch. Nachwort von Erich Arendt. Suhrkamp 1963.

Pablo Neruda: Confieso que he vivido (Ich bekenne ich habe gelebt). Autobiografie.

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

rss