Christian Schertz/Dominik Höch - Privat war gestern

ChSchertz/Höch Privat war gestern  Buchcover - Ullstein Verlag
ChSchertz/Höch Privat war gestern Buchcover - Ullstein Verlag
Privatsphäre ist ein Wert, der in unserer multimedialen Welt immer mehr an Bedeutung verliert. Die Autoren zeigen die verhängnisvollen Folgen auf.

Die beiden Medienrechtler Christian Schertz und Dominik Höch spielen mit dem Buchtitel auf den berüchtigten Ausspruch von Facebook Gründer Mark Zuckerberg an, der behauptete, dass Privatsphäre veraltet sei. Für die beiden Autoren drückt sich darin ein verhängnisvoller Trend aus, der in den Medien und im Internet um sich greift. Privatsphäre ist ein Wert, der zur Menschenwürde gehört und letztendlich für eine demokratische Gesellschaft nötig ist. In den Medien, im Internet und in der Rechtsprechung wird der Wert Privatsphäre zunehmend demontiert.

Privat war gestern: Rasanter Wandel der Medienlandschaft und der Werte

Innerhalb weniger Jahre hat sich das Verständnis von Privatsphäre gründlich gewandelt. Was früher für viele eine negative Utopie war - jederzeit erreichbar zu sein, Intimes in der Öffentlichkeit auszubreiten – ist inzwischen eine Sucht geworden. Im Fernsehen entblößen sich Normalbürger körperlich und seelisch vor Millionenpublikum, im Internet teilen sie Fotos, Meinungen und Gedanken unzensiert aller Welt mit, in der Presse werden Unbekannte wie Prominente ausgeschnüffelt und ausgestellt, auch gegen ihren Willen. Schertz und Höch kennen aus ihrer Rechtsanwaltspraxis die Folgen, die das für die Betroffenen haben kann – Diffamierung, Denunzierung und Rufmord, bis hin zum Selbstmord.

Privat war gestern: Privatsphäre als neuerrungenes Privileg und wichtiger Wert

Die Autoren beleuchten zu Beginn des Buches den Begriff Privatsphäre. Warum ist er als Wert schützenswert und unabdingbar für den Einzelnen und die Gesellschaft? Ein kleiner Exkurs in die Geschichte zeigt, dass Privatsphäre lange Zeit unbekannt oder ein Luxus war und erst seit der Neuzeit als Teil der Menschenwürde begriffen und geschätzt wird. Mit der Ausbreitung von Handy, Internet und Privatfernsehen wandelte sich die Bereitschaft, Privates öffentlich zu machen. Paradoxerweise herrscht ein tiefes Misstrauen gegen Staat und Behörden, aber im Internet werden private Daten einer anonymen Öffentlichkeit freiwillig zur Verfügung gestellt.

Privat war gestern: Mediale Selbstdarstellung und die Folgen

Statt digitaler Mündigkeit herrschen Naivität und Unkenntnis, wenn es um den Umgang mit Daten im Internet geht. „Der Mensch hat einen neuen Gegner im Umgang mit seinen Daten:sich selbst.“ Wenn man etwas eingestellt hat, ist Kontrolle hinterher praktisch nicht mehr möglich, Facebook ist dafür das eklatanteste Beispiel. Im digitalen Netz gibt keine Verfallszeit und damit keinen Neuanfang. „Wer die Tür aufgemacht hat, bekommt sie nicht mehr zu“.

Privat war gestern: Verlust des gesetzlichen Schutzes

Selbstbegebung nennt sich juristisch das freiwillige Exponieren in Medien. Wer das betreibt, kann später nicht auf den Schutz der Gerichte pochen, wenn ihm das Ergebnis nicht gefällt. Mediale Selbstdarstellung ist inzwischen selbst für Politiker ein Muss. Personalisierung und Skandalisierung, Exhibitionismus und Voyeurismus spielen sich in die Hände. Schertz und Höch zitieren mit leichter Ironie schiefgelaufene Selbstvermarktungsbeispiele von Karl Theodor von Guttenberg und Heide Simonis und linke Politiker, die für ihren Erzfeind BILD werben.

Privat war gestern: Boulevardpresse und Medienopfer

Tragisch wird es da, wo Menschen unfreiwillig zu Medienopfern werden. Schertz und Höch bringen zahlreiche Beispiele, wie einfache Menschen diffamiert und ausgebeutet werden. Daten aus Social Media Portalen werden von anderen Medien zweitverwertet, traumatisierte Angehörige überrumpelt: „man kann sagen, dass die Verletzung der Privatsphäre zum Geschäftsmodell der Boulevardpresse gehört“. Das ist kein Privileg der BILD Zeitung und der Privatsender, „Brisant“ und „Hallo Deutschland“ halten die Autoren für mindestens ebenso verwerflich.

Privat war gestern: Der Gesetzgeber geht mit schlechtem Beispiel voran

Neben der Medienschelte verschonen die Autoren auch ihren eigenen Berufsstand nicht von Kritik. Das „Spick mich Urteil“ des Bundesgerichtshofs sehen sie als fatale Aufweichung des Persönlichkeitsschutzes. Die mediale Aufrüstung der Staatsanwaltschaft gefährdet das Rechtssystem. In bekannten Fällen wie z.B. Klaus Zumwinkel und Jörg Kachelmann geben die Ermittlungsbehörden aktiv Informationen an die Presse, am medialen Pranger werden Promis vorverurteilt.

Privat war gestern: Bestandsaufnahme und Zwischenruf

„Privat war gestern“ ist ein Überblick über die gegenwärtige Medienwelt. Es beleuchtet das Verständnis von Privatheit in früheren Zeiten und den Wandel, den es in den letzten Jahren durchgemacht hat. Dazu betrachten die Autoren die Entwicklung der Bereiche Fernsehen, Presse und Internet. Zahlreiche Beispiele aus der Anwaltspraxis machen deutlich, dass ein laxer Umgang mit der Privatsphäre fatale Folgen für den Betroffenen hat. Die bedenkliche Entwicklung in der Gesetzgebung wird ebenfalls thematisiert. Als Zwischenruf wollen Schertz und Höch ihr Buch verstanden wissen. Das ist gelungen. Was man als Leser vermisst, sind praktische Lösungen. Die werden in „Privat war gestern“ nur kurz erwähnt, weiterführende Literaturhinweise oder Hilfsadressen gibt es nicht. Ein Handbuch zum Umgang mit der neunen Medienwelt steht noch aus, „Privat war gestern“ zeigt, dass ein dringender Bedarf besteht.

Christian Schertz, Dominik Höch. Privat war gestern. Wie Medien und Internet unsere Werte zerstören. Ullstein Verlag. September 2011.Gebunden. 256 Seiten.19.99 €

Brigitte Grahl, Brigitte Grahl

Brigitte Grahl - Nach meinem Studium der Germanistik und Publizistik an der FU habe ich als freie Journalistin bei Print- und Online-Medien ...

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